"Uns jetzt in den Himmel loben, ist der falsche Ansatz"

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„Das war Fußball von einem anderen Stern.“

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach brachte jene Emotionen zum Ausdruck, die nach einer Machtdemonstration wie dem 7:1 gegen Brasilien einfach dazugehören.

„Ich weiß nur, dass es ein historischer Tag ist. Sensationell, märchenhaft, diese Ausdrücke reichen nicht aus. Jetzt soll der vierte Stern her.“

Damit stand er im deutschen Lager aber beinahe alleine da. Denn anstatt nach dem höchsten WM-Semifinalsieg der Geschichte auf Wolke sieben zu schweben, regierte bei den Spielern die Demut.

„Leichtes Spiel“ dank Ruhe und Abgeklärtheit

„Das war natürlich nicht unbedingt zu erwarten. Aber da sieht man mal, wie unterschiedlich Spiele laufen können“, spielte Thomas Müller auf die Kritik nach dem knappen Aufstieg gegen Algerien an.

Gegen die Gastgeber wurden die Chancen eiskalt ausgenützt, schon nach 29 Minuten war der Sieg mit dem zwischenzeitlichen 5:0 praktisch in trockenen Tüchern.

Den Blitzstart führte das deutsche Team auf die gute Analyse im Vorfeld und die offensive Strategie Brasiliens zurück. Danach hatte man laut Bundestrainer Joachim Löw „leichtes Spiel“.

„Es war wichtig, der Leidenschaft und den Emotionen der Brasilianer mit Ruhe, Abgeklärtheit, Beharrlichkeit zu entgegnen und auch mit Mut. Brasilien war dann auch geschockt.“

„Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten“

Tatsächlich hatten sich die Kicker vom Zuckerhut viel vorgenommen und wollten für den verletzten Neymar an ihre Grenzen gehen – vergebens.

Schon der erste Gegentreffer nach falschem Stellungsspiel von David Luiz gegen Torschütze Müller ließ das Konzept der Hausherren wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen.

„Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten, allen, die so viel zu leiden haben. Leider haben wir das nicht geschafft. Ich möchte mich bei allen Brasilianern entschuldigen“, brach der Abwehrchef in Tränen aus.

Mit einer inferioren Abwehrleistung offenbarten die Südamerikaner den gut geordneten Deutschen Chance um Chance – vor allem durch schnelle Gegenstöße und Standards.

Eine Einheit inklusive WM-Rekordtorschütze

„Wir haben gewusst, wenn wir schnell kontern und schnell nach vorne spielen, ist die Abwehr der Brasilianer ungeordnet. Das hat man schon in den letzten Spielen gesehen. Wir haben gewusst, wir werden sie erwischen“, analysierte Löw den Schlüssel zum Erfolg.

Sein Team agierte wie eine Einheit und spielte sich zwischenzeitlich in einen Rausch. Toni Kroos sowie Andre Schürrle bejubelten Doppelpacks und Miroslav Klose schrieb mit seinem 16. WM-Treffer, mit dem er alleiniger Rekordtorschütze wurde, Geschichte.

Brasilien

Deutschland

Ballbesitz

46,5%

53,5%

Zweikämpfe

46,5%

53,5%

Eckbälle

7

5

Torschüsse

18

14

Torschüsse außerhalb Strafraum

9

4

Torschüsse innerhalb Strafraum

9

10

Kopfballchancen

0

0

Abseits

3

0

Fouls

11

13

„Ich kann es noch nicht so richtig fassen, das ist schwer nach so einem Spiel. Wir haben wirklich super angefangen, und dass wir toll harmonieren können, sieht man auch schon im Training“, meinte der Lazio-Stürmer, der auf seinen gewohnten Salto nach Übertreffen des Ronaldo-Rekords verzichtete.

Während Deutschland seinen zweithöchsten WM-Sieg nach dem 8:0 gegen Saudi Arabien 2002 bejubeln durfte und in Ruhe auf den Final-Gegner warten kann, brach für Brasilien eine Welt zusammen.

Brasilien versinkt nach „schrecklicher Niederlage“ in Tränen

Die Erwartungen in die Selecao waren bei der Heim-WM so groß wie nie. Doch die Spieler hielten diesem Druck schlussendlich nicht stand und mussten sich noch dazu demütigen lassen.

„Ich kann es nicht erklären, das ist unerklärbar. Die Deutschen waren einfach stark, das müssen wir anerkennen. Nach dem ersten Tor sind wir zusammengebrochen, das hatte keiner erwartet. Ich bin wirklich sehr traurig“, trauerte Keeper Julio Cesar der großen Chance auf den Finaleinzug nach.

Teamchef Felipe Scolari, der Brasilien 2002 zum Titel geführt hatte, erlebte einen absoluten Tiefschlag, obwohl er versicherte, das getan zu haben, was er für das Beste gehalten hatte.

„Das ist die schlimmste Niederlage aller Zeiten, das 1:7 ist schrecklich, furchtbar. Aber das Leben geht weiter. Dem brasilianischen Volk möchte ich sagen: Bitte entschuldigt diese Niederlage.“

„In den Himmel loben, ist der falsche Ansatz“

Die Deutschen mussten sich keinen Vorwurf gefallen lassen. Ein bisschen Mitleid mit den unglücklich agierenden Gastgebern war möglicherweise dabei, im Vordergrund standen jedoch die eigenen Heldentaten.

„So etwas gab es noch nicht oft und wird es auch nicht mehr oft geben. Von daher sollten wir das jetzt genießen und veredeln. Jetzt versuchen wir alles, um den ganz großen Traum wahr werden zu lassen“, jubelte Innenverteidiger Mats Hummels.

Bis auf den DFB-Präsidenten hielten sich die meisten jedoch zurück und spuckten keine großen Töne. Eine Tatsache, die für die totale Titel-Fokussierung des deutschen Teams spricht.

„Es geht jetzt weiter, ein bisschen Demut ist auch gut. Man darf das jetzt nicht überbewerten und muss konzentriert bleiben bis am Sonntag. Die Spieler sind sehr geerdet und bereit, den nächsten Schritt zu machen“, blieb Löw auf dem Boden.

Und auch Müller trat bewusst auf die Bremse: „Jetzt wird man uns in den Himmel loben, das ist aber der falsche Ansatz. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.“

Bei einem 7:1 ist das gar nicht so leicht. Schließlich wird es ein derartiges Ergebnis voraussichtlich nicht mehr allzu oft geben.

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