Ist die Erste Liga noch zu retten?

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Ein Tabellenführer, der nicht aufsteigen darf, sieben Vereine im Abstiegskampf und von Ausbildungsliga keine Spur.

Die Erste Liga steckt zweifellos in der Krise. Vor allem das Ligaformat mit zwei Fix-Absteigern bei zehn Vereinen sorgt für Aufregung.

„Das ist zum Scheitern verurteilt“, prangerte FAC-Goalie Rene Swete erst kürzlich im LAOLA1-Interview an.

Gemeinsam mit "Sky"-Experte Martin Scherb beleuchtet LAOLA1 die Problemzonen von Österreichs zweiter Spielklasse. Ist die Erste Liga schon gescheitert? Oder gibt es doch noch Hoffnung?

 

ABSTIEGSKAMPF LÄHMT DIE LIGA

Als Vierter im Abstiegskampf: Lasnik

Fünf Runden vor Schluss liegen nur sechs Punkte zwischen dem Tabellenletzten und dem Vierten. „Diese Saison wird als Extremjahr in die Geschichte des österreichischen Fußballs eingehen. Als ein Jahr, indem sieben Vereine über zwei Drittel der Saison gegen den Abstieg spielen“, erklärt Scherb. An dieser brenzligen Situation ist freilich nicht ausschließlich das Liga-Format mit zwei Fix-Absteigern schuld. Auch die Krisen der etablierten Klubs, wie St. Pölten, Wacker oder Austria Lustenau, haben dazubeigetragen. Nichtsdestoweniger erhöht dieser Modus den Druck auf die Vereine um ein Vielfaches. Ein Fünftel der Liga muss am Saisonende den Gang in die Regionalliga antreten – das gibt es sonst nirgends in Europa.

Für Spannung sorgt die aktuelle Konstellation allemal, kontinuierliche Entwicklungsarbeit kann in diesem Dauer-Abstiegskampf aber kaum geleistet werden. Nicht umsonst gab es in dieser Saison bereits zehn Trainerwechsel. In Krisensituationen wollen viele Klubs nicht lange mit einer Reaktion warten, da man schnell in die Abstiegsränge rutscht. „Natürlich muss man jeden Trainerwechsel gesondert betrachten, aber einige Vereine haben Panik bekommen“, meint Scherb, der sich in der ein oder anderen Situation mehr Geduld für die Coaches gewünscht hätte. „Eine Mannschaft zu entwickeln funktioniert nicht in einem halben Jahr.“

Unter den häufigen Trainerwechseln samt Dauerdruck wegen Abstiegsgefahr leidet natürlich auch das spielerische Niveau. Bewegungsabläufe in der Offensive lassen sich ohne die dafür nötige Zeit kaum einstudieren. Dafür setzten die Vereine auf Sicherheit, wie der Ex-St.-Pölten-Trainer erklärt: „Es wird weniger versucht, hinten rauszuspielen. Stattdessen werden die Bälle beim ersten Druck des Gegners nach vorne geschossen, um nichts zu riskieren.“

QUO VADIS, AUSBILDUNGSLIGA

Nicht mehr der Jüngste: Peter Hlinka

Von wegen "Heute für Morgen". Dieses Motto hat die Sky Go Erste Liga mittlerweile nicht nur im Namen ausradiert. „Der Ausbildungsgedanken hat sich für mich ganz klar verabschiedet“, spricht Scherb Klartext. Von einer Talenteschmiede, als die sich die Liga gerne selbst sieht, kann keine Rede mehr sein. „Natürlich gibt es talentierte Spieler, wie Onisiwo, Dovedan oder Perlak, die früher oder später in der Bundesliga landen werden. Aber durch die beiden Fix-Absteiger geht der Ausbildungsgedanke verloren.“

Im Durchschnitt sind die Startaufstellungen der Bundesligisten mittlerweile sogar jünger als jene der Zweitligisten. Dabei gibt es in der Ersten Liga mit Liefering einen Sonderfall, der den Altersschnitt nach unten senkt und Regelungen, die die Entwicklung von jungen Spielern begünstigen sollen. Um am TV-Geld mitzunaschen, müssen die Vereine pro Spieltag mindestens vier Akteure in den Kader berufen, die nach dem 1. Jänner 1993 geboren sind. Einer davon muss in der Startelf stehen.

