Vor der Barca-Rückkehr: Guardiolas Methoden

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Normalerweise gönnt sich Pep Guardiola am Vorabend eines Spitzenspiels ein Glas Riesling.

Diesmal dürfte der Bayern-Coach aber auf einen katalanischen Wein zurückgreifen. Schließlich kehrt er beim Champions-League-Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona in seine alte Heimat zurück.

An jenem Ort, an dem er sowohl als Spieler als auch als Trainer alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt: Insgesamt neun spanische Meistertitel, zwei Mal die Champions League, einmal den Europapokal der Landesmeister und einen Cup der Cup-Sieger.

Mit Video-Analyse den Gegner in die Knie zwingen

Guardiola ist ein Besessener. Er hat den Fußball in seiner gesamten Geschichte aufgesaugt. Nichts liebt er mehr, als über verschiedene Taktik- und Trainings-Konzepte zu diskutieren. Seinen Job lebt er mit einer leidenschaftlichen Hingabe zum Detail. Vor jedem Spiel zerpflückt er die Spielweise des Gegners in seine Einzelteile.

Das Glas Wein gönnt sich Pep als Belohnung für die harte Arbeit, die er in die Vorbereitung einer Partie investiert. Im Buch „Herr Guardiola“ beschreibt Marti Perarnau ganz genau, wie aufwändig sich der Coach mit den gegnerischen Mannschaften auseinandersetzt.

„Ich schaue mir nur die Videoaufzeichnungen vom Gegner an und versuche, ihn in die Knie zu zwingen. Das ist das Einzige, was ich mache. Ich überprüfe meine sämtlichen Waffen und setze sie von Mal zu Mal anders ein“, wird Guardiola von seinem Freund Perarnau zitiert.

Ein Bericht für jeden einzelnen Spieler

Die Vorbereitung auf die nächste Partie beginnt mit der Nachbereitung der letzten. Gemeinsam mit seinem Team nimmt Carles Planchart, Guardiolas Co-Trainer und Chef der Videoanalyse, das Spiel der eigenen Mannschaft unter die Lupe.

Für jeden einzelnen eingesetzten Profi wird ein Bericht angefertigt. Darin enthalten sind nicht nur statische Daten, sondern auch Videos von sämtlichen Spielzügen, an denen der jeweilige Spieler beteiligt ist. Auf diese Weise kann Guardiolas Trainer-Team den einzelnen Kickern deren Schwächen ganz genau vorführen und erklären, wie sie sich in bestimmten Situationen anders verhalten müssen.

Die Berichte bekommt Guardiola direkt auf seinen Laptop gespielt. „Davon abgesehen schaut sich Pep immer das komplette Spiel an. Direkt nach dem Spiel laden wir es ihm vollständig auf sein Notebook. Er kann sich alles ansehen oder konkrete Spielzüge vornehmen, die wir bereits ausgewählt haben – alles mit Anmerkungen versehen“, erzählt Co-Trainer Planchart, der Guardiola seit seinem ersten Trainerjahr bei der zweiten Mannschaft Barcelonas unterstützt.

Der Gegner wird zerpflückt

Genauso detailliert wie das eigene Team wird auch der Gegner analysiert. „In Barcelona haben wir vor einem Champions-League-Finale die letzten zwölf Partien des Gegners analysiert, aber vor einem gewöhnlichen Spiel sehen wir uns durchschnittlich fünf oder sechs Partien an“, meint Planchart.

Der Videoanalytiker arbeitet zwei Wochen im Voraus, er bereitet für Pep einen Video-Bericht zu jedem einzelnen Gegner vor. Für ein normales Meisterschaftsspiel besteht eine solche Abhandlung aus 50 bis 60 Spielzügen. Im Falle des CL-Halbfinales gegen Barca dürfte die Analyse deutlich umfangreicher ausfallen.

„Wenn dein nächster Gegner gegen Mannschaften gespielt hat, die ähnliche Charakteristika aufweisen wie deine eigene, fantastisch! Wenn nicht, ist die Analyse der Spiele sehr viel weniger nützlich“, so Planchart.

Gut möglich, dass sich der Assistent deswegen Barcas Aufeinandertreffen mit Rayo Vallecano ganz genau ansieht. Der spanische Erstligist verlor Anfang März zwar 1:6 gegen die Katalanen, Trainer Paco Jemez setzt aber – ähnlich wie die Bayern – auf eine Spielweise mit viel Ballbesitz.

