"Synonym der Grausamkeit"

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Historischer Erfolg im ehemaligen Folterzentrum?

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Es ist der Ort einer nationalen Tragödie.

Ausgerechnet im Estadio Nacional von Santiago kann Gastgeber Chile am Samstag (22 Uhr) seinen ersten Copa-América-Titel perfekt machen.

Knapp 42 Jahre vor dem anstehenden Endspiel der goldenen Generation von „La Roja“ gegen Argentinien war Fußball im Nationalstadion für tausende Menschen bestenfalls ein ferner Traum.

Konzentrationslager im Stadion

Nur einen Tag nach dem blutigen Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende, machte das neue Militärregime unter General Augusto Pinochet das Stadion im September 1973 kurzerhand zu einem Konzentrationslager.

Alleine in den ersten zehn Tagen wurden über 7.000 (vermeintliche) Kommunisten, Studenten, Künstler und andere Querdenker eingesperrt. Im Laufe der nächsten zwei Monate erreichte die Zahl der Häftlinge 20.000. Geschlafen wurde in den Umkleidekabinen, Betten gab es nicht.

Untertags saßen die Gefangenen auf den Tribünen und warteten darauf, durch die Lautsprecher zum Verhör am Spielfeld gerufen zu werden. Dort wurden sie von den Militärs verprügelt, mit Zigaretten verbrannt und mit Elektroschocks gequält. Viele Frauen wurden von den Generälen vergewaltigt.

„Synonym der Grausamkeit des Pinochet-Regimes“

Bis Mitte November 1973 fielen etwa 200 Personen den harten Foltermethoden zum Opfer oder wurden gezielt getötet. Darunter die beiden US-amerikanischen Journalisten Frank Teruggi und Charles Horman.

„Das Stadion wurde zum Synonym der Grausamkeit des Pinochet-Regimes“, meint der ehemalige Gefangene René Castro und fügt etwas ungläubig hinzu: „Sie machten unaussprechliche Dinge mit uns. Heute ist es ein Ort des Fußballs, Leute kommen her, um Spaß zu haben.“

Dazwischen lagen 17 Jahre grausamer Diktatur. Insgesamt 40.000 Menschen wurden unter Pinochet gefoltert, über 3.000 verloren zwischen 1973 und 1990 ihr Leben oder verschwanden spurlos. Von all den Gefängnissen und Folterzentren war jenes im Estadio Nacional des größte.

FIFA zu Besuch

Im November 1973 stand Chiles Relegations-Rückspiel gegen die Sowjetunion an. Nach dem 0:0 auswärts sollte die Entscheidung über die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland im Heimspiel im umfunktionierten Nationalstadion fallen.

Als die Sowjetunion gegen den Austragungsort Protest einlegte, schickte die FIFA eine Delegation nach Santiago, um sich ein Bild von der Spielstätte zu machen. Während die Funktionäre des Weltfußballverbands den Innenraum des Stadions besichtigten, wurden die Häftlinge gezwungen, sich im Gebäude zu verstecken und keinen Lärm zu machen.

„Wir wollten schreien und sagen: ‚Wir sind hier, seht uns an!‘ Doch sie schienen sich einzig für den Zustand des Rasens zu interessieren“, erinnert sich Felipe Agüero, der insgesamt einen Monat im Estadio Nacional festgehalten wurde.

„Das perfekte Beispiel für die gesamte Farce“

Die FIFA genehmigte letztendlich die Austragung des Relegationsspiels in Santiago, woraufhin sich die Sowjetunion für einen Boykott der Partie entschied. Um die Qualifikation für die WM perfekt zu machen, musste Chile nach damaligem Reglement alleine antreten.

Vor halb gefüllten Rängen bestritt das Nationalteam letztlich ein lächerliches Spiel ohne Gegner. Die Spieler, darunter der kurz zuvor noch selbst im Stadion eingesperrte Hugo Lepe, schoben sich den Ball hin und her und trafen letztlich drei Mal ins leere Tor. Chile gewann mit 3:0 und löste das Ticket für die Weltmeisterschaft.

„Das war das perfekte Beispiel für die gesamte Farce“, meint Roberto Navarrete. Nachdem er einige Zeit im Nationalstadion inhaftiert gewesen war, konnte er das Spiel in einem anderen Gefängnis in Santiago im Fernsehen sehen. „Ich erinnere mich, zuzusehen und zu denken: 'Genau da bin ich gestanden‘“.

Vergangenheitsbewältigung

Ende November 1973 wurden letztlich alle Gefangenen in andere Haftanstalten der Diktatur verlegt. Das Stadion wurde wieder zu einem Ort, an dem Menschen ihre Freizeit verbrachten und sich amüsierten – vor allem bei Spielen der Nationalmannschaft.

Auch politisch begann ein Prozess der Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit der Spielstätte. 1988 diente das Stadion als Wahllokal beim Plebiszit über Pinochets Verbleib an der Macht, das letztlich das Ende der Diktatur einleitete.

Ein weiterer symbolischer Akt der Vergangenheitsbewältigung war 1990 die Siegesfeier von Patricio Aylwin, des ersten gewählten Präsidenten nach der Rückkehr zur Demokratie. Bis heute können die Chilenen bei Wahlen im Nationalstadion ihre Stimme abgeben.

„Ein Volk ohne Erinnerung ist ein Volk ohne Zukunft“

Auf der Nordtribüne erinnern einige traditionell belassene Holzbänke, die immer frei bleiben, an die Gräueltaten der Diktatur und deren Opfer. Darüber ragt in roten Lettern der Spruch: „Ein Volk ohne Erinnerung ist ein Volk ohne Zukunft.“

Im Gebäude unterhalb ist ein kleines Museum untergebracht, das die Schattenseite der Geschichte des Stadions nachzeichnet. „Es ist gut, was es gibt, aber ich würde gerne sehen, dass die Regierung mehr tut, um das Stadion wirklich als Gedenkstätte herausstechen zu lassen. So wäre es schwerer für die Leute, zu vergessen“, hofft der ehemalige Gefangene Agüero.

 

Manuel Preusser

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