"Es ist unglaublich, was möglich ist"

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„Jetzt bin ich dort, wo ich sein möchte“, sagt Damir Canadi. Wenngleich der Aufstieg mit dem SCR Altach in die Bundesliga noch zu fixieren ist (Spiel in St. Pölten, heute, 18:30), ist er praktisch nur noch Formsache.

Der Weg, den der Trainer gegangen ist, war weit. Angefangen in den Untiefen des heimischen Fußballs als Spielertrainer beim SC Leopoldsdorf machte sich der Wiener zunächst in der Hauptstadt einen Namen, coachte Fortuna 05, das PSV Team für Wien, den FAC und Simmering. Unterbrochen mit einer Station in Moskau als Co-Trainer bei Lok.

„Ich bin ein Beispiel dafür, dass man es auch ohne großen Namen schaffen kann“, sagt der 43-Jährige im LAOLA1-Interview nicht ohne stolz.

Canadi spricht außerdem über seinen Ruf, der sich gewandelt hat, das Aussieben von echten Typen in den Nachwuchs-Abteilungen und seinen großen Respekt vor Amateur-Kickern.

LAOLA1: Sie haben 2004 im „ballesterer“ folgendes gesagt: „Ich will es langsam angehen. Vielleicht noch zwei Jahre Wiener Liga, dann drei Jahre als Co bei einem guten Verein. Anschließend vielleicht einen Regionalliga-Klub übernehmen und aufsteigen. Mit 40 möchte ich gerne als Bundesliga-Trainer tätig sein“. War ein guter Plan, oder?

Damir Canadi: Ja, es ist alles eingetroffen, was ich mir damals vorgenommen habe. Ich habe es mir erarbeitet. Es war eine Zielsetzung, die ich gemeinsam mit Silvia Moser (Anm.: ehemalige Mentaltrainerin) erarbeitet habe. Sie hat mir gezeigt, dass man sich eine Karriere zurechtlegen kann. Ich war als junger Spieler nicht der Intelligenteste, habe mir wenig sagen lassen. Silvia war ein Mensch, der mir schon damals, aber vor allem dann als Trainer sehr viel geholfen hat. Die Zielsetzung, die du vorgelesen hast, habe ich mir erarbeitet. Jetzt bin ich dort, wo ich sein möchte, habe aber weitere Schritte zu gehen.

LAOLA1: Wie hat alles angefangen?

Canadi: Ich habe irgendwann 2000 bei Leopoldsdorf als Spielertrainer angefangen, wollte aber eigentlich nicht Trainer werden. Aber ich habe sechsmal in Folge verloren und dachte: Eigentlich wollte ich meine eigenen Ideen einbringen, die ich als Spieler hatte. Ideen jener Trainer einbringen, die ich im Laufe meiner Karriere hatte. Das hat aber hinten und vorne nicht funktioniert, weil ich keinen Plan hatte, wie man als Trainer sein muss. Erst bei der B-Lizenz habe ich die ersten Dinge mitbekommen und mit Silvia auch im privaten Bereich gearbeitet.

LAOLA1: Und dann?

Canadi: Ich bin dann zur Fortuna 05 gekommen, bin Meister geworden und in die Regionalliga aufgestiegen. Bei Donau folgte der erneute Aufstieg in die Regionalliga. Dann wird man hungrig. Erfolgreich sein, macht Spaß und man versucht, seine weiteren Ziele und Visionen umzusetzen und sich einen Karriere-Plan zurechtzulegen. Man macht sich natürlich Gedanken, wie man die Ziele erreichen kann, wenn man nicht auf so eine glanzvolle Spieler-Karriere zurückblicken kann wie andere Kollegen. Aber man sieht, dass es über harte Arbeit funktionieren kann und darauf bin ich heute sehr stolz.

LAOLA1: Es war somit Misserfolg die Initialzündung und Erfolg der Antrieb?

Canadi: Wenn ich das jetzt Revue passieren lasse, ist es eigentlich unglaublich. Ihr konfrontiert mich mit einer Sache, die zehn Jahre aus meinem Gedächtnis verschwunden war. Es ist unglaublich, was möglich ist.

Ein Bild aus dem Jahr 2005, als Damir Canadi den SV Donau trainierte

LAOLA1: Die ersten Spieler, die Sie trainiert haben, waren ebenfalls berufstätig. Ist deren Herangehensweise an den Fußball, was Freude oder Ehrgeiz betrifft, für Amateure eine andere?

