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Vom Saulus zum Paulus - der "neue" Quaresma

Sporting Lissabon, FC Barcelona, FC Porto, Inter Mailand, Chelsea London, Besiktas Istanbul, Al-Ahli und noch einmal FC Porto.

Die Vita von Ricardo Quaresma liest sich auf den ersten Blick wie von einem Spieler, der in Europa auf höchster Ebene spielte, im Spätherbst seiner Laufbahn noch in der Türkei und Dubai Geld in die Kassen spülte und seine Karriere in der Heimat beim FC Porto beendet.

Dabei ist der Flügelstürmer gerade erst 31 Jahre alt. Seine Laufbahn lief alles andere als optimal. Lange Zeit als Jahrhundert-Talent gepriesen, wurde er bei Barca, Inter und Chelsea zum Inbegriff des Transfer-Flops. „Ich wählte die falschen Entscheidungen zu wichtigen Zeitpunkten meiner Karriere“,  gab der Portugiese gegenüber „O Jogo“ zu.

Spät aber doch ist Quaresma nun erwachsen geworden und hat bei Porto einmal mehr sein Zuhause gefunden.

Der neue Quaresma

Der bisherige Höhepunkt seines Neuanfangs war der Doppelpack im Champions-League-Viertelfinale gegen den großen FC Bayern München. Gerade einmal zehn Minuten benötigte der Portugiese, um zunächst einen Elfer und anschließend einen Dante-Patzer zu verwerten.

Besonders der zweite Treffer war ein Sinnbild für den „neuen“ Quaresma. Schnell antizipierte er den Fehler vom brasilianischen Innenverteidiger, schnappte sich die Kugel und blieb im Eins-gegen-Eins-Duell mit Manuel Neuer souverän. „Als ich realisierte, dass ich ihm den Ball abnehmen konnte, fokussierte ich mich nur auf das Tor, das war alles was ich sah“, lässt der extravagante Spieler das Tor Revue passieren.

In den vergangenen Jahren fiel Quaresma mehr durch sinnlose Übersteiger und seinem Markenzeichen, der Außenrist-Schusstechnik „Trivela“, auf. Mit frühem Pressing brachte man ihn nicht in Verbindung. Vergleiche mit Cristiano Ronaldo liegen nicht nur wegen dem äußeren Erscheinungsbild auf der Hand.

Die Vorfreude bei Inter war groß

Doch auch Mourinho konnte ihm seine verspielte Ader nicht austreiben. So war es diesmal der Trainer, der nach einem halben Jahr die Geduld verlor. Quaresma wechselte leihweise für sechs Monate zu Chelsea, doch auch dort kam er nicht über die Rolle des Edelreservisten hinaus.

In seiner letzten Saison bei den „Nerazzurri“ durfte er sich immerhin noch Triple-Sieger nennen. Sein Beitrag daran war allerdings ähnlich groß wie jener von Marko Arnautovic. Anschließend ging es in die Türkei zu Besiktas Istanbul.

Flaschenwurf-Skandal

Schnell spielte er sich mit seiner spektakulären Art in die Herzen der fanatischen türkischen Fans. Doch einmal mehr gab es ein Zerwürfnis mit seinem damaligen Coach, Carlos Carvalhal. Dieses gipfelte darin, als er gegen Atletico Madrid zur Hälfte ausgewechselt werden sollte.

Quaresma wollte diese Entscheidung nicht akzeptieren und warf eine Wasserflasche auf seinen Vorgesetzten. Türkischen Medien zufolge soll er dabei geschrien haben: „Wie kannst du mich aus dem Spiel nehmen? Ich habe dich hier hin gebracht! Für wen hältst du dich? Wäre ich nicht hier, wärst du auch nicht hier. Du kannst mich gar nicht aus dem Spiel nehmen, du bist ein Nichts!“

Die falschen Wege

Beide waren zur gleichen Zeit bei Sporting Lissabon, dem etwas älteren Quaresma wurde damals sogar das größere Talent nachgesagt. Im Sommer 2003 zogen die beiden Flügelspieler von ihrem Jugendklub in die große Fußballwelt.

