Toter Stürmer als Zusatzmotivation für Ecuador

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Ecuador spielt bei der WM in erster Linie für den vor knapp einem Jahr überraschend verstorbenen Christian Benítez.

Mit vier Toren in den ersten zehn Qualifikationsspielen brachte der vielseitige Angreifer, der in seiner Heimat schlicht Chucho genannt wurde, den kleinen Andenstaat auf Kurs Richtung Brasilien.

Im Juli 2013 wechselte der damals 27-Jährige vom mexikanischen Klub América, wo er gerade zum dritten Mal Torschützenkönig und erstmals Meister geworden war, nach Katar zu El Jaish. Kurz nach seinem ersten Einsatz im Golfemirat wurde Benítez mit starken Schmerzen im Unterleib in ein Krankenhaus gebracht, wo er am Tag darauf einem Herzstillstand erlag.

„Er ist für uns nicht zu ersetzen“

Ecuador schaffte es letztlich auch ohne Chucho, sich für die WM zu qualifizieren. Dennoch hinterlässt der mit 24 Toren drittbeste Team-Torschütze aller Zeiten eine gewaltige Lücke.

Benítez‘ Jugendtrainer Orlando Narvaez kennt die Wichtigkeit seines ehemaligen Schützlings: "Chucho hat die Rolle der hängenden Spitze perfektioniert. Er hat dabei drei Viertel des Platzes beackert, kam mal über links, mal über rechts und mal durch die Mitte und war dabei physisch enorm stark. Bis heute hat Nationaltrainer Reinaldo Rueda niemanden gefunden, der Chucho auch nur annähernd ersetzen kann."

Doch Benítez gehörte nicht nur auf dem Platz zu den wichtigsten Akteuren von „La Tri“. Vor allem seine Arbeit und sein Auftreten abseits des Rasens machen den Verlust für Ecuador besonders schmerzhaft. „Er ist für uns nicht zu ersetzen – weder spielerisch noch menschlich“, bedauert Teamchef Rueda.

Vorbild, Vermittler und Freund

Chucho war ein Vorbild für die Jüngeren. Bei jeder Reise in die Heimat besuchte er seinen ehemaligen Klub El Nacional in Quito, um die heranwachsenden Spieler zu motivieren und mit ihnen über ihre Probleme zu sprechen.

In der Nationalmannschaft war er der Garant für ein gutes Klima. „Im Team war er immer eine Art Vermittler“, erinnert sich Rueda und fügt traurig hinzu: „Für mich war er wie ein Sohn.“ Wenn der kolumbianische Übungsleiter die Contenance zu verlieren drohte, war es Benítez, der ihn beruhigte. „Damit ich keine Entscheidungen bezüglich seiner Mitspieler treffe, die ich später mal bereuen würde“, wie der 57-Jährige heute meint.

Kein Wunder also, dass Benítez auch unter seinen Mitspielern außerordentlich beliebt war. Antonio Valencia etwa twitterte am 1. Mai – dem Tag, an dem Chucho 28 Jahre alt geworden wäre – ein Bild mit dem ehemaligen Kollegen. Dazu schrieb der Mittelfeldmann von Manchester United: „Danke mein Gott, dass du mir diesen Freund geschenkt hast. Ich werde dir für immer dankbar sein.“

FIFA zwingt Ecuador, Chuchos Nummer zu vergeben

Wie eng die Beziehung zwischen Valencia und seinem ehemaligen Vordermann war, beweist auch ein Tattoo mit Chuchos Name, Nummer, Geburtsdatum und Todestag, das der Kapitän der Nationalmannschaft auf dem linken Oberarm trägt.

Auch der ecuadorianische Verband erwies Benítez die letzte Ehre. Das Trainingsgelände in Quito, in dessen unmittelbarer Nähe der ehemalige Goalgetter begraben liegt, wurde inzwischen nach ihm benannt. Zudem wollte Ecuador Chuchos Nummer 11 bei der WM nicht vergeben, was die FIFA aber letztlich verbot.

Somit wird neben Valencia auch Felipe Caicedo eine sichtbare Erinnerung an seinen ehemaligen Sturmpartner tragen – allerdings nicht auf der Haut, sondern nur auf der Rückseite seines Trikots.

„Wir werden für Chucho spielen“

Noch heute kommen vielen Spielern die Tränen, wenn Benítez bei der Videoanalyse vergangener Spiele zu sehen ist. Dennoch hofft Teamchef Rueda, dass diese Emotionen das Spiel seiner Mannschaft in Brasilien positiv beeinflussen können: „Wir müssen all diese Gefühle, die uns derzeit bewegen, möglichst in schöpferische Kraft umwandeln.“

„Wir werden für Chucho spielen. Er verdient das Beste und ich hoffe, dass wir ihm einige Erfolge widmen können“, versucht auch Valencia, sich mit Gedanken an seinen verstorbenen „Bruder“ zu motivieren.

So könnte Chucho Benítez seinem Team im engen Kampf um die Achtelfinalplätze in Gruppe E also doch noch einen letzten Dienst erweisen. Als Motivator, als Kraftquelle und – wie bereits zu Lebzeiten – als Garant für ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Mannschaft.

 

Manuel Preusser

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