Canadi: Vor Amateurspielern ziehe ich den Hut. Es gab Spieler wie Ivan Markovic oder Dalibor Djuricic, die mich jahrelang bei FAC oder Simmering begleitet haben. Die meisten sind oft um sechs Uhr aufgestanden, haben untertags Gasflaschen in den vierten Stock geschleppt und sind dann um 18:00 zum Training gekommen. Auch die haben harte Einheiten absolvieren müssen. Bei Altach mache ich teilweise dieselben Übungen wie bei der Fortuna. Auch die haben Familien zuhause und kommen erst um 21:30 zuhause an. Amateure investieren teilweise extrem viel, verdienen auf der anderen Seite aber sehr wenig. Andererseits: Wenn Profis, so wie heute um 5:45 im Schnabelholz aufbrechen müssen, dann ist das für die eine Herausforderung. Da würde sich ein Amateur wesentlich leichter tun.

LAOLA1: Was sind Ihre Lieblingsspielertypen?

Canadi: Das kann ich so nicht beantworten. Eine Mannschaft braucht eine tolle Mischung von Charakteren. Wichtig ist, dass der Spieler einen gewissen Grundcharakter in sich trägt und ich in persönlichen Gesprächen merke, dass seine Augen funkeln. Persönliche Gespräche sind mir extrem wichtig. Fußballerisches Können ist immer relativ. Natürlich habe ich gerne „Fußballer“ in meinen Reihen, aber im Endeffekt ist es wichtig, dass ein Spieler ehrlich ist und sich weiterentwickeln will. Auch ein technisch weniger versierter Spieler kann viel erreichen, das hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt.

LAOLA1: Braucht es Typen? Stefan Effenberg sagte einmal, dass den meisten Mannschaften heute ein „Typ“ fehlt, wie er einer war.

Canadi: Jeder Trainer wünscht sich verschiedene Typen, die eine Mannschaft führen können. Heutzutage ist das aber auch gesellschaftlich bedingt ganz anders. In den Akademien werden die Jungs alle glatt gestrichen. Gegenüber meiner Generation gehen die Spieler heute sehr viel mehr Selektionen durch, oft schon ab der U8. Das verbreitet auch Angst und man wird kein Typ. Die Jungs müssen in der Schule funktionieren, am Fußballplatz funktionieren, zuhause funktionieren und sind den ganzen Tag unter Kontrolle. Meine Generation hat das nicht gebraucht. Wir sind Typen geworden, weil wir auf der Straße aufgewachsen sind, weil wir nach der Schule die Aufgabe vielleicht nicht so brav gemacht haben. Mein Sohn (Anm.: Marcel ist 16 und spielt in der AKA Vorarlberg) steigt heute um 6:54 Uhr in die Schnellbahn ein und kommt um 20:36 Uhr wieder zuhause an. Wie viel kann ich ihn als Elternteil überhaupt noch selbst erziehen? Ich möchte das Leben mit ihm nicht tauschen.

LAOLA1: Die potentiellen Typen werden also schon früh ausgesiebt?

Canadi: Richtig, wenn man ein Typ ist, wird man heute bereits im Nachwuchs selektiert. Ich kenne den Andi Ogris sehr gut, aber wenn du einen Ogris in eine Akademie wie heutzutage gesteckt hättest, weiß ich nicht, ob er 70 Länderspiele absolviert hätte. Ich glaube nicht, dass er die Austria-Akademie durchlaufen wäre, ohne dass er rausgeflogen wäre. Ich schätze ihn sehr, wir sind sehr gut befreundet. Was ich sagen will, ist, dass man sich mit so einem Typen nicht auseinandergesetzt hätte, da hätte er noch so ein guter Fußballer sein können. Und das fehlt uns heute. Es gibt schließlich auch Sozialfälle, die gute Kicker sind, aber die werden von Akademien nicht durchgetragen und müssen deshalb den Weg über kleine Vereine gehen. Da fällt mir auch ein anderes Beispiel ein.

LAOLA1: Ist es für einen jungen Trainer gut, wenn er unten anfangen kann, wo die Fehler auch nicht derart öffentlich sind?

Canadi: Ja. Für mich persönlich war der Amateur-Fußball die Lehrzeit. Ich bin ein Beispiel dafür, dass man es auch ohne großen Namen schaffen kann. Diese jahrelange Erfahrung hilft mir jetzt sicherlich, weil ich gewisse Mechanismen besser erkenne und auch besser gegensteuern kann. Die Arbeit und die Mechanismen, die innerhalb einer Mannschaft stattfinden, sind dieselben, egal ob Wiener Liga, Regionalliga oder Bundesliga.

LAOLA1: Glauben Sie, dass Sie deshalb auch mit Kleinigkeiten, die infrastrukturell nicht passen, lockerer gehen als vielleicht Ryan Giggs, der seine Trainerkarriere gleich bei Manchester United startet?