Doch während sich „CR7“ bei Manchester United zum Weltfußballer entwickelte, saß „Q7“ beim FC Barcelona meist auf der Bank und kritisierte zu allem Überfluss auch noch Trainer Frank Rijkaard. „In Barcelona hatte ich keine Geduld. Ich ertrug es nicht, auf der Bank zu sitzen“, übte er Jahre später leichte Eigenkritik. „Ich wollte, dass alles ganz schnell geht und das hat mir nur geschadet.“

Also machte Quaresma einen Schritt zurück und wechselte wieder in die Heimat zum FC Porto. Es folgten erfolgreiche Jahre mit drei Meistertiteln, er gehörte zur Stammformation. Doch der damals 25-Jährige wollte noch einmal den Sprung zu einer europäischen Elite-Mannschaft wagen. Für kolportierte 25 Millionen Euro wechselte er zu Inter Mailand und Star-Coach Jose Mourinho.

Ein Triple-Sieger wie Arnautovic

„Er mag es, den Ball mit dem Außenrist zu spielen. Aber wenn Sie mich fragen, werden wir in ein paar Monaten über einen anderen Quaresma reden“, hatte „The Special One“ große Ziele mit seinem Neuzugang.

Mit Besiktas war Quaresma auch bei Rapid zu Gast

Die Suspendierung war die logische Folge und so zog es ihn weiter in die Wüste, zum Klub Al-Ahli aus Dubai. Besiktas-Trainer Samet Aybaba, Nachfolger von Carvalhal, verabschiedete ihn mit den Worten: „Nur Rentner spielen in der Wüste!“

Tatsächlich machte der Wechsel den Anschein, als hätte Quaresma kein Interesse mehr an einer großen Fußball-Karriere. Doch der FC Porto hatte noch Vertrauen in seinen ehemaligen Schützling und nahm ihn im Winter 2014 unter Vertrag. „Quaresma ist wie ein Sohn für den FC Porto. Nachdem wir mit ihm gesprochen haben, sind wir überzeugt, dass er uns helfen kann. Er ist motiviert und glücklich bei dem Klub zu sein, wo er immer geliebt wurde“, erklärte der damalige Trainer Paulo Fonseca den Transfer.

„Ich bin extrem stolz zurück zu sein und habe meine Freude am Fußball wiedergefunden“, frohlockte Quaresma selbst bei seiner Vorstellung.

Wie ausgetauscht

Gesagt, getan. In der Heimat blühte Quaresma wieder zu Topleistungen auf und wurde um ein Haar in Portugals Nationalmannschaft für die WM 2014 in Brasilien einberufen. Am Ende entschied sich der damalige Trainer Paulo Bento dagegen, unter Neo-Teamchef Fernando Santos kehrte er aber wieder in die „Seleccao“ zurück.

„Ich bin erst 31 Jahre alt. Schaut euch Giggs, Zanetti und Pirlo an. Das will ich auch“, spielt der Flügelstürmer auf prominente Spieler an, die auch im Spätherbst ihrer Karriere für Furore sorgten beziehungsweise sorgen.

Sein aktueller Trainer, Julen Lopetegui, zeigt sich von der Entwicklung seines Schützlings begeistert: „Er ist einer der Spieler,  auf die ich in diesem Jahr am meisten Stolz bin. Ich glaube er ist kompletter, besser geworden und das alles Dank seiner harten Arbeit.“

Quaresma bleibt trotz aller Lobeshymnen zurückhaltend und beweist damit einmal mehr seinen Reifeprozess. Auch nach dem Bayern-Erfolg ließ er sich nicht zu großspurigen Aussagen hinreißen: „Wir haben noch nichts gewonnen. Bayern ist ein großartiges Team, eines der besten der Welt, mit tollen Spielern und einem tollen Trainer.“

Bescheidene Worte für den Mann des Hinspiels. Der "neue" Quaresma hat eben gelernt, demütig zu sein.

 

Julian Saxer

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