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Dungas neue Selecao ist auf Wiedergutmachung aus

Der 8. Juli 2014 hat sich in das Gedächtnis der Brasilianer eingebrannt. 1:7 gegen Deutschland im WM-Halbfinale. Mineirazo – die größte Schmach in der Geschichte der Selecao.

Dass letztlich auch noch das Spiel um Platz drei gegen die Niederlande sang- und klanglos mit 0:3 verloren wurde, interessierte damals nur noch wenige und passte letztlich in das Bild des verkorksten Heimturniers.

Sportlich war es ein Offenbarungseid, was die brasilianische Nationalmannschaft ablieferte, als sie ohne ihren Superstar Neymar völlig auseinanderbrach. Die zweite Amtszeit von Luiz Felipe Scolari, Weltmeistermacher 2002, musste als gescheitert anerkannt werden und die Zeit war reif für einen Neuanfang.

Es wird erstmals ernst

Ein Neuanfang, denn ein Mann in Angriff nahm, der nun ebenfalls zum zweiten Mal das Zepter bei der Selecao schwingt: Carlos Dunga.

Seit seinem Comeback auf der Trainerbank weist Brasilien mit zehn Siegen aus ebenso vielen Spielen eine blütenweiße Weste auf. Jetzt wird es für Dunga und seine runderneuerte Truppe aber erstmals ernst, denn bei der Copa America stehen ab Sonntag (23:30 Uhr gegen Peru) die ersten Pflichtspiele seit dem WM-Desaster auf dem Programm.

WM-Halbfinale vs. Deutschland

Carlos Caetano Bledorn Verri, kurz Dunga - wie der kleinste Zwerg im Märchen von Schneewittchen in Brasilien genannt wird. Den Spitznamen hat Dunga seinem Onkel zu verdanken, dem der kleine Neffe doch sehr schmächtig aussah.

Auch wenn das der Name ist, der ihm Zeit seines Lebens erhalten blieb; passender ist der, den sich der ehemalige Stuttgart-Legionär als Fußballer erarbeitete – o alemão, der Deutsche.

Dunga, der Spielverderber

Dunga war kein Feingeist, Dribblanski oder Schönspieler. Arbeiten, Kämpfen und Siegen, dafür stand er als Spieler. Unbrasilianisch eigentlich. Kein Wunder, dass man ihm am Zuckerhut zunächst skeptisch gegenüberstand und ihn gar als Zerstörer des so heiß geliebten schönen Spiels ansah. Das Scheitern bei der WM 1990, als man im Achtelfinale gegen Erzfeind Argentinien ausschied, kreidete man ihm maßgeblich an.

Von Dungas Rolle als Spielverderber kann wohl auch Romario ein Lied singen. Dem Lebemenschen wurde Dunga bei der WM 1994 von Coach Carlos Alberto Perreira als Anstandsdame an die Hand gegeben. „Wenn wir hier verlieren, werden die Leute sagen, du seist hier nur auf Urlaub gewesen“, redete der Aufpasser seinem Zimmerkollegen ins Gewissen.

Romario ließ Frauen und Partys links liegen und hatte mit fünf Toren maßgeblichen Anteil am Triumph in den USA, der auch zur Sternstunde Dungas wurde. Der Chef im Spiel der Brasilianer dirigierte auf dem Feld, trieb seine Nebenmänner an und geigte ihnen oftmals auch mit der nötigen Lautstärke die Meinung, selbst wenn man in Führung lag. „Dann akzeptieren sie meine Kritik besser“, meinte Dunga damals.

Im Laufe des Turniers wurde er zum Kapitän und stemmte letztlich den WM-Pokal in die Höhe. Als prägende Figur auf dem Weg zum ersten WM-Titel seit 24 Jahren hatte Dunga die Wandlung vom Buhmann zum Helden abgeschlossen.

Held im zweiten Anlauf

Eine Geschichte, die sich wiederholen könnte, denn auch als Teamchef wurden die Brasilianer nicht auf Anhieb glücklich mit Dunga. Als Neuling übernahm er nach der enttäuschenden WM 2006 gleich zu Beginn seiner Trainerkarriere gleich einmal das höchste Amt im Fußballland - das dafür zunächst erfolgreich. Titel bei der Copa America 2007 und dem Confed Cup 2009 schrieb er sich auf die Visitenkarte. Doch das Viertelfinal-Aus bei der WM 2010 kostete ihn den Job.