Canadi: (dreht sich zu Sportdirektor Georg Zellhofer um) Ich bin sauer. Und die haben mich nicht angerufen? (lacht) Mir hat das extrem viel geholfen. Ich weiß, was es heißt, bei Fortuna 05 oder bei SV Donau Trainer zu sein, da hast du keine Infrastruktur, keine Möglichkeiten. Oft musste ich Überziehleibchen selbst kaufen oder Schneeschaufeln besorgen, damit die Mannschaft den Platz freischaufeln kann. Das ist jetzt bei Altach natürlich leichter. (überlegt) Wenn man sich jetzt Köln ansieht, was die für Infrastrukturen haben, dann sind wir in Österreich davon noch meilenweit entfernt. Einzig Red Bull Salzburg ist international konkurrenzfähig.

LAOLA1: Sie haben zu Beginn Ihrer Trainer-Karriere auch nebenbei gearbeitet.

Canadi: Nach der Fußball-Karriere und meiner Hüft-Operation habe ich mich für den Berufsweg entschieden, hatte einen tollen Job bei der Firma Sozialbau als Hausbesorger. Mein Sohn Marcel ist zur Welt gekommen, mit einer Familie konnte ich das nicht mehr riskieren. Nach vielen Profi-Stationen und zwei Konkursfällen mit dem Sportklub und dem FavAC, wo pünktliche Gehaltszahlungen zum Teil ausblieben, habe ich mit 27 Jahren Sicherheit gewählt. Über die Trainerschiene bin ich jetzt wieder zurück im Profi-Geschäft. Außerdem habe ich später gemeinsam mit Thomas Flögel eine Firma für Individualtraining gehabt, als ich aus Moskau zurückgekommen bin. Mit den ersten Job-Angeboten aus der Bundesliga in Lustenau hat sich das aber dann aufgrund der Distanz leider erledigt.

"Wer nicht schnell genug gegensteuert, wird nicht lange arbeiten"

LAOLA1: Haben Sie Ihre pädagogischen Kenntnisse mittels „learning by doing“ erworben?

Canadi: Ein gutes Training bedeutet nicht automatisch, dass die Mannschaft auch erfolgreich ist. Viele Kollegen glauben, wenn sie ein gutes Training machen, haben sie auch eine gute Mannschaft. 70 Prozent im Fußball sind Kopfsache. Da gehören Einstellung, Disziplin und Siegeswille dazu. Das Talent ist dann nicht mehr so wichtig, denn das hat den Spieler in die Akademie gebracht. In dem Moment, wo du aus der Akademie austrittst und bei einem Bundesliga-Verein unterkommst, zählt das Talent aber nicht mehr, sondern eben Einstellung und Disziplin.

LAOLA1: Das gilt auch für Trainer oder?

Canadi: Ja, das ist für jeden gleich. Diese Grundeinstellungen und Tugenden sind mir sehr wichtig. Michael Prokop (Anm.: In Altach für Sportcoaching und Teambuilding verantwortlich) hat mich auch schon bei FAC und Simmering begleitet. Wir stellten fest, dass der Mannschaftserfolg oft mehr an der Gruppendynamik als am Sportlichen liegt. Ein Trainer muss genau hinschauen und gegensteuern. Wer das nicht schnell genug kann, wird nicht lange arbeiten.

LAOLA1: Wie bewerten Sie Ihren Ruf in der österreichischen Fußballszene?

Canadi: Durch meine Offenheit, Ehrlichkeit und meinen schnellen Erfolg hatte ich mehr Freunde, aber auch mehr Neider. Heute habe ich das Gefühl, dass ich respektiert werde. Vor allem, weil ich über diesen steinigen Weg, den ich gegangen bin, viele Trainer im Amateur-Bereich erreiche. Aber ich erinnere mich auch an die schweren Zeiten, in denen meine Frau mir geraten hat, aufzuhören, weil man über uns schlecht geredet hat. Die Leute brauchen etwas zum Reden. Durch meine Offenheit und Ehrlichkeit bin ich auf diese Leute aber immer auch zugegangen, um sie zu stellen. Damit habe ich sehr viel Energie verschwendet, das passiert mir heute nicht mehr. Ich habe heute einen sehr guten Freundeskreis. Die Menschen, die mich kennen, wissen mich einzuschätzen. Jene, die mich nicht kennen, aber beurteilen, die interessieren mich eher weniger.

LAOLA1: Was ist in diesen schweren Zeiten passiert?

