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Mit Scolari träumt Brasilien vom WM-Titel

Ein Jahr vor der Heim-Weltmeisterschaft ist Brasiliens Nationalteam zu neuem Leben erwacht. Der Einzug ins Finale des Confederations Cup, in dem in der Nacht von Sonntag auf Montag (00.00 Uhr MESZ) Welt-und Europameister Spanien wartet, kann als klares Zeichen gewertet werden.

Wesentlicher Faktor dabei ist "Felipao", wie Luiz Felipe Scolari in Brasilien genannt wird. Der Nationalcoach ist ein Erlebnis im Zeitalter der Trainer, die sich ihr Image mit Hilfe von Beratern zurechtzimmern.

Gute Laune bei Scolari

Scolari sitzt in kurzen Hosen im Mannschaftshotel auf einem Ledersofa und plaudert mit Journalisten. In der Hand hat er eine Thermosflasche und einen Becher mit Mate. Was man ihm denn in den Tee getan habe, dass er so gut drauf und stets zu Scherzen aufgelegt sei?

"Ich war nie anders. Ihr habt geglaubt, dass ihr mich kennt, aber anscheinend ist dem nicht so", sagt Brasiliens Nationaltrainer. Im fußballverrücktesten Land der Welt trägt der 64-Jährige eine Riesenlast mit Rückgrat und Humor. 2014 soll endlich die "Hexacampeao" her, der sechste WM-Titel. Beim Confederations Cup hat Scolari alle überzeugt, dass der Rekordweltmeister auf dem richtigen Weg ist.

Die Fans hat Felipao vor dem Finale im legendären Maracana-Stadion von Rio de Janeiro längst auf seine Seite gebracht: Mit teilweise feinem Fußball, Lobeshymnen auf das Publikum und bemerkenswerten Aktionen. Bei einer Trainingseinheit in Fortaleza ließ er - zum Ärger des Weltverbandes (FIFA) - die Tore für die Anhänger öffnen. Und in den Debatten um die Massenproteste solidarisierte er seine Mannschaft mit einem einzigen Satz mit den friedlichen Demonstranten: "Die Selecao ist das Volk."

Der Erfolgscoach ist zurück

So lange es sportlich läuft, hat Scolari sogar die Medien im Griff. Nur zu gern und gestenreich treibt er seinen Schabernack mit ihnen. "Vielleicht ist das eine Seite, die ihr noch nicht gekannt habt von mir, oder die ich vielleicht noch nicht kommuniziert habe", erklärt er und droht mit dem Zeigefinger: "Manchmal habe ich aber auch Lust, den einen oder anderen von euch zum Teufel zu jagen."

Mit Scolari hat der Brasilianische Fußball-Verband (CBF) jenen Erfolgscoach zurückgeholt, der 2002 in Japan und Südkorea das letzte Mal den WM-Pokal gewonnen hat. 2006 in Deutschland scheiterte der Mitfavorit unter Carlos Alberto Parreira ebenso im Viertelfinale wie 2010 in Südafrika unter Carlos Dunga.

Am 29. November 2012 war der schnauzbärtige Scolari, der zwischen 2003 und 2008 Portugals Nationalteam trainierte, Nachfolger des glücklosen Mano Menezes geworden. Bis zur WM nächstes Jahr, so meinte sein Vorgänger einmal, wird die Selecao und damit Scolari "in einem nie nachlassenden Hurrikan leben". Die aufkommende Euphorie um die Mannschaft und Superstar Neymar nimmt der Nationalcoach gelassen: Man habe sich beim Confed Cup "ein bisschen" verbessert.

Scolari hat die Spieler auf seiner Seite

Nach dem strengen Dunga und dem farblosen Menezes folgen die Spieler Scolari voller Begeisterung und Vertrauen. Früher steckte der Chefcoach seinen Profis Zettel mit kleinen Motivationshilfen unter der Zimmertür durch, heute geht er in der Rolle des konsequenten, aber liebevollen Mentors auf.

"Felipao ist ein echter Kumpel. Er umarmt uns, er passt auf uns auf, er fordert uns sehr. Aber er lobt uns auch, wenn es angebracht ist", erklärte Fred. Immer wieder hat Scolari in den letzten Wochen schützend die Hand über seine Sturmspitze und auch über Neymar gehalten. Jetzt danken es ihm die beiden mit Toren.

Das "jogo bonito", das schöne Spiel, funktionierte Scolari zu einem körperbetonten Fußball um mit blitzschnellen Angriffsaktionen und einer soliden Defensive um die Mittelfeldaufräumer Luiz Gustavo und Paulinho sowie Kapitän Thiago Silva als Abwehrchef. Und in Oscar von Chelsea fand Brasiliens Trainer einen Nachfolger für die einstigen Strategen Kaka oder Ronaldinho, die er vor der WM-Generalprobe kurzerhand aus dem Kader gestrichen hat.

Es ist noch lange nicht Schluss

Mit dem stoischen Parreira hat Scolari zudem einen Vertrauten an seiner Seite: Der 70-Jährige triumphierte bei der WM 1994 in den USA mit der Selecao, enttäuschte 2006 mit Stars wie Ronaldo, Ronaldinho und Roberto Carlos, ist aber als Technischer Direktor zurückgekehrt.

Wenn das Altherren-Duo bei Tee und beim Zeitunglesen gemütlich und gelassen wie zwei befreundete Pensionisten zusammensitzt, dann hat man nicht den Eindruck, dass 2014 irgendetwas schiefgehen könnte. Zur Ruhe setzen will sich Scolari danach noch lange nicht. "Ich muss mir für Russland 2018 eine Mannschaft suchen", sagt er, und der Schalk blitzt aus seinen Augen.

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