Hitzfeld: "Solche Emotionen erlebt man nur im Fußball"

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Schicksalsschläge nehmen keine Rücksicht, auch nicht auf eine Fußball-WM.

Mit welchen Emotionen die Schweiz in das Achtelfinal-Duell gegen Argentinien ging, ist schwer in Worte zu fassen.

Vor dem Versuch der Eidgenossen, erstmals in ein WM-Viertelfinale einzuziehen, verstarb in der Nacht auf Montag Ottmar Hitzfelds Bruder Winfried nach schwerer Krankheit.

Trotz Trauer gab der Teamchef der „Nati“ ein Rezept mit auf den Weg, das gegen die Gauchos beinahe aufging. So wurde es aber Hitzfelds letzter Auftritt auf der großen Bühne.

"Heute war ein gewaltiger Moment"

Nach insgesamt sieben deutschen Meistertiteln und zwei Champions-League-Triumphen nahm der 65-Jährige seinen Hut und beendete seine Trainerkarriere.

Mit der 0:1-Niederlage nach Verlängerung endete das achtjährige Schweiz-Engagement des Erfolgstrainers (30 Siege, 18 Remis, 13 Niederlagen), der zum erfolgreichsten Teamchef der Eidgenossen avancierte.

„Meine Mannschaft hat alles gegeben. In den letzten drei Minuten hat man noch einmal alles erlebt, was in einem Trainerleben möglich ist. Solche Emotionen erlebt man nur im Fußball. Aber heute war ein gewaltiger Moment. So kann man sich erhobenen Hauptes von der Fußball-Bühne verabschieden“, nahm Hitzfeld zum letzten Mal in offizieller Funktion Stellung.

Der Stolz, Messi und Co. über 120 Minuten an ihre Grenzen geführt und selbst Glanzlichter gesetzt zu haben, überwog im rot-weißen Lager.

Schweizer trotz Scheiterns stolz

„Die Schweiz hat heute große Sympathien in der ganzen Welt gewonnen. Darauf können wir stolz sein. Es war unglaublich spannend“, so Hitzfeld, dessen Team durchaus Chancen hatte, die Partie zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Tatsächlich wirkten die Gauchos mit dem aggressiven Spiel der Schweizer überfordert. Trotzdem gelang Angel di Maria in der 118. Minute der goldene Treffer.

„Leider gab es diesen einen Fehler zu viel. Es war mein Ballverlust in der Mitte, das sollte nicht passieren. Wir sind sehr enttäuscht, wir sind kaputt“, nahm Juventus-Legionär Stephan Lichtsteiner die Schuld auf sich.

In der 121. Minute hätte aber Blerim Dzemaili eine ganze Nation beglücken können, doch der Joker traf aus kürzester Distanz nur die Stange.

„Fußball ist total brutal“

Trotz allem müssen die Schweizer und allen voran Hitzfeld nicht gesenkten Hauptes die WM-Endrunde in Brasilien verlassen.

„Ein Gegentor in der 118. Minute ist ganz bitter. Wer so gewinnt, hat auch Glück“, meinte Hitzfeld, der den Moment des Abpfiffs nicht so schnell vergessen wird.

Co-Trainer Michel Pont pflichtete ihm in dieser Hinsicht bei. "Fußball ist total brutal. Es sind so viele Emotionen überall, auch mit dem Tod von Ottmar Hitzfelds Bruder vor dem Spiel. Wir haben die Spieler sehr gut vorbereitet. Sie haben gewusst, welche Chancen sie hier haben."

Auch Argentinien wusste, dass der knappe Aufstieg alles in allem eine Zitterpartie war, bei der man Souveränität weitestgehend vermissen ließ.

„Wir haben unser Leben gegeben“

Goldtorschütze di Maria, der von Lionel Messi mustergültig bedient wurde, hatte sich auf eine enge Angelegenheit eingestellt.

Argentinien

Schweiz

Ballbesitz

63,5%

36,5%

Zweikämpfe

55,95%

44,05%

Eckbälle

13

5

Torschüsse

29

15

Torschüsse außerhalb Strafraum

14

8

Torschüsse innerhalb Strafraum

15

7

Kopfballchancen

6

2

Abseits

1

1

Fouls

18

29

"Wir haben unser Leben gegeben. Wir haben gewusst, dass es sehr eng werden kann. Aber wir haben unsere Seele in dieses Spiel geworfen und gekämpft“, so der Real-Madrid-Star.

Trotz allem offenbarte das Spiel auch Schwächen der Sabella-Truppe, die weiterhin ihre Abhängigkeit von Messi nicht leugnen kann.

Die meiste Zeit kaum zu sehen, war der Barcelona-Turbo schlussendlich der Initiator des alles entscheidenden Angriffs.

"Wir haben es das ganze Spiel über schwer gehabt, aber solche Momente muss man überstehen. Ich war nervös, wie sich jeder vorstellen kann, weil wir lange kein Tor gemacht haben und mit jedem Fehler die Gefahr bestand, auszuscheiden“, gab der Kapitän zu.

Verlängerung für Argentinien eine Last

Auch Teamchef Alejandro Sabella atmete nach dem Schlusspfiff auf und muss seine Elf nun auf das Viertelfinal-Duell mit Belgien vorbereiten.

„Ich habe einmal als Spieler eine Verlängerung gegen England erlebt, aber als Trainer ist das eine noch viel größere Last. Wir hatten am Ende Glück. In der ersten Hälfte war es ausgeglichen, dann war es unser Spiel. Jetzt müssen wir uns gut erholen.“

Während Argentinien weiterhin vom WM-Titel im Land des Erzrivalen Brasilien träumen darf, treten die Schweizer die emotionale Heimreise vom Zuckerhut an.

Für Hitzfeld endet nicht nur seine letzte Weltmeisterschaft. Er verlässt zum letzten Mal überhaupt ein Spiel in Trainerfunktion. Der Abschied eines ganz Großen!

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