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Der norwegische Klopp

In Salzburg kennen sie das mit dem „Klopp 2.0“ nur zu gut. Frag' nach bei Roger Schmidt, der mit diesem Label als gefeierter Leverkusen-Neo-Coach nur bedingt gut leben kann.

Adi Hütter? Der wurde nie als „Klopp 2.0“ bezeichnet. Aber nach seiner Übernahme in Salzburg und der Prolongierung der Schmidt’schen Spielidee war er – wenn auch unausgesprochen – „Schmidt 2.0“, also quasi die neue Version der neuen Version von Klopp.

„Es ist schön, in diesen Kontext gesetzt zu werden, aber ich fühle mich nicht wie Klopp. Unser Stil ist jenem Dortmunds sehr ähnlich, aber wir müssen uns vor Augen halten, dass wir auf einem ganz anderen Level sind.“

Roger Schmidt hat das nicht gesagt, könnte er aber. Adi Hütter hat das auch nicht gesagt, wenngleich es auch nicht verwunderlich wäre, hätte er es gesagt. Ronny Deila hat es gesagt.

Glasgow statt Malmö

Ronny wer? Diese Frage hat sich Anfang Juni 2014 zumindest halb Schottland gestellt. Ronny Deila ist „der norwegische Klopp“. Und er ist seit Sommer Trainer des Celtic FC.

Nun bekommt es der 38-Jährige mit Salzburg zu tun. Das hätte gut und gerne auch schon vor ein paar Wochen der Fall sein können, doch Malmö FF scheiterte im Jänner 2014 an der Verpflichtung des Norwegers.

Während Deila hierzulande ein ziemlich unbeschriebenes Blatt ist, kennt ihn in Skandinavien jedermann, der sich mit Fußball beschäftigt. Immerhin zeichnet der studierte Pädagoge für die außergewöhnlichste Erfolgsstory der jüngeren Fußball-Geschichte in seiner Heimat verantwortlich.

Flos riskante Entscheidung

Als der damalige Abwehrspieler – als ehemaliger Nachwuchs-Internationaler nicht untalentiert, aber alles andere als außergewöhnlich – 2006 als Kicker und Co-Trainer in Personalunion bei Strömsgodset IF anheuerte, war der Zweitligist eben erst haarscharf am Bankrott vorbeigeschrammt.

2006 stieg der Klub aus Drammen auf, 2007 hielt er die Klasse in der Tippeligaen und Trainer Dag Eilev Fagermo verabschiedete sich zu Konkurrent Odd Grenland. Sportdirektor und Klub-Legende Jostein Flo, der große Bruder des weitaus bekannteren Tore Andre Flo, traf anschließend die riskante Entscheidung, den 32-jährigen Deila auf den Cheftrainer-Posten zu hieven.

Angesichts der darauffolgenden Saisonplatzierungen elf und zwölf kann man nicht gerade davon sprechen, dass sich mit sofortiger Wirkung Erfolg eingestellt hätte. Doch das erwartete bei dem Klub, dessen Anhänger den bis dahin einzigen Meistertitel 1970 – wenn überhaupt – in Kinderschuhen erlebt hatten, auch niemand.

Ein Strip und ein String

Das Budget war klein, die Spieler – ebenso wie ihr Trainer – jung und unerfahren. Und da macht man dann eben auch mal Fehler. Etwa einen Strip im Stadion ankündigen, sollte der Abstieg vermieden werden. Deila aber löste sein Versprechen Ende Oktober 2009 ein, als am letzten Spieltag der Klassenerhalt fixiert wurde. Nur die Unterhose blieb. „Ich wollte die Kinder im Stadion ja nicht erschrecken“, grinste er danach.

Es war nicht das letzte Mal, dass der Trainer einen Hang zum Exhibitionismus erkennen ließ. Als sein Team 2010 einen formidablen Entwicklungssprung machte und es bis in Cup-Finale schaffte, tauchte er bei der Besprechung vor dem Match nur im String-Tanga seiner Frau in der Kabine auf. Er hätte damit seiner jungen Mannschaft die Nervosität nehmen wollen, erklärte er. Ob es tatsächlich geholfen hat, ist nicht nachvollziehbar. Fakt ist aber, dass das Endspiel gewonnen wurde.

„Everybody’s Darling“

Godset war wieder ein Teil der norwegischen Fußball-Landkarte und schickte sich an, den ganz großen Coup zu landen. Mehr und mehr wurde der Verein, der durchschnittlich gerade einmal 6.500 Fans zu seinen Heimspielen lockt, zu „Everybody’s Darling“.