„Mit Ausnahme von Mattersburg und Liefering haben die meisten Mannschaften nur mehr einen Quoten-Jungen in ihrer Mannschaft. Auf die Entwicklung von jungen Spielern wird keine Rücksicht mehr genommen. Das kann man den Coaches bei zehn Trainerwechseln in dieser Saison aber nicht übelnehmen“, nimmt Scherb seine Trainerkollegen in Schutz. Auch Stefan Reiter stören die beiden Fix-Absteiger, die kontinuierliche Aufbau-Arbeit schwierig machen. „Unter solchen Bedingungen kannst du keinen Jungen dorthin geben“, erklärt der Ried-Manager gegenüber den „Oberösterreichischen Nachrichten“. Kein Wunder, dass Talente im Teenager-Alter mit Ausnahme von Liefering kaum mehr zum Einsatz kommen, wie die LAOLA1-Tabelle zeigt. Im Abstiegskampf greifen die Trainer scheinbar lieber auf "routiniertere Talente" zurück, um die Jugendregelung zu erfüllen.

 

Rang Verein Punkte
1. FC Liefering 61
2. SV Mattersburg 60
3. LASK 50
4. Kapfenberg 40
5. Austria Lustenau 37
6. Wacker Innsbruck 37
7. Floridsdorfer AC 36
8. SKN St. Pölten 36
9. SV Horn 34
10. TSV Hartberg 34

*Als Ausnahmefall fehlt der FC Liefering in dieser Auflistung mit allen eingesetzten Spielern, die später als am 1.1.1995 geboren wurden. Bei den Jung-Bullen wurden übrigens in dieser Saison ganze 28 Teenager, die diesem Kriterium entsprechen, eingesetzt - mehr als bei allen anderen Klubs zusammen.

 

Verein*
Name Position Geburtsdatum Einsätze/Tore
Mattersburg Sven Sprangler Mittelfeld 27.3.1995 30/3
LASK Felipe Dorta Mittelfeld 17.6.1996 3/1
Maximilian Ullmann Verteidigung 17.6.1996 12/0
Peter Michorl Mittelfeld 9.5.1995 22/0
Tobias Pellegrini Angriff 3.4.1996 3/0
Lukas Grgic Mittelfeld 17.8.1995 3/0
Kapfenberg Edin Bahtic Mittelfeld 14.7.1996 9/0
A. Lustenau Yusuf Özüyer Angriff 8.9.1995 1/0
Wacker Simon Pirkl Mittelfeld 3.4.1997 8/0
Dominik Popp Verteidigung 20.4.1995 5/0
FAC Daniel Maderner Angriff 12.10.1995 6/1
St. Pölten Sebastian Starkl Mittelfeld 21.1.1996 1/0
Mario Mosböck Mittelfeld 7.5.1996 6/0
Oliver Markoutz Angriff 14.1.1995 5/0
Michael Drga Mittelfeld 4.2.1995 9/0
Sebastian Drga Angriff 4.2.1995 3/0
Horn Dominik Baumgartner Verteidigung 20.7.1996 6/0
Lukas Tursch Mittelfeld 29.3.1996 15/0
Valentin Grubeck Angriff 26.2.1995 18/0
Hartberg Christian Ilic Angriff 22.7.1996 5/0
Robin Friesenbichler Angriff 24.5.1996 4/0
Lukas Ried Mittelfeld 10.10.1995 8/2

DAS LIEFERING-KURIOSUM

Selbe Homepage: RBS und Liefering

Stell dir vor, ein Verein wird Zweitliga-Meister und steigt nicht in die Bundesliga auf. Gut möglich, dass dieses Kuriosum nach 36 Runden eintritt, wenn der FC Liefering die Meisterschale in die Höhe stemmt. Sportlich hätten die Salzburger Youngster den ersten Platz mehr als verdient. Unter der Führung von Coach Peter Zeidler spielt die mit Abstand jüngste Mannschaft der Liga einen attraktiven Fußball. Dennoch haftet dem Erfolg der Lieferinger ein fahler Beigeschmack an.

Denn seit 2010 ist es Amateur-Teams von Bundesliga-Klubs verboten, in der Ersten Liga zu spielen. Faktisch ist auch der FC Liefering ein Amateur-Team, das sich sogar die Homepage mit „Mutter-Klub“ RB Salzburg teilt. Doch dank eines Deals mit der Bundesliga, der das rechtlich gesehen eigenständige Liefering verpflichtet, auf einen Aufstieg zu verzichten, umgehen die „Bullen“ jene Statuten.

