Ramalho: "Ich bin bereit, man muss einfach bereit sein"

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Immer wenn Andre Ramalho den Rasen betritt, richten sich seine Hände nach oben.

Der 21-Jährige spricht vor einem Spiel – wie für einen Brasilianer nicht unüblich – zu Gott. Was genau, bleibt sein Geheimnis. Sollte er sich jedoch bedanken, dürfte der Südamerikaner Mühe haben vor dem Anpfiff „Amen“ gesagt zu haben. Schließlich darf er dieser Tage für einiges dankbar sein.

Andre Ramalho Silva, so der volle Name des Verteidigers von Red Bull Salzburg, wird sich vermutlich am Mittwoch auch einmal zwicken müssen. Schließlich tritt er mit seiner Mannschaft in der Red-Bull-Arena im Hinspiel der 3. Qualifikations-Runde der Champions League gegen Fenerbahce Istanbul an.

Andelsbuch, LASK, Fenerbahce

Wenn der Jungspund in Wals-Siezenheim ins ausverkaufte Stadion einzieht, wird er wohl kaum daran denken, wo er 83 Tage zuvor auflief: Im vorarlbergischen Andelsbuch.

Beim hiesigen FC spielte Ramalho seine letzte Partie in der Regionalliga West. Nach dem 4:1 im Ländle folgte einen Monat später durch zwei Siege gegen den LASK der Aufstieg in die Erste Liga. Damit war die Mission für den Lockenkopf beim FC Liefering beendet.

„Ich konnte helfen, in die zweite Liga zu kommen und nun spiele ich bei den Profis. Das war immer mein Ziel und ist einfach nur schön. Und ich glaube, ich kann auch jetzt helfen“, freut sich Ramalho im Gespräch mit LAOLA1.

Beim Interview-Termin blickt der Salzburger „Neuzugang“ auf den Rasen der Arena und denkt an die Spiele gegen den LASK. In diesen steuerte der Defensivmann sein Schicksal selbst und lieferte zwei Top-Leistungen ab. Nach dem 2:0-Hinspiel-Sieg in Salzburg zerstörte er mit einem Weitschuss-Tor nach nur vier Minuten im Rückspiel sämtliche Linzer Hoffnungen. Am Ende wurde ein 3:0 gefeiert.

„Dieses Tor war ganz wichtig. Aber wir haben in beiden Spielen auch sehr diszipliniert und einfach sehr gut gespielt, deswegen haben wir den Aufstieg geschafft“, erinnert sich der „Bulle“.

Der Aufsteiger des Sommers

„Er war in diesen Spielen hervorragend, das ist auch den Verantwortlichen der ersten Mannschaft  aufgefallen“, blickt Liefering-Coach Peter Zeidler zurück.

Tatsächlich machte sich Sportdirektor Ralf Rangnick, den Ramalho als „große Freund“ bezeichnet, in beiden Spielen selbst ein Bild und beförderte den jungen Mann in die erste Mannschaft.

„Es macht uns wirklich stolz, dass Andre, den viele abgeschrieben haben, so eine Entwicklung genommen hat. Er hat außerordentliche Fähigkeiten in allen Bereichen. Jetzt müssen wir einmal schauen, wie es weiter geht. Aber wir freuen uns einfach ungemein“, lächelt Zeidler.

Der Deutsche, früher Co-Trainer bei Hoffenheim unter Rangnick, trägt eine Mitverantwortung für diesen Schritt. Ramalho: „Er hat viel Anteil daran, er hat mir sehr geholfen. Vorher habe ich in Österreich nur Innenverteidiger gespielt und er hat gesagt, ich kann Sechser spielen. Er hat mir gelernt, aggressiver zu sein und besser in die Zweikämpfe zu gehen.  Auch taktisch hat er mich weitergebracht.“

Zeidler gibt die Blumen zurück: „Ich traue ihm zu, dass er sich auf Dauer durchsetzt. Ich weiß, dass Roger Schmidt ihn schätzt. Wenn ich mir ausmale, dass Andre die CL-Quali bestreitet, dann freue ich mich einfach ungemein für alle.“

Via Red Bull Brasil nach Österreich

Ein „Bulle“ ist der stets gut aufgelegte junge Mann schon seit 2009, schließlich setzte er sich damals gegen 5000 Bewerber für die neue U17-Mannschaft von Red Bull Brasil durch.

