Erste Zweifel an der WM-Tauglichkeit Brasiliens

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Die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei, wie sie Reinhard Krennhuber in den vergangenen Tagen beim Confederations-Cup erlebte, lassen den Chefredakteur des österreichischen Fußball-Magazins "ballesterer" zweifeln, ob die Fußball-WM 2014 in Brasilien geregelt über die Bühne gehen kann.

"Da müssen sich die Politiker und die Organisatoren noch viel einfallen lassen." Die Demonstrationen werden seiner Meinung nach nicht so schnell abebben.

Zumal mit dem Besuch von Papst Franziskus beim Weltjugendtag im Juli das nächste Großereignis ins Haus steht, bei dem sich die Protestbewegung mediengerecht in Szene setzen kann.

Rede der Präsidentin

Auch die TV-Rede von Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff vom Freitag dürfte wenig bewirken.

"Der Zeitpunkt war gut gewählt", meinte Krennhuber, der während des gesamten Confed-Cups in Brasilien weilt und bereits zuvor einen längeren Rechercheaufenthalt im Gastgeberland für die Fußball-WM 2014 und den Olympischen Sommerspielen 2016 (Rio de Janeiro) absolviert hatte.

"Die Rede hat indirekt zur Kalmierung beigetragen. Sie hat die Brasilianer darauf hingewiesen, dass der Vandalismus eskaliert ist. Das ist angekommen, aber die inhaltlichen Fragen wie die sozialen Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen."

Attacken auf FIFA-Busse

Am prägendsten waren für Krennhuber die Szenen, die er am Donnerstag vor dem Confederations-Cup-Match Nigeria gegen Uruguay in Salvador de Bahia erlebte: "An diesem Spieltag war die Sicherheit der Besucher absolut nicht gewährleistet", erzählte Krennhuber am Telefon aus Salvador.

"Es gab auch kein professionelles Arbeitsklima für Journalisten". Zweieinhalb Stunden vor dem Spiel war es nicht möglich, mit irgendeinem Verkehrsmittel zum "Fonte-Nova-Stadion" vorzudringen. Selbst Busse des Weltfußballverbands FIFA wurden angegriffen.

Erst zu Fuß sei es gelungen, an Barrikaden, Wasserwerfern, vorbei und neben Auseinandersetzungen und schweren Ausschreitungen doch noch zum Match zu gelangen.

"Nur schwer vorstellbar"

Wie es gelingen soll, unter solchen Umständen, ein WM-Match regulär abzuwickeln, ist für Krennhuber fraglich: "Bei der WM ist ja mit einem zusätzlichen Ansturm von Zehntausenden Fans aus dem Ausland zu rechnen. Und Journalisten werden auch viel mehr da sein. Es ist nur schwer vorstellbar, wie das funktionieren soll."

Probleme bezüglich der WM-Tauglichkeit des größten Landes Lateinamerikas ortet der 37-jährige Fußball-Journalist vor allem im öffentlichen Verkehrswesen, das zwar teuer, aber nicht gut erschlossen ist.

Davon sind auch zahlreiche WM-Stadien betroffen, die beispielsweise keine Anbindung an U-Bahnen haben, teilweise jedoch relativ weit außerhalb der Städte gebaut wurden.

"In Salvador wurde in den 90er-Jahren ein U-Bahn-Projekt in Angriff genommen. Von den geplanten 30 Netzkilometern wurden nur sechs gebaut, teure U-Bahn-Garnituren verrosteten in der Remisen."

Wohin fließt das ganze Geld?

Dass die Menschen im fußballbegeisterten Brasilien ausgerechnet gegen die WM auf die Straße gehen, erkläre sich unter anderem auch mit massiven Korruptionsvorwürfen, so Krennhuber.

"Die Kosten für die Bauprojekte sind explodiert, da fragen sich die Menschen, in welche Taschen das viele Geld geflossen ist."

Zudem würden die Proteste vorwiegend von der Mittelschicht, etwa linksgerichteten Studenten getragen. "Sie waren schon im Ausland. Bei der Rückkehr sind ihnen Zustände aufgefallen, die sie unzufrieden machen."

Extreme Preis-Explosionen

Ein Beispiel errechnete unlängst die Zeitung "Folha de Sao Paulo". Sie wies nach, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Brasilien im Vergleich zu europäischen Metropolen wie Madrid, Paris oder London äußerst kostspielig seien.

Während in Paris im Durchschnitt 5,25 Minuten gearbeitet werden müsse, um den Preis für ein einfaches Bus-Ticket zu erwirtschaften, brauche man in Sao Paulo oder Rio de Janeiro mehr als 13 Minuten dafür.

Dazu kommt, dass der Wirtschaftsboom vergangener Jahren, der den "BRIC-Staat" Brasilien zu einem der kommenden Global Player hochstilisiert hatte, die Bedürfnisse der Menschen steigen ließ.

"Nun gibt es in manchen Staaten Brasiliens aber kein Wirtschaftswachstum mehr". Die Preise jedoch seien gestiegen. "Lebensmittel kosten vergleichsweise viel, und Wohnen ist in Brasilien extrem teuer geworden."

Keine Nachnutzung der Stadien

Da stoße den Menschen auch auf, dass Millionensummen in Fußballstadien investiert würden, für die es nach der WM 2014 kaum eine Nachnutzung gibt.

"In Brasilia gibt es meines Wissens nur einen Drittligisten". In anderen Städten ist das ähnlich.

"Cuiaba hat gar keinen Profiverein. Es ist jetzt schon klar, das rund ein Drittel der 12 Stadien danach nicht adäquat verwendet werden kann."

Schwulen-Hasser wacht über Menschenrechte

Neben dieser Aufzucht weißer Elefanten und weiterer Misswirtschaften stören die Brasilianer auch andere gesellschaftliche Fragen, wie Krennhuber in Erfahrung brachte.

"Es gibt etwa Sorge um die Bürgerrechte. Die unabhängige Staatsanwaltschaft wurde unlängst beschnitten und Teile ihrer Kompetenz der Polizei übertragen, der die Leute ohnehin mit viel Misstrauen begegnen."

Ein anderes Beispiel sei der Abgeordnete Marco Feliciano, der zum Vorsitzenden der Menschenrechtskommission gemacht wurde. "Er ist ein evangelischer Fundi und Brasiliens prominentester Schwulen-Hasser. So etwas regt die Leute auf..."

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