Die Art, Ideen zu vermitteln

Der Trainer wurde in seiner Heimat nicht nur wegen seiner Art, Fußball spielen zu lassen, sondern auch wegen seiner Art, seine Ideen zu vermitteln, zu einem der größten Trainertalente Europas erklärt.

Er selbst beschreibt seine Philosophie so: „Gute Spieler können jeden Schritt, den sie am Feld machen, erklären. Es ist unsinnig, einen Spieler zu sagen, er soll wohin laufen, wenn er nicht versteht, warum das notwendig ist. Norwegische Trainer tendieren dazu, zu viel für ihre Spieler zu denken. Aber das Schwierigste ist, die Spieler dazu zu bringen, für sich selbst zu denken. Um sie dazu zu bringen, muss man die richtigen Fragen stellen.“

Es muss sich alles erst entwickeln

Dass der Norweger nur zu gerne Fragen stellt, wissen sie fast bei jedem Top-Klub Europas. Die Liste jener Vereine, bei denen er hospitiert hat, ist lang. Darunter zu finden sind Liverpool, Barca, Ajax und Man City. Und natürlich Klopps Dortmund.

Doch die Erfolge in Norwegen interessieren in Glasgow naturgemäß keinen mehr. Nach den vier Jahren unter Neil Lennon hat sich Celtic für Deila entschieden. Dass nicht wenige Fans ob der kolportierten Alternativen (Henrik Larsson, Roy Keane) enttäuscht waren, ist kein Geheimnis.

Und mit dem Ausscheiden im Champions-League-Playoff gegen NK Maribor hat sich der Neo-Coach in Schottland auch nicht beliebter gemacht.

Dabei nimmt Deila in jedem Interview mehrmals das Wort „Entwicklung“ in den Mund. Seine Vita beweist, dass er genau weiß, wovon er spricht, wenn er Zeit fordert. Klopp hat sie in Dortmund bekommen. Roger Schmidt in Salzburg auch.

Harald Prantl

Um zu verstehen, warum, sei die Analyse eines Spiels des norwegischen Taktik-Bloggers Harald Riisnäs zitiert: „Es ist finster, kalt, und es ist eine Minute nachzuspielen. Strömsgodset hat gegen Rosenberg ein 0:1 in ein 2:1 verwandelt. Eine Niederlage oder ein Unentschieden würde bedeuten, dass sie den Titelkampf verlieren. Die meisten Trainer würden auf Sicherheit spielen, den Ball auf die Tribüne schießen lassen. Was macht Strömsgodset? Sie strömen nach vorne. Nicht mit einem einsamen Stürmer, sondern mit sechs Mann. Zwei Spieler am Flügel, um zu flanken, vier im Strafraum, um abzuschließen. Ist es ein Wunder, dass wir Ronny Deila lieben?“

Deilas Truppe stand in Norwegen zu dieser Zeit für pure Unterhaltung. Für vertikales Spiel, für One-Touch-Football, für blitzschnell abgeschlossene Angriffe. „Bevor ich hässlichen Fußball spielen lasse, steige ich lieber ab“, hatte der Trainer schon 2009 gesagt.

Auswärts ist alles anders

Wobei es da schon eine nicht unwesentliche Einschränkung gibt. „Offensivfußball ist essenziell. Ich werde unrund und kann nicht sitzen bleiben, wenn ich mein Team sehe, wie es Angst davor hat, anzugreifen und passiv ist. Zumindest daheim…“

Seit dem 16. Juni 2011 hat eine von dem Norweger betreute Mannschaft in der Meisterschaft kein Heimspiel mehr verloren. Auswärts sieht es der 38-Jährige mit dem unbedingten Drang nach vorne hingegen nicht so eng. Da darf es auch mal Konterfußball sein. Kurioserweise funktionieren Deilas Mannschaften in der Fremde aber nur halb so gut.

2013 krönte Godset seinen Aufstieg mit dem zweiten Meistertitel seiner Geschichte. Da hatte auch Rosenborg trotz des vierfachen Budgets das Nachsehen. Dass nicht die individuelle Klasse der Kicker, sondern die akribische, visionäre Arbeit von Coach Deila und Sportdirektor Flo ausschlaggebend für den Erfolg waren, daran besteht kein Zweifel.

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