Die Kritik klang vertraut. Zu defensiv, nicht schön, nicht brasilianisch – dieselben Vorwürfe, mit denen sich Dunga schon als Spieler konfrontiert sah. Vier Jahre später hatte man die Bedenken im Verband zumindest wohl wieder vergessen - oder man wollte einen größtmöglichen Gegenentwurf zum gescheiterten „Filipao“.

Verstummt ist die Kritik aber nicht, das wird sie vermutlich nie gänzlich. Denn Dunga stellt auch als Coach das Wesentliche über das Schöne. „Jeder redet vom ‚joga bonito‘, aber alles, worüber die Leute letztlich reden werden, ist, ob wir gewonnen oder verloren haben“, bewies der Pragmatiker im März, dass er keinen Gedanken daran verschwendet, von seiner Philosophie abzuweichen.

Umbruch im Kader

Personell vollzog der 51-Jährige einen harten Schnitt. Vom WM-Aufgebot Scolaris schafften es mit Keeper Jefferson, David Luiz, Thiago Silva, Dani Alves, Willian, Fernandinho und Neymar nur noch sieben Akteure in Dungas Copa-Kader. Wobei Alves im letzten Moment für Danilo, der sich im Testspiel gegen Mexiko eine Knöchelverletzung zuzog, noch den Sprung nach Chile schaffte. Zuvor hatte Dunga den CL-Sieger vom FC Barcelona kein einziges Mal nominiert.

Das Trio Oscar, Marcelo, Luiz Gustavo hätte seine Plätze wohl fix gehabt, wären ihnen nicht ebenfalls Verletzungen dazwischen gekommen. Spieler wie die bei der WM umstrittenen Stürmer Fred und Hulk, Inter-Star Hernanes oder Romas Maicon haben unter Dunga keine Zukunft mehr.

Selbst Thiago Silva hat einen schweren Stand. Aufgrund eines Muskelfaserrisses verpasste der 30-Jährige den Saisonstart und auch die ersten Spiele unter Dunga. Zudem sorgte er vor dem Spiel in Wien für etwas Aufregung, als er sich kritisch darüber äußerte, dass Dunga die Kapitänsschleife an Neymar weiterreichte, ohne vorab mit dem WM-Skipper darüber zu sprechen. Mehr als die Reservistenrolle hat er unter Dunga nicht inne. Die Gewinner sind andere.

Gewinner unter Dunga

Miranda und Filipe Luis: Trotz einer überragenden Saison 2013/14 mit Atletico Madrid berief Scolari die beiden nicht für die WM. Danach überzeugte Miranda als Ersatz für Thiago Silva und erarbeitete sich das Vertrauen von Dunga, für den er Nebenmann Nr. 1 an der Seite von David Luiz in der Innenverteidigung ist. Selbiges gilt für Filipe Luiz, der, trotz einer schwierigen Spielzeit bei Chelsea, als Linksverteidiger gesetzt ist.

Gegner Ergebnis Tore
Kolumbien 1:0 Neymar
Ecuador 1:0 Willian
Argentinien 2:0 Tardelli/2
Japan 4:0 Neymar/4
Türkei 4:0 Neymar/2, Willian, Kaya/Eigentor
Österreich 2:1 David Luiz, Firmino
Frankreich 3:1 Oscar, Neymar, Luiz Gustavo
Chile 1:0 Firmino
Mexiko 2:0 Coutinho, Tardelli
Honduras 1:0 Firmino

Elias: Ein weiterer Nicht-WM-Fahrer, der unter Dunga eine tragende Rolle einnimmt. Der Mann von den Corinthians bildet gemeinsam mit Fernandinho die Stammbesetzung auf der Doppelsechs. Da er zuletzt angeschlagen war, steht ein kleines Fragezeichen hinter seinem Einsatz. Casemiro, der nach einer starken Leih-Saison beim FC Porto zu Real Madrid zurückkehren wird, stünde als Ersatz bereit.