„Die Erfahrung war sehr gut, denn wir spielten dort genauso wie hier jetzt. Das System ist ähnlich zu jenem vom FC Barcelona und ich habe damals viel gelernt.“

Zu Jahresbeginn 2011 wurde Ramalho zu den Juniors nach Österreich beordert, für die er eineinhalb Jahre auflief. Nach der Umstrukturierung und der Entstehung des Farmteams Liefering, das juristisch und damit auch sportlich in die Erste Liga aufsteigen durfte, spielte sich der Sechser ins Rampenlicht.

Am liebsten als „Sechser“

Seine Lieblingsposition ist jene im defensiven Mittelfeld: „Es gibt viel Konkurrenz, aber ich weiß was ich kann.“ Aktuell ist Ramalho jedoch ohnehin nicht aus der Innenverteidigung wegzudenken – zumal kein weiterer Spieler für diese Position verfügbar ist.

So wurde der Aufsteiger auch zu einem Gewinner der Vorbereitung. Gemeinsam mit Martin Hinteregger (20) bildet er nun den „Kinder-Riegel“ und bekommt Rückendeckung von Trainer Schmidt. Nach dem Auftakt in Wr. Neustadt meinte dieser: „Ich bin super zufrieden und hätte kein Problem, mit den beiden in den Hexenkessel von Istanbul zu fahren. Die würden das hinkriegen.“

Ob der Verletzungssituation – mit Franz Schiemer, Rodnei und Isaac Vorsah sind die anderen drei Innenverteidiger noch nicht fit bzw. verletzt –  stand im Raum, einen neuen Spieler zu verpflichten.

Rangnick und Schmidt entschlossen sich wegen des später zu erwartenden Überangebots dagegen und sprachen damit Ramalho/Hinteregger das Vertrauen aus. Auch aus taktischen Überlegungen.

„Wir spielen anders. Unsere Innenverteidiger wissen schon ganz genau, wie wichtig sie sind. Wie wichtig es ist, vorzudecken, durchzudecken und permanent Druck auf den Mann mit Ball nach Pässen in die Tiefe ausüben. Das haben sie richtig gut verinnerlicht“, erläutert Schmidt.

Vertrauen des Trainers

Ein neuer Spieler hätte dafür längere Zeit gebraucht, der Transfer wäre aber nur bei sofortiger Einsetzbarkeit sinnvoll gewesen. „Diese Spielweise ist nicht sofort übertragbar“, so der Coach.

Der 46-Jährige steht seit Saisonauftakt hinter seinen beiden Youngsters: „Das nach vorne Verteidigen ist ein hoher Anspruch, der auf den beiden lastet. Sie haben das aber schon in der Vorbereitung sehr gut gemacht.“

Ramalho gilt aufgrund seiner mangelnden Erfahrung auf höchster Ebene als Unsicherheitsfaktor in der Salzburger Verteidigung, der eine oder andere Fehlpass in der ersten Hälfte gegen die Austria (5:1) untermauerte dies. Nach der Pause verbesserte sich sein Spiel und er markierte obendrauf noch seinen ersten Liga-Treffer.  

"Das ist unbeschreiblich, ich kann es überhaupt nicht fassen. Ich habe mich unglaublich gefreut und hoffe, dass es nicht mein letztes war“, jubelte der Kopfball-Torschütze nach Freistoß von Kapitän Jonathan Soriano mit seiner Freundin, die an der Bande stehend ein Küsschen abstaubte.

Nervenkitzel verspürt Ramalho vor seinem nun bislang größten Spiel in seiner Karriere nicht, viel mehr zeigt er sich vorbereitet. "Ich fühle mich absolut bereit. Das muss man immer sein, wenn sich so eine Chance anbietet. Diese wollte ich immer haben."

„Wir müssen unser Spiel spielen“

Am Mittwoch bekommt es der Youngster mit den Fenerbahce-Stars Pierre Webo und Moussa Sow zu tun. Doch nach dem traumhaften Saison-Start mit jeweils zwei 5:1-Siegen gegen Wiener Neustadt und Meister Austria Wien macht sich naturgemäß auch in der Mannschaft Optimismus breit.

"Wir sind bereit. Wir haben eine super Mannschaft und spielen sehr gut. Wir haben eine 50:50-Chance. Sicher ist Fenerbahce sehr gut, aber wir müssen unser Spiel spielen.“

Ramalho traf vor 83 Tagen noch auf den FC Andelsbuch, nun blickt er auf das Duell mit dem Europa-League-Halbfinalisten in der Champions-League-Quali. Er ist der Aufsteiger des Sommers.

„Wenn du einen Traum hast, musst du ihn stets verfolgen. Du darfst nie aufgeben, denn irgendwann kommt deine Chance und dann musst du da sein. Ich bin froh, dass ich es hierher geschafft habe.“

 

Bernhard Kastler

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