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Chelsea krönt sich unerwartet selbst

Jahrelang galt Chelsea FC als reichster Fußball-Klub in Europa.

Mit den Millionen des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch versuchte der Verein von der Londoner Stamford Bridge, die Konkurrenten aus Manchester, Barcelona, Madrid, München oder Mailand auszustechen. Bis zum 19. Mai 2012 vergeblich.

Ausgerechnet im schwierigsten Jahr der Regentschaft von Abramowitsch, der die "Blues" im Jahr 2003 übernommen hat, gelang mit dem Sieg im Finale der Champions League gegen Bayern München (4:3 im Elfmeterschießen nach 1:1) die vom Clubchef so ersehnte Krönung.

Von ManCity abgelöst

Chelsea ist längst nicht mehr der Krösus der englischen Premier League. Manchester City wurde seit der Übernahme durch Scheich Mansour Bin Zayed Al Nayhan, Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, im August 2008 mit kolportierten 800 Millionen Pfund (996 Mio. Euro) aufgerüstet.

Der Lohn für die "Citizens" war heuer der erste Meistertitel seit 1968, während Chelsea nicht über Rang sechs und damit die schlechteste Platzierung seit zehn Jahren hinauskam.

Im März trennten sich die Londoner vom portugiesischen Trainer Andre Villas-Boas, der erst im vergangenen Sommer für eine Ablöse von 15 Mio. Euro (Rekord für einen Trainer) von Porto geholt worden war.

Di Matteo rettet Saison

Sein Nachfolger wurde der bisherige Assistent Roberto di Matteo, der bis Saisonende interimistisch übernahm. Der Italo-Schweizer führte die alternde Mannschaft um die Routiniers John Terry (31), Frank Lampard (33), Ashley Coley (31) und Didier Drogba (34) innerhalb von zehn Wochen aus dem Tief.

Ob di Matteo nun zum Cheftrainer befördert wird, ist allerdings offen. "Was immer die Zukunft bringt, ich werde es akzeptieren", sagte der 41-Jährige.

Zum Sieg gemauert

Über seinen Stil lässt sich diskutieren, nicht aber über seine letztlich erfolgreiche Taktik. Di Matteo führte Chelsea mit einer extrem defensiven Spielweise zu Erfolgen über Titelverteidiger FC Barcelona (im Halbfinale) und nun auch über die Bayern.

Dabei stand Chelsea in der Champions League nicht nur einmal vor dem Aus. Im Achtelfinale gegen Napoli setzten sich die Engländer im Rückspiel erst nach Verlängerung (4:1) durch.

Knappes Weiterkommen gegen Barca

Barcelona vergab eine Unzahl von Chancen, etwa durch Superstar Lionel Messi, der einen Elfmeter an die Latte und einen weiteren Schuss an die Stange setzte. Auch gegen die Bayern stand Chelsea vor dem Aus, ehe Drogba und Torhüter Petr Cech zu Matchwinnern avancierten.

Den Moment des größten Erfolges genoss Abramowitsch völlig unglamourös. Der russische Milliardär, der rund eine Milliarde Euro in den Club investiert hat, saß auf einer Mauer und freute sich vor sich hin. "Eine neunjährige Odyssee ist zu Ende gegangen", schrieb die englische Zeitung "Daily Mail".

Riesen-Prämie für Sieg

Und es dürfte auch eine große Genugtuung für den Oligarchen sein, dessen Engagement von vielen mit größtem Argwohn betrachtet wird. Für den Triumph in der Königsklasse will der Vereinsbesitzer angeblich 12,5 Millionen Euro springen lassen.

Abramowitsch, der sein erstes Geld mit dem Verkauf von Gummienten sowie der Galvanisierung von Altreifen verdiente und Medienberichten zufolge für eine Million Euro einen Münchner Club exklusiv für die Siegerparty hatte anmieten wollen, kann es sich leisten.

Verlust locker weggesteckt

Auch wenn das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" vor wenigen Tagen schätzte, dass der 45-Jährige gegenüber dem Vorjahr eine Milliarde Euro weniger auf der Seite hat.

Immerhin soll er aber immer noch 12,1 Mrd. Dollar (9,51 Mrd. Euro) reich sein. Locker kann er damit die finanzielle Lücke seines Clubs schließen. Im Geschäftsjahr 2010/11 machten die Londoner 81,1 Mio. Euro Verlust.

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