Dieses Vorgehen wird oft mit Wettbewerbsverzerrung in Verbindung gebracht. Erste-Liga-Experte Scherb sieht das jedoch nicht so: „Liefering hat die Bundesliga-Bestimmungen elegant ausgenutzt. Austria oder Rapid könnten ja ein ähnliches Konstrukt erfinden, wenn sie der Meinung sind, ein Team in der Ersten Liga zu brauchen.“ Die aktuelle Situation entbehrt jedenfalls nicht einer gewissen Ironie - schließlich erfüllt momentan ausgerechnet der Klub, der eigentlich gar nicht am Bewerb teilnehmen darf, jene Vorgabe am besten, die sich die Liga einst selber gegeben hat: Die Ausbildung von jungen Spielern.

 

PROFIS ODER AMATEURE?

Das Hartberger Stadion: Profi-Infrastruktur?

Eigentlich versteht sich die Erste Liga als ein Arbeitsplatz für Fußball-Profis. Doch so eindeutig ist die Sache nicht. Viele Kicker erhalten nur den im Kollektiv-Vertrag festgeschriebenen Mindestbruttoverdienst von 1.144 Euro pro Monat. Deswegen gehen sie neben dem Fußball einer weiteren Tätigkeit nach, sind also keine Profi-Fußballer, sondern Amateure. FAC-Kapitän Andreas Bauer beispielsweise arbeitet bei der Wiener Müllabfuhr.

„In der zweiten Liga ist es wirtschaftlich nicht möglich, einen reinen Profibetrieb zu führen, da ist einfach kaum Geld da“, sagt Gernot Zirngast, der Vorsitzende der Spielergewerkschaft, im „Ballesterer“. Auch Scherb ist sich der Problematik bewusst: „Es gibt Vereine in der Ersten Liga, die sehr gute Gehälter zahlen. Andere Vereine wiederum zahlen 15 von 20 Spielern nach dem Kollektiv-Vertrag.“ Dieser schmale Grat zwischen Profi- und Amateurfußball befeuert die Debatte, ob sich Österreich überhaupt zwei Profi-Ligen mit je zehn Vereinen leisten kann.

Auch die infrastrukturellen Bedingungen geben dieser Diskussion Nährstoff. So durften im Lustenauer Reichshofstadion in dieser Saison aufgrund nicht erfüllter Auflagen lange Zeit keine TV-Live-Spiele stattfinden. Insgesamt sieht Scherb die Klubs hier aber auf einem guten Weg, auch weil die Liga keine Übergangsregelungen mehr zulässt. "St. Pölten, Innsbruck, Mattersburg, LASK, Kapfenberg, auch Horn – das sind Stadien, die diese Bezeichnung auf jeden Fall verdienen", so der ehemalige St.-Pölten-Trainer.

 

WAS IST DIE LÖSUNG?

Scherb: "Aktuelles Format ist gescheitert"

„Die Erste Liga ist nicht gescheitert“, beantwortet Scherb die eingangs gestellte Frage. „Grundsätzlich ist die Variante mit zwei Zehnerligen keine schlechte. Ich würde aber schon sagen, dass die Erste Liga mit zwei Fix-Absteigern gescheitert ist.“ Dieser Modus wurde 2013 auf Betreiben der Regionalligen-Vertreter beschlossen. Eine Kompromisslösung, um den drei Meistern der dritten Leistungsstufe bessere Chancen auf einen Aufstieg zu gewähren. Dass den drei aktuellen Regionalliga-Spitzenreitern die Erste-Liga-Lizenz in erster Instanz verwehrt wurde, erscheint unter diesem Aspekt umso pikanter.

„Scheinbar sind einige Vereine aus der Regionalliga noch nicht bereit für den Sprung in den Profi-Fußball. Vielleicht wäre es besser, die Anzahl der Regionalligen von drei auf zwei zu reduzieren und hier ein Lizenzierungsverfahren ‚light‘ einzuführen. Damit würde den Vereinen der dritten Leistungsstufe nicht erst am Tag X der Spiegel vorgehalten werden, sondern schon früher“, so Scherb.

Kurzfristig erscheint eine Rückkehr zum alten Liga-Modus mit einem Relegationsplatz und einem Fix-Absteiger am sinnvollsten, sofern sich die mächtigen Landesverbände, die hinter den Anliegen der Regionalligen stehen, damit abfinden. Auf längere Sicht wird man sich jedoch Gedanken über eine umfangreiche Ligareform machen müssen. Zwar einigten sich alle Verhandlungsparteien darauf, dass die aktuelle Konstellation bis 2020 in Stein gemeißelt ist, doch die andauernden Reform-Diskussionen zeigen, dass es neue Ideen braucht. Egal, ob diese in Richtung Fortbestand der Ersten Liga oder der Einführung einer einzigen Profi-Liga mit 16 Vereinen gehen.

 

Jakob Faber.

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