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Flasche leer? - Diesen CL-Moment genoss Nesta nicht

Alessandro Nesta sitzt völlig erschöpft auf dem Rasen des Mailänder Fußball-Tempels San Siro. Er ringt nach Luft.

Nachdem er gerade Lionel Messi gestoppt hat und dafür mit Gelb bedacht wurde, wird der Italiener von zwei Mannschaftskameraden wieder auf die müden Beine gehievt.

Nein, es ist nicht die Endphase eines 120-Minuten-Thrillers. Wir befinden uns erst in Minute 57 des CL-Viertelfinal-Hinspiels zwischen Milan und Barcelona. Zur Verteidigung des Verteidigers muss man festhalten, dass er mittlerweile 36 Lenze auf dem Buckel hat.

Das Bild scheint aber wie gemalt, für die nimmermüde Phrasendrescherei über die Altherrentruppe des AC Milan.

Nesta vertrat Silva

Nesta musste gegen Barcelona in die Bresche springen und die Abwehr der Mailänder dirigieren, da Thiago Silva verletzt ausfiel. Für Nesta gehört dem Brasilianer bereits die Gegenwart. „Thiago Silva ist der beste Verteidiger der Welt“, sagt der 36-Jährige, stellt aber auch klar, dass er noch nicht genug hat vom Fußball: „Ich habe vor, noch so lange wie möglich zu spielen und den Tag meines Rücktritts in weite Ferne zu verschieben.“

Costacurta: Ältester Feldspieler in der CL

Der Altmeister zeigte, dass man mit gutem Stellungsspiel vieles wettmachen kann. Und wenn es sein muss, dann streut er im richtigen Moment ein Foul ein, so wie in dieser 57. Minute.

Die Erfahrung aus mittlerweile 100 CL-Spielen macht sich eben bezahlt. Zudem gibt es nach einer langen Karriere kaum etwas, was der Verteidiger noch nicht erlebt hat. Dreimal holte er (mit Lazio und Milan) den Scudetto, ebenfalls dreimal die Coppa Italia und viermal die Supercoppa. Zudem gewann der gebürtige Römer zweimal die Champions League, einen Weltpokal und wurde 2006 mit Italien Weltmeister.

Nesta die Spitze des Eisberges

Nach 75 Minuten waren Nestas Kräfte dann vollends aufgebraucht und er durfte seinen Arbeitstag beenden. Aber nicht nur der 36-Jährige trieb den Altersschnitt der Mailänder an diesem Abend auf über 31 Jahre und das obwohl einige der betagtesten Herren der Mailänder Truppe gar nicht mit von der Partie waren.

Kapazunder wie Gianluca Zambrotta (35), Gennaro Gattuso (34) und Tormann Flavio Roma (37) standen nicht im Kader. Ebensowenig wie Pippo Inzaghi, der nach einem Kreuzbandriss noch  an seinem Comeback arbeitet und für die Champions League nicht genannt wurde. Mark von Bommel (34) musste gesperrt zuschauen, Mario Yepes (36) verfolgte das Spiel von der Bank aus.

Damit war die Ü30-Fraktion geschwächt, ein Jugendtrend sollte aber trotzdem nicht Einzug halten. Das Gros der Startelf bewegte sich in der Altersklasse um die 30. Nesta, Seedorf und Ambrosini bildeten die Ausreißer nach oben, Kevin-Prince Boateng war mit 25 der Jungspund der Mannschaft.

Seltsam mutet an, dass ausgerechnet Boateng einer der drei Spieler war, die nicht bis zum Ende durchspielten. Die Wechselspieler brachten das Altersgefüge dann doch noch durcheinander, Stephan El Shaarawy könnte mit seinen 19 beinahe der Sohn einiger seiner Mitspieler sein.

Talente haben es schwer

Die „Rossoneri“ verfügen durchaus auch über Talente, in jungen Jahren kann sich aber kaum eines von ihnen bei Milan durchsetzen. Oft werden Spieler wie der Deutsche Alexander Merkel (20)  an kleinere Vereine abgegeben, um ihnen Spielpraxis zu verschaffen.

Bevorzugter „Parkplatz“ der Mailänder ist dabei der Genoa CFC. Dort bestritt Merkel im Herbst 14 Serie-A-Spiele, seit er zurück in Mailand ist, konnte er aber wegen einer Knieverletzung erst einmal auflaufen.

Auch El Shaarawy kam vor der Saison aus Genua zurück. Er durfte in der laufenden Meisterschaft 19 Mal ran, zumeist als Einwechselspieler. Ob der Einsatzchancen, die ihm im Sommer in Aussicht gestellt wurden, ist das aber beachtlich. Shaarawy ist damit von der jungen Garde jener Spieler, der am öftesten zum Zug kommt.

Einziger Fix-Punkt der Anfang-Zwanziger in der Start-Elf, sofern nicht verletzt, ist Alexandre Pato. Den 22-ährigen Brasilianer lotste der AC bereits 2007 für 22 Millionen von Internacional nach Europa. Der designierte Schwiegersohn von Klub-Chef Silvio Berlusconi zahlte dieses Vertrauen zurück und erzielte in 144 Spielen für Milan bereits 62 Treffer.

Arbeit bis ins hohe Alter hat in Italien Tradition

Der AC Milan ist bekannt für seine erfahrenen Haudegen. Man erinnere sich etwa an Alessandro Costacurta, der 2006 bei der CL-Partie gegen AEK Athen 40 Jahre und 213 Tage alt war.

Aber nicht nur bei Milan nimmt man es mit der Halbwertszeit von Fußballern weniger genau. Ganz Italien scheint dem Jugendwahn im Fußball entgegenzutreten und forciert stattdessen die Renaissance der Altstars. 

Milans letzter CL-Triumph 2007

Insgesamt schleppen sich in der Serie A 30 Spieler über die Plätze, die 35 Jahre oder älter sind. Gleich neun davon in Mailand – fünf beim AC, vier bei Inter. Einzig Lazio kann, mit einer ebenfalls vier Mann starken Rentner-Gang, den Klubs aus der Lombardei in dieser Wertung Paroli bieten.

Oldies but Goldies

Anscheinend reifen die Spieler bei Milan aber wie der Wein und werden im Alter immer besser. Der Erfolg gibt dem AC in dieser Saison zumindest Recht.

Im Camp Nou würde dem AC Milan am Dienstag schon jedes Unentschieden außer einem 0:0 für den Aufstieg ins CL-Halbfinale reichen. In der heimischen Liga ist man als Tabellenführer auf Kurs, den Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen.

Und sollten die „Rossoneri“ am 19. Mai in München gar die Champions League gewinnen, dann dürften den Mailändern die Altherren-Witze wohl herzlich egal sein. So wie  2007, als Milan zuletzt in der Königsklasse triumphierte. Den Pokal stemmte dabei Kapitän Paolo Maldini in den Himmel – und der war damals 38 Jahre alt.

 

Christoph Kristandl

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