Canadi: Zwischen 2005 und 2008 war es für mich und meine Familie, auch für meine Kinder in der Schule, sehr schwierig. Durch meine Aktionen war ich auch als Amateur-Trainer bereits in den Medien, weil ich den verbalen „Infight“ nicht gescheut habe und negative Schlagzeilen erntete. Aber so etwas muss man durchstehen. Sportlich hatte ich, mit Ausnahme meiner ersten Station, immer Erfolg. Mal sehen, was passiert, wenn es einmal nicht läuft. Darüber mache ich mir aber keine Gedanken. Mein Ziel ist es, bei jedem Klub der erfolgreichste Trainer der Geschichte zu sein. Mit diesen Zielen gehe ich offen um.

LAOLA1: Nämlich?

Canadi: Hannes Reinmayr, der in Kaiserebersdorf aufgewachsen ist, wurde von seinem Trainer Herrn Brunner, er war Taxi-Fahrer, jeden Tag von zuhause abgeholt. Der Junge sollte ein Leben haben, die Schule besuchen und aufs Training kommen. So wurde er durchgetragen und hat eine super Karriere hinter sich gebracht. Und wenn es Gustl Starek nicht gegeben hätte, der gesagt hat: „Den Trottel nehm‘ mir ich“, hätte auch Didi Kühbauer keine Karriere. Wieviele Menschen lieben es, dem Arnautovic zuzusehen? Ich verstehe den Teamchef, dass es oft sehr schwierig ist, aber er will sich diesen Typen antun.

LAOLA1: Arnautovic hat es in Österreich auch nirgendwo geschafft.

Canadi: Bei Rapid, bei der Austria, überall wurde er selektiert. Er hätte damals zu mir zum PSV kommen sollen, ist aber zu Twente gegangen. Oder Marco Djuricin. Er spielt jetzt in Graz. Auch ein Typ, den sich keiner antun wollte.

LAOLA1: Hätten Sie gerne mit dem Spieler Canadi gearbeitet?

Canadi: Nein, absolut nicht. Ich war sehr talentiert, habe aber im Endeffekt zu wenig daraus gemacht. Ich weine dem nicht nach und bereue keine Minute. Heute weiß ich, dass es so nicht geht. Ich hatte damals niemanden, der mich hätte begleiten können. Meine Eltern haben alles für mich gegeben, aber wir hatten die Möglichkeiten nicht. Heute bin ich froh, dass ich trotz allem ein Schule abgeschlossen und eine Lehre zu Ende gebracht habe. Auf das bin ich sehr stolz.

LAOLA1: Thomas Flögel hat den Spieler Canadi als ziemliches „Häferl“ bezeichnet. Wie kommt man davon weg?

Canadi: Ich traf mit Silvia Moser einen Menschen, der mich menschlich und sportlich weitergebracht und mir am Anfang meiner Karriere sehr unter die Arme gegriffen hat. Der Weg ist dann irgendwann auseinandergegangen, aber sie war ein großes Sprungbrett für mich. Ich kann mich diesbezüglich auch heute noch verbessern, aber ich denke ich bin authentisch, offen und ehrlich.

"In Österreich ist es oft so, dass man nur Erfolge verkaufen will"

LAOLA1: Sie haben Roger Schmidt angesprochen. Gerald Baumgartner steht kurz vor dem Sprung in die Bundesliga, wenngleich er vorerst in St. Pölten bleibt. Martin Scherb hat ebenfalls bei St. Pölten gute Arbeit geleistet, Hansi Kleer war bei Austria Lustenau. Merken Sie, dass wir von diesem Legenden-Denken wegkommen?

Canadi: Ja. Im Amateur-Bereich war ich ein Vorreiter für junge Trainer. Mit dem Spieler Hansi Kleer bin ich bei Donau Meister geworden und habe ihm dann die Arbeit übergeben. Es gibt sehr viele gute und engagierte Trainer. Man hat gemerkt, dass das Trainer-Dasein ein richtiger Job ist und komplett etwas anderes ist, als Spieler zu sein. Außerdem ist die Trainer-Ausbildung besser geworden. Ich könnte jetzt zehn Trainer nennen, die im Amateur-Bereich gerade auf sich aufmerksam machen. Es hat sich viel getan. Was mir extrem gefällt ist, dass viele Vereine Trainer scouten und sich fragen, ob diese überhaupt zum Klub passen. Denn die Spielphilosophie, die Spielart sind das Produkt, das ich als Verein zu verkaufen in der Lage sein muss. In Österreich ist es oft so, dass man nur Erfolge verkaufen will. Auf internationaler Ebene merke ich, dass sich Vereine genau überlegen, welchen Trainer sie holen und welches Produkt sie verkaufen möchten.

