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Die letzte Hürde

Österreich gegen Schweden.

Am Dienstag (20:45 Uhr) kämpft Meister Red Bull Salzburg im Playoff-Hinspiel gegen sein Pendant aus dem hohen Norden, Malmö FF, um eine gute Ausgangslage für den erstmaligen Einzug in die Gruppenphase der Champions League.

Rund drei Wochen später treffen dazu beide Nationalteams zum Auftakt der EM-Qualifikation aufeinander.

Während Schweden neben Russland, Montenegro, Moldawien und Liechtenstein für das ÖFB-Team eine von fünf Hürden zum großen Traum namens EM-Qualifikation darstellt, ist Malmö für Salzburg die letzte für das immerwährende Ziel: endlich in der europäischen Königsklasse mitspielen zu dürfen.

„Wir haben vom ersten Tag an klargemacht, dass das große Ziel ist“, betont Sportchef Ralf Rangnick und hat ein gutes Gefühl: „Das Team zeigt sich so fokussiert, dass sie es schaffen wird.“

DIE AUSGANGSLAGE

Es sind die wichtigsten beiden Spiele in der Ära Red Bull – wieder einmal. Zum fünften Mal in der zehnten Saison steht Salzburg in der letzten Runde vor der Gruppenphase der Champions League. Zwei Mal sind die „Bullen“ bereits zuvor ausgeschieden. Nicht nur weil Salzburg in der Qualifikation topgesetzter Champions ist, war die Chance auf den Einzug nie größer. Mit Rangnick stellte sich Kontinuität ein. „Unsere Spielweise zieht sich durch alle Mannschaften, auch im Nachwuchs, das ist zu unserem Markenzeichen geworden“, nennt der Deutsche einen Schlüssel für die positive Entwicklung, die auch Eigentümer Dietrich Mateschitz gefällt: „Ihm geht es um den sportlichen Erfolg, um attraktive Spielweise und junge Spieler, die sich entwickeln.“

Ein weiterer Schlüssel ist der Hunger nach Erfolg. „Das Durchschnittsalter ist geringer geworden und die Mannschaft hat in jedem Spiel Spaß. Es ist keine lästige Pflicht.“ Schon gar nicht der große Traum, den die Kicker seit jeher verfolgen. „Jeder, der zu Red Bull kommt, will Champions League spielen. Auf das fiebern wir hin“, weiß etwa Stefan Ilsanker. Kevin Kampl meinte unlängst: „Wir wollen uns mit den ganz Großen messen.“ Diesbezüglich lobt auch Trainer Adi Hütter den Fokus seiner Spieler: „Was mir sehr gefällt, ist die Herangehensweise. Die Mannschaft will das einfach unbedingt erreichen.“ Auch der Trainer, der schon als Spieler mit Austria Salzburg vor 20 Jahren dabei war. „Das hat mir damals schon viel bedeutet, aber als Trainer würde es mir noch mehr bedeuten, weil es noch einmal etwas ganz anderes ist. Es beinhaltet einfach mehr“, arbeitet Hütter für seinen Traum.

Eine Quali-Runde zuvor setze sich Salzburg gegen Qarabag nach 1:2-Auswärtsniederlage mit 2:0 durch. Im Heimspiel, das von WM-Final-Schiedsrichter Nicola Rizzoli aus Italien geleitet wird, will Salzburg vorlegen. „Wir spielen zu Hause, wir wollen uns viele Chancen herausspielen und diese entschlossen nutzen.“ Wie Hütter in den vergangenen Tagen betont auch Rangnick die Wichtigkeit der Null im Hinspiel: „Es ist wichtig, dass wir vorlegen und möglichst zu Null spielen.“ Tormann Peter Gulacsi, den das in erster Linie betrifft, setzt im LAOLA1-Interview (erscheint am Dienstag) andere Prioritäten: „Ich will in erster Linie gewinnen. Das ist mir wichtiger. Wir sind ein offensives Team und das dürfen wir nicht vergessen.“ Am Dienstag und im Rückspiel am Mittwoch in einer Woche zählt es. „Ich bin keiner, der groß redet, ich will Fakten sehen“, gibt Hütter die klare Marschroute aus.

DIE AUFSTELLUNG

Never change your winning team – heißt es. Demnach könnte Salzburg aktuell mehrere Teams aufbieten. Klar ist: Hütter will die Stammelf der vergangenen Saison spielen lassen. „Die Mannschaft hat letztes Jahr total überzeugenden Fußball gespielt, den Spielstil hat sie im Blut“, sagte der 44-Jährige bereits nach dem 6:1 gegen Rapid zum Auftakt der Bundesliga-Saison. In den wichtigsten beiden Spielen dieser Saison soll nichts dem Zufall überlassen werden, auch wenn sich Neuzugänge wie der erst 19-jährige Naby Keita, Marcel Sabitzer oder Massimo Bruno bereits in der Liga als adäquate Ersatzleute präsentiert haben. Im Idealfall läuft folgende Mannschaft am Dienstag auf.

