"Aschenputtel" will Europa erobern

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Schon mal etwas von Ludogorets Razgrad gehört?

Bis vor wenigen Wochen vermutlich nicht, dank eines spektakulären Spiels war der bulgarische Klub jedoch europaweit in diversen Gazetten.

"Schuld" daran trägt Verteidiger Cosmon Moti. Der 29-Jährige übernahm im Champions-League-Playoff gegen Steaua Bukarest den Platz zwischen den Pfosten, nachdem Stammtorhüter Vladislav Stoyanov Rot sah und das Wechselkontingent bereits erschöpft war.

Es kam, wie es kommen musste. Die Partie ging ins Elfmeterschießen, in dem Moti zunächst selbst traf, ehe er zwei Strafstöße parierte und seinem Klub zum erstmaligen Einzug in die Gruppenphase der Königsklasse ermöglichte.

Steiler Aufstieg

Eine unglaubliche Geschichte, die noch viel unglaublicher wird. Der amtierende bulgarische Meister kickte nämlich im Frühjahr 2010 noch in Liga drei.

Seither ging es für den Klub aus der 40.000-Einwohner Stadt Razgrad im Nordosten Bulgariens steil bergauf. Durchmarsch in die "A Futbolna Grupa", die höchste Spielklasse des Landes, drei Meistertitel, zwei Pokalsiege, zwei Supercup-Triumphe. Und nun die Champions League.

Parallelen zu Red Bull

Was wie ein Märchen klingt, ist ein klug kalkulierter Plan eines steinreichen Unternehmers. Seit Kiril Domuschiev, in Pharma- und Schiffsindustrie tätig, den Klub übernahm, ging es steil bergauf.

Das freut die Fans der "Adler", so der Spitzname der Mannschaft, schürt aber auch Missgunst. Frappierende Parallelen zum Engagement von Dietrich Mateschitz und Red Bull sind zu erkennen.

Viele Neider

Im Playoff-Spiel gegen Steaua saßen 3.000 Anhänger von CSKA Sofia im 43.230 Zuschauer fassenden Vasil Levski Nationalstadion - aufgrund der geringen Kapazität der Ludogorets Arena (6.000) muss der Klub in die Hauptstadt ausweichen - und unterstützten die Rumänen lautstark.

"Es gibt viele Klubs, die sich nicht in die richtige Richtung bewegen. Wenn dann jemand einen gut geführten Mechanismus erkennt, ein Team, das sich entwickelt, wie es sollte, fördert das Neid zu Tage", ist Domuschiev bewusst, dass er nicht nur Freunde hat.

Klub-Besitzer Kiril Domuschiev

Triple im ersten Jahr

Der 45-Jährige hat den Verein 2010 übernommen und gilt als leidenschaftlicher Jäger. Inzwischen sammelt er nicht nur animalische Trophäen reihenweise.

Mit dem Triple-Gewinn vor zwei Jahren schrieb Ludogorets Geschichte. Dieses Kunststück als Aufsteiger zu vollbringen, schaffte weltweit erst ein Klub: Der FC Levadia Tallinn aus Estland.

"Aschenputtel aus der Provinz"

Dabei war Domuschiev, der mehr als eine halbe Milliarde Euro schwer sein soll, über mehrere Jahrzehnte Sympathisant von CSKA. Er konnte jedoch durch Razgrads ehemaligen Klubchef von einem Engagement in Razgrad überzeugt werden und ist inzwischen längst Feuer und Flamme für sein Projekt.

"Obwohl ich von Kindesbeinen an Fan von CSKA Sofia war, gehört mein Herz inzwischen dem Aschenputtel aus der Provinz." In dieses Aschenputtel investiert er jede Menge Geld, damit es auch weiterhin wie eine Prinzessin erstrahlt.

Krösus in Bulgarien

2,5 Millionen Euro wurden im Sommer locker gemacht, um die Herren Angulo (1,5 Mio. - Vereinsrekord), Younes und Anicet (jeweils 0,5) nach Razgrad zu locken.

Klingt unspektakulär, erscheint aber in einem ganz anderen Licht, wenn man sich die Investitionen der beiden erfolgreichsten bulgarischen Klubs der Vergangenheit, CSKA und Levski Sofia, zu Gemüte führt: Beide Teams haben ganze 50.000 Euro ausgegeben und überwiegend auf ablösefreie Spieler gesetzt.

Peanuts in Europa

Im Vergleich mit Real Madrid, dem FC Basel und dem FC Liverpool, Ludogorets' erstem Gegner in Gruppe B, sind das Peanuts. Dennoch ist das Team von Trainer Georgi Dermendzhiev gewillt, auch dem "Establishment" des Vereinsfußballs den Kampf anzusagen.

"Es wird schwierig für uns, aber im Fußball ist alles möglich", weiß Moti nur zu gut, wovon er spricht. "Keiner hat erwartet, dass wir uns überhaupt qualifizieren. Keiner erwartet, dass wir den Aufstieg schaffen. Aber Achtung: Auch wir können gut Fußball spielen."

"Das Beste kommt noch"

Worte, die Gönner Domuschiev, dessen Firma Huvepharma als Hauptsponsor fungiert, gerne hören wird. Der sagte bereits direkt nach dem Amtsantritt: "Unsere Ambition muss es sein, schön zu spielen, damit die Öffentlichkeit es genießt."

In Bulgarien ist das längst gelungen, jetzt will er das auch in der Champions League umgesetzt sehen. Zuzutrauen ist den Bulgaren alles. Nicht umsonst ziert die Vereinsseite der Spruch: "Das Beste kommt noch!"


Christoph Nister

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