Aufmacherbild

Estland und der Traum von der EURO 2012

Wir schauen von Spiel zu Spiel. Ein frühes Tor würde dem Spiel gut tun. Kleine Teams gibt es nicht mehr. Oder: Der Star ist die Mannschaft.

Kaum ein Fan kann diese abgedroschenen Fußball-Floskeln noch hören. Letztgenannte hat aber in diesem Fall doch eine Berechtigung. Denn: Dass Außenseiter Estland es in die Barrage für die EM-Endrunde 2012 in Polen und der Ukraine schaffte, kam einer faustdicken Überraschung gleich.

Stars sucht man vergeblich

Größen der Kategorie Cristiano Ronaldo, der für Portugal im Playoff antrifft, Edin Dzeko (Bosnien-Herzegowina), Tomas Rosicky (Tschechien) oder Nuri Sahin (Türkei) sucht man im Lager der Balten vergeblich.

Die Nationalmannschaft des 1,3-Millionen-Staates kommt auch ohne Stars bestens zurecht. Die Legionäre Sergei Pareiko (Wisla Krakau), Konstantin Vassiljev (Amkar Perm), Raio Piiroja (Vitesse Arnheim), Ragnar Klavan (AZ Alkmaar) oder Tarmo Kink (Middlesbrough) zählen zu den namhafteren im Aufgebot für die beiden Duelle mit Irland, in denen es um eines der letzten vier EM-Tickets geht.

Auf Platz 97 gestartet ...

Wie es die Esten dorthin geschafft haben? Mit Geschlossenheit, Zusammenhalt, Kampfgeist und der nötigen Portion Glück. Aus Topf 5 wurde Estland in die Quali-Gruppe C gewählt. Platz 97 belegte das Team von Trainer Tarmo Rüütli in der FIFA-Weltrangliste, als diese im Februar 2010 ausgelost wurde.

Die Glücksfee bescherte den Balten Italien (4), Serbien (13), Slowenien (27), Nordirland (39) und die Färöer (118) als Gegner. 20 Monate später – dazwischen blamierte man sich wie Österreich auf den Färöer Inseln (0:2), gewann aber auch in Slowenien und Serbien – bescherten die Slowenen dem spielfreien Estland dank eines 1:0-Sieges über Serbien den größten Erfolg in seiner Fußball-Historie.

... auf Rang 59 verbessert

Inzwischen wird man als 59. der Welt geführt, an der Rolle des Underdogs hat das freilich wenig geändert. Die Iren (25) sind unter der Leitung von Star-Trainer Giovanni Trapattoni haushoher Favorit.

Der Außenseiter glaubt dennoch an seine Chance. „Das werden zwei ganz besondere Spiele“, so Torhüter Pareiko, der die nötigen Erfolgszutaten kennt. „Können ist eine wichtige Sache, aber auch Charakter und Glück werden zwei große Faktoren sein.“

Kurzpassspiel als Rezept

Mit Kurzpassspiel und schnellem Fußball wollen sie die Insulaner überraschen. „In ihren Spielen gegen Russland (0:0) und Armenien (0:1) wurde deutlich, dass die Iren manchmal Schwierigkeiten mit schnellen und technisch guten Spielern haben.“

Für Torjäger Vassiljev (fünf Quali-Treffer kommt der Lockerheit eine besondere Bedeutung zu. Es sei wichtig, „dass wir vor diesen Spielen nicht verkrampfen, denn die Anspannung wird von Tag zu Tag größer. Wir alle wissen, dass wir so eine Chance vielleicht nie wieder bekommen werden.“

Ein Land steht Kopf

Diese Chance wollen auch die Fans der Nationalmannschaft beim Schopf packen. Während Estland im Vereinsfußball durch den niedrigsten Zuschauerschnitt einer Profiliga (188 Besucher pro Match) „glänzt“, sind die Einwohner angesichts der möglichen EM-Teilnahme völlig aus dem Häuschen.

„Jeder, den ich gesehen habe, kämpfte mit den Freudentränen“, war Verbandssprecher Mikhel Uibohelt nach dem Einzug in die Barrage von der Anteilnahme überwältigt. Die Medien überschlugen sich mit Lob, „Super! Unglaublich! Historisch!“, stand auf den Gazetten geschrieben.

Dass man gegen Goliath Irland als David auftritt, spielt nur eine geringfügige Rolle, denn wie heißt es so schön im Fußball-Jargon: „Wichtig is aufm Platz!“

 

Christoph Nister


Was denkst du? Schafft Estland die Sensation und schaltet Irland auf dem Weg zur EM aus? Poste deine Meinung!

Mehr zum Thema Zum Seitenanfang»