Ob Salzburg in dieser Konstellation wirklich antreten kann, wird sich im Laufe des Matchtages entscheiden und hängt vor allem von Martin Hinteregger ab. „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, am Montag hat er als Vorsichtsmaßnahme nicht trainiert“, so Hütter, der natürlich darauf hofft, dass der Kärntner spielen kann. „Er tut unserem Spiel aktuell sehr gut, ich sehe bei ihm auch den nächsten Schritt in seiner Entwicklung, vor allem im Eins-gegen-Eins präsentiert er sich sehr stark. Er wäre schwer zu ersetzen, aber wir würden eine Alternativ-Lösung finden und es hängt auch nicht alleine davon ab.“

Hütter hat „die eine oder andere Variante“ im Kopf. Eine Alternative wäre Franz Schiemer, der nach Cut Nummer 15 und einem Fingerbruch mittrainiert und somit einsatzbereit ist. Rodnei könnte spielen, kam aber diese Saison noch auf keine Einsatzminute. Von den restlichen Innenverteidigern sind Isaac Vorsah und Asger Sörensen verletzt. Eine ganz andere und eher unwahrscheinliche Möglichkeit wäre, Stefan Ilsanker zurückzuziehen und den zuletzt starken Naby Keita ins Zentrum zu stellen. Eine Dreierkette komme laut Hütter nicht in Frage. Hinteregger selbst will auflaufen, die Zähne zusammenbeißen. Ist der 21-Jährige aber nicht vollends matchbereit, wird Hütter ihn nicht spielen lassen. Alan kann. Der Brasilianer spielt nach Mittelhandknochenbruch mit oder ohne Manschette. Christoph Leitgeb trainiert nach Zahnoperation ebenfalls wieder seit Samstag und wird auflaufen.

DER GEGNER

Der 17-fache schwedische Rekordmeister Malmö FF aus der südlichen Hafenstadt mit etwas mehr als 300.000 Einwohnern bestreitet sein 50. Spiel in diesem europäischen Klubbewerb. Malmö, Heimatklub von Superstar Zlatan Ibrahmovic, wurde 1910 gegründet und stand 1979 sogar im Finale des Europapokals der Landesmeister, in dem man am 30. Mai im Münchner Olympiastadion Nottingham Forrest 0:1 unterlag – Schiedsrichter war dabei der Linzer Erich Linemayr. Zuvor setzte man sich im Halbfinale gegen die Wiener Austria nach 0:0 im Hinspiel zu Hause mit 1:0 durch. Die „Veilchen“ revanchierten sich 2011 in der Europa-League-Gruppenphase mit zwei Siegen (2:1 a/2:0 h). Von damals sind noch Ricardinho, Markus Halsti, Filip Helander sowie Simon Kroon mit dabei, es ist also nun eine andere Truppe am Werk.

Der Trainer der Schweden ist ein alter Hase: Aage Hareide. Der 60-jährige Norweger ist ein akribischer Arbeiter, der sich auf die Aufgabe freut, Salzburg ein Bein zu stellen. „Wir haben den Gegner in alle Einzelteile zerlegt. Es ist, als ob man ein Puzzle zusammenfügt. Ich habe mir Spieler für Spieler angeschaut und ich mag diesen Teil des Jobs, ich sitze davor, im Stadion und auch zu Hause“, so der frühere norwegische Teamchef, der sich zwischen 2003 und 2008 für kein Großereignis qualifizieren konnte. Nun will Hareide Malmö erstmals in die Gruppenphase der Champions League führen. „Wenn es um so viel geht, dann gehe ich in meine Blase und verbringe sehr viel Zeit mit Detailarbeit“, so der Coach, der seine Frau in den Urlaub geschickt hat. Sie sei derzeit Skifahren in den Bergen.

Sein Star und Kapitän ist Markus Rosenberg. „Er ist der Schlüsselspieler der Mannschaft. Nicht nur wegen seiner Tore, sondern weil er ein sehr intelligenter Stürmer ist. Wir müssen jede Sekunde auf ihn aufpassen“, sagt Hütter. „Er ist ein toller Angreifer, schnell, mit einem guten Auge und einem schnellen Abschluss“, meint Gulacsi, der ihn aus dessen wenig erfolgreichen Zeit bei West Bromwich kennt. Der 31-Jährige hat aktuell einen Lauf, traf in seinen letzten vier Liga-Spielen fünf Mal und legte vier Treffer auf. In der dritten CL-Quali-Runde beim 2:0 gegen Sparta Prag (Hinspiel: 2:4) erzielte der EM-Teilnehmer von 2008 und 2012 beide Treffer. Wie Ibrahimovic in Malmö geboren (und zuerst im Ausland bei Ajax unter Vertrag), möchte der Angreifer seinen Klub nach fast zehn Jahren im Ausland (u.a. bei Werder Bremen) nun in die Champions League schießen. „Er ist ein Führungsspieler, der positiv ist und immer hart für das Team arbeitet. Er ist ein Goalgetter von Rang, ein großer Fußballer“, lobt Trainer Hareide seinen Schützling, der immer im Schatten seines früheren Nachwuchs-Kollegen Ibrahimovic stand. „Ich habe im Ausland viel bessere Saisonen gespielt, auch wenn das nicht jeder mitbekommen hat. Wenn man die Grenzen Schwedens verlässt, verschwindet man ein bisschen von der Bildfläche - es sei denn, man heißt Zlatan Ibrahimovic.“ Eine Rückkehr ins Nationalteam ist nicht ausgeschlossen – und somit ein Wiedersehen mit Österreich am 8. September möglich.