Philippe Coutinho: Eigentlich hat Chelseas Oscar einen Platz in der Startelf fix, zumeist in der offensiven Schaltzentrale hinter der Spitze. Seit ihn eine Oberschenkelverletzung außer Gefecht setzte, übernahm der Liverpooler diese Rolle und machte seine Sache gut. Mit einer starken Copa könnte er vielleicht noch Bewegung in einen möglichen Transfer bringen.

Diego Tardelli: Der neue Fred, spotten manche, auch weil Tardelli sein Geld „nur“ in China bei Shandong Luneng Taishan verdient. In den ersten Spielen zauberte Dunga ihn aus dem Hut und baute auf den klassischen Mittelstürmer, bei der Copa wird er aber wohl erste Alternative für den Angriff sein. Mit zwei Treffern gegen Argentinien und einem gegen Mexiko zeigte er, dass er wichtige Tore machen kann.

Firmino: Der Noch-Hoffenheimer gab erst im vergangenen November gegen die Türkei sein Debüt, in Wien erzielte er wunderschön sein Premierentor und sorgte damit ebenso für den Siegtreffer, wie gegen Chile und Honduras. Damit dürfte er sich im Angriff festgespielt haben. Sein Abgang von der TSG scheint beschlossene Sache, wohin die Reise gehen wird, hängt wohl auch maßgeblich vom Verlauf der Copa ab.

Tor Abwehr Mittelfeld Angriff
Jefferson Dani Alves Fernandinho Hulk
Julio Cesar Thiago Silva Paulinho Fred
Victor David Luiz Oscar Neymar
Marcelo Ramires Jo
Dante Luiz Gustavo
Maxwell Hernanes
Henrique Willian
Maicon Bernard
Tor Abwehr Mittelfeld Angriff
Marcelo Grohe Marquinhos Everton Ribeiro Robinho
Neto Geferson Douglas Costa Diego Tardelli
Jefferson Miranda Philippe Coutinho Neymar
Filipe Luis Willian Roberto Firmino
David Luiz Casemiro
Fabinho Elias
Thiago Silva Fred
Dani Alves Fernandinho

So dürfte Brasilien bei der Copa spielen

Da Dunga auch gerne 4-4-2 spielen lässt, wäre auch ein solches mit Neymar als zweitem Stürmer neben Firmino denkbar. Coutinho würde dann wohl über links kommen.

Freuen darf sich auch Robinho, der zwar nur Ergänzungsspieler ist, sich aber immerhin wieder als Teil der Selecao betrachten darf. Der mittlerweile 31-Jährige ist allerdings auch ein Beispiel dafür, dass Dunga zwar viel verändert hat, den Verjüngungskurs aber nicht mit letzter Konsequenz geht.

Deswegen werfen ihm einige auch vor, trotz Reduktion des Durchschnittsalters auf 26,3 Jahre (WM: 28,4 Jahren), eine Mannschaft für die Copa aufgebaut zu haben, die so aber nicht mehr für die WM 2018 geeignet sein wird.

Wird man diesmal mit Dunga glücklich?

Immerhin setzt er neben einigen Youngsters auch auf viele Spieler, die die 30 bereits überschritten haben oder unmittelbar davor stehen (z.B.: Jefferson, Miranda, Fernandinho, Elias, Tardelli, Filipe Luis).

Spielerisch präsentierte sich die Selecao in der Ära Dunga II bislang solide, ohne dabei das große Spektakel abzuliefern, eben im Stile ihres Trainers. Zehn Siege in zehn Spielen, acht davon zu Null lassen eine deutliche Tendenz in Richtung gesteigerter Kompaktheit erkennen, waren unter den Testspielgegnern doch auch echte Brocken wie Argentinien oder Frankreich.

Dunga ist die ersten Schritte gegangen, am Ende seiner Reformbemühungen kann er aber noch lange nicht sein. Und auch wenn ihm mit seiner Truppe Wiedergutmachung für die Schmach der „Filipao“-Selecao gelingen sollte, wird er sich nicht davon blenden lassen, denn einer erfolgreichen Copa folgte schon in seiner ersten Amtszeit eine ernüchternde WM.

Dieses Déjà-vu gilt es zu verhindern, damit sich ein anderes wiederholen kann: Dungas Wandlung zum Helden im zweiten Anlauf.

 

Christoph Kristandl

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