Name Aufgaben
Pep Guardiola Cheftrainer
Manel Estiarte Co-Trainer und Guardiola-Intimus
Domenec Torrent
Co-Trainer (u.a. Spielbeobachtung)
Carles Planchart Co-Trainer (u.a. Video-Analyse)
Lorenz Buenaventura Fitness-Trainer

Pep ist ein Zweifler

Guardiola selbst machte sich bei Barcelonas Achtelfinal-Rückspiel gegen Manchester City vor Ort ein Bild von seinem Ex-Team. Von den Anhängern wurde er damals frenetisch in seiner alten Heimstätte empfangen. Mit Ausnahme der Bayern kennt er wohl keine Mannschaft so gut, wie jene von Barca.

„Wir haben sie studiert und haben versucht, ihre Schwachstellen herauszufinden. Ich hatte eine Idee, ein Konzept, wie ich spielen will. Nachdem ich mir ein paar Spiele angesehen habe, habe ich nur ein paar Nuancen geändert. Die Grundlinie meines Konzepts bleibt die gleiche“, erklärte Guardiola vor der Partie.

Der 44-Jährige ist ein ständiger Zweifler. Das kann ihm als Stärke und Schwäche gleichzeitig ausgelegt werden. Einerseits sorgt seine Selbstkritik dafür, dass er andauernd nach Verbesserungen und Neuerungen sucht. Andererseits führen ihn diese Zweifel an ihm selbst auch manchmal zu falschen Entscheidungen – beispielsweise beim CL-Halbfinale gegen Real vor einem Jahr.

Damals hatten sich er und sein Trainerstab gleich in der Nacht nach dem Hinspiel den Plan für die Partie in München zurechtgelegt – ein Konzept mit drei Innenverteidigern. Bis zum Anpfiff des Rückspiels wich Guardiola jedoch von seiner Idee ab. Dies führte zur bittersten Niederlage in seiner Karriere – Bayerns 0:4 gegen Real.

Drei Ansprachen vor dem Spiel

Eine solche Blamage soll gegen Barca verhindert werden. Guardiola hat sich mit dem Konzept seines Gegenübers Luis Enrique deswegen tage- und nächtelang beschäftigt. Von der Gegneranalyse hängt ab, welches Personal, welches System, welche Taktik und welches Training Guardiola auswählt.

Laut Buch-Autor Perarnau hält der Bayern-Coach vor jeder Partie in der Regel drei Ansprachen zu je 15 Minuten, die jeweils von Video-Analysen unterstützt werden. Zunächst geht Guardiola einen oder zwei Tage vor dem Spiel auf die Offensive des Gegners ein, die eigene Defensiv-Taktik wird erklärt und anschließend im Training geübt.

Dafür nehmen die Ersatzspieler die Rollen der gegnerischen Akteure ein. Guardiola selbst gibt lautstarke Anweisungen an seine Schützlinge, damit diese die Bewegungsabläufe im Pressing verinnerlichen.

Das eigene Offensivspiel sowie die gegnerischen Standardsituationen sind Thema der zweiten Ansprache, die normalerweise vor dem Abschlusstraining stattfindet. Domenec Torrent, ein weiterer Co-Trainer Guardiolas, hat sich die letzten 50 Eck- und Freistöße des Gegners angesehen und bereitet die Mannschaft darauf vor. In der anschließenden Trainingseinheit werden wiederum Bewegungsabläufe einstudiert.

Auf der Betreuerbank mit dem iPad

Die letzte Rede hält Guardiola zwei Stunden vor dem Spiel im Hotel. Darin gibt er die Aufstellung bekannt und geht noch einmal auf seinen taktischen Plan ein. „Hier endet meine Aufgabe. Ich kann den Gegner analysieren und euch taktisch einstellen. Von jetzt an, Jungs, seid ihr selbst verantwortlich. Wenn ihr nicht intensiv genug spielt und nicht wie die Verrückten lauft, werden wir nicht gewinnen“, wird Guardiola von Perarnau zitiert.

In der Kabine selbst spricht der Bayern-Trainer erst in der Halbzeit, wenn er Korrekturen an der Spielweise vornehmen muss. Dafür vertraut er auch auf Inputs von Planchart, der sich die Partie von der Tribüne aus ansieht. Videos einzelner Spielzüge sendet der Analytiker schon während des Spiels zur Betreuerbank, wo die Co-Trainer über ein iPad verfügen.

„Pep hört immer zu und analysiert, er spricht mit Torrent und mir über mögliche Lösungen, um Fehler zu beheben und die Partie umzukrempeln“, berichtet Planchart von den Gesprächen in der Halbzeit. 

Am Ende des Spiels gehen die Analysen von vorne los. Für Planchart vor dem Computer, für Guardiola vor der Presse. 

Wenn sich Pep danach in der Players Lounge des Camp Nou ein Glas Wein gönnt, wird er wissen, ob er mit seinem Konzept richtig lag.

 

Jakob Faber.

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