 DER GAMEPLAN

„Wir haben sie drei Mal beobachtet“, überließ Hütter freilich nichts dem Zufall. Nach dem 2:2 gegen Göteborg weilte der Salzburg-Coach selbst beim 3:2 (nach 0:2) gegen Örebro und sprach dabei von „guter Moral“ sowie einem „Hexenkessel“, der Salzburg im 24.000 Zuschauer fassenden Swedbank Stadion erwartet. Zuletzt sah Scout Heiko Lässig den Gegner beim 0:0 gegen den Neunten Gefle, wo die vier Stars Rosenberg, Forsberg, Adu und Ricardinho geschont wurden. „Es werden zwei verschiedene Spielkulturen aufeinandertreffen. Sie spielen ein klares 4-4-2, taktisch diszipliniert und typisch skandinavisch“, sah Hütter eine robuste Mannschaft, deren Innenverteidigung mit Filip Helander (21/1,91m) und Erik Johansson (25/1,92m) zwei Hünen bilden. „Defensiv versuchen sie stets schnell hinter den Ball zu gelangen“, sagt Hütter. Hareide hat Salzburg laut eigener Aussage bis ins Detail studiert und wird versuchen, dass sich seine Mannschaft dem Pressing der Österreicher entzieht, wohl mit vermehrt hohen Bällen. Salzburg muss auch clever sein, wie Christian Schwegler weiß, nicht zu überfokussiert ins Spiel gehen: „Man muss sehen, dass man die richtige Balance bekommt, dass man nicht ins offene Messer läuft. Das ist die Gefahr, aber das werden wir hinbekommen.“

Adi Hütter und seine Mannschaft bereiten sich vor

Ex-Salzburger Eddie Gustafsson hat mit vielen seiner Landsleute gesprochen und hält fest, dass die Chance für Salzburg groß ist: „Malmö hat eine junge, unerfahrene Mannschaft. Sie werden Salzburg studieren, aber sie werden sicher vom Druck, den Salzburg ausüben kann, überrascht werden. Malmö möchte Fußball spielen. Sie sind vorne ganz stark, aber in der Abwehr haben sie Schwächen.“ Die "Bullen" wollen diese freilich ausnützen und mit dem gewohnt permanenten Druck bemühen. Die oftmals gezeigte Schwäche bei der Chancenverwertung darf in diesen beiden Spielen keine sein. Defensiv wollen die Gastgeber die Schweden damit auch weit vom Tor weg halten, so dass der kaltschnäuzige Rosenberg und der schnelle Linksaußen Forsberg nicht stechen können. Zudem sollen Standards vermieden werden. Rosenberg selbst verwandelte solch einen zum 2:0 gegen Sparta. Den "Himmelblauen" reichte letztlich ein 2:4 im Hinspiel in Prag, wo Keeper Olsen nicht immer glücklich aussah, führte dort aber auch zwei Mal. Im Rückspiel waren die Fans da. „Wenn wir in Salzburg ein gutes Resultat erzielen, wird das Stadion zu Hause voll sein“, sagt Hareide und schwärmt von der Stimmung dort: „Ich weiß nicht, wie sich der Himmel anfühlt, aber so vielleicht.“

25.000 Karten waren bis Montagmittag für das Hinspiel verkauft, weniger als 1000 Fans kommen aus dem Norden. Salzburg hofft freilich auf ein ausverkauftes Haus im Schlüssel-Heimspiel: „Ich merke eine Aufbruchstimmung. Schon gegen Qarabag war die Stimmung toll. Ich hoffe, die Fans pushen uns hinein“, sagt Salzburg-Rückkehrer Hütter. In jedem der vier bisherigen CL-Playoffs war Salzburg zuerst immer Gastgeber, auch jetzt. „Aufgrund der Bedeutung des Spiels hoffe ich, dass die 5000 Karten auch noch weggehen und wir vor ausverkauftem Haus eine richtige Heimspiel-Atmosphäre haben werden“, erklärt Rangnick. Für das große Ziel, für den großen Traum, der sich endlich erfüllen soll.

 

Bernhard Kastler

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