LAOLA1: Sie haben die Trainer-Ausbildung erwähnt. Diese stand ob des ominösen Punktesystems immer wieder in der Kritik. Wie haben Sie das erlebt und wie schwer oder leicht ist es Ihnen gefallen, dann die UEFA-Pro-Lizenz zu erwerben?

Canadi: Genau so schwer oder genauso leicht wie jedem anderen auch. Ich hätte mir nie erwartet, dass ich sie machen darf. Durch die Erfolge, die ich im Amateur-Bereich verzeichnet habe, wurde ich dann respektiert und durfte die Pro-Lizenz machen. Ich werde nie vergessen, wie der Brief im Postkasten gelegen hat. Ich war total aus dem Häuschen. Für mich ist unglaublich, dass Läufe absolviert werden müssen, die darüber entscheiden, ob man qualifiziert ist oder nicht. Wenn einer mit Leib und Seele Trainer ist, sollte man ihm die Ausbildung ermöglichen.

LAOLA1: Was würden Sie Ihren jungen Trainer-Kollegen raten?

Canadi: Ich bin ein Trainer, der offen damit umgeht. Deshalb hospitieren auch viele Trainer mittlerweile bei mir, die meinen Weg mit Interesse verfolgt haben. Ich merke, dass ich mir ein Image geschaffen habe. Ich bin sehr offen, gebe alles her. Im Rahmen der letzten Fortbildung stellte ich meine Spielphilosophie zur Verfügung, denn ich bin ein Mensch, der gerne gibt und nichts verheimlicht. Ich bin der Meinung, es gibt keine Geheimnisse. Man kann im Internet vieles recherchieren, es gibt Lektüren ohne Ende. Entscheidend ist das, was der Trainer daraus macht. Ich gebe euch gerne alle meine Unterlagen, aber eines könnt ihr nie sein. Ihr könnt nie ich sein.

LAOLA1: Um den Kreis zu schließen. Wie verlaufen die nächsten zehn Jahre?

Canadi: Ich will mich weiterentwickeln und hoffe, dass ich dann im Ausland tätig sein darf. Jetzt möchte ich mich in Österreich etablieren und zeigen, was ich kann. Wenn ich das geschafft habe, denke ich gerne über das Ausland nach und will natürlich in den Top-Ligen Europas arbeiten. Ich bin zuversichtlich, Peter Stöger macht es gerade vor.

Das Gespräch führten Kevin Bell und Harald Prantl

LAOLA1: Das sind hoch gesteckte Ziele.

Canadi: Ich werde nie vergessen, als ich 2007 oder 2008 in der „Kronen Zeitung“ gefragt wurde, ob ich Bundesliga-Trainer werden möchte. Ich antwortete: „Natürlich!“ Danach riefen mich Trainer-Kollegen an, um mich zu fragen, ob ich noch ganz dicht bin und wer ich zu sein glaube. Ich habe meinen Traum offen nach außen getragen und heute bin ich hier. Ich muss aber dazu sagen: Ich sehe mich nur als Teil des Erfolges, ich sehe mich nicht als Super-Hero und kann nur so gut sein, wie die Mannschaft und umgekehrt.

LAOLA1: Es scheint in Österreich allgemein so zu sein, dass man hohe Ziele nicht aussprechen darf.

Canadi: So ist es. Das ist aus meiner Sicht gesellschaftlich geprägt. Ich habe mit Lok Moskau bei einem Turnier mitgewirkt, wo wir auf Chelsea, Sevilla und AC Milan getroffen sind. Mein Sohn war damals zehn Jahre alt, hat das von zuhause aus wahrgenommen und im Austria-Nachwuchs mal gesagt, sein Traum ist es, bei Chelsea zu spielen. Alle fragten ihn nur, wie er so etwas sagen kann. Man nimmt oft schon Kindern die Träume. Wenn man nicht über den Tellerrand blickt, kann man Ziele auch nicht erreichen, deshalb habe ich mich nie für meine Ziele geschämt.

LAOLA1: Reicht in Österreich ein guter Ruf oder braucht man auch eine Lobby?

Canadi: Das kann ich nicht beantworten. Ich bin einen sehr guten Weg gegangen, auf alles andere habe ich nie geachtet. Ich bin keiner, der andere Kollegen analysiert. Ich fahre aber gerne hospitieren. Mich interessieren Menschen wie Roger Schmidt. Ich war unlängst bei Ole Gunnar Solskjær (Anm.: Trainer bei Cardiff City) hospitieren, der nicht nur ein guter Trainer, sondern auch ein Riesenmensch ist.

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