"Sie lagen nur noch am Boden - wie kleine Mädchen"

Aufmacherbild
 

Das ist die Champions League – nicht irgendein Häusel'-Klub, sondern Shakhtar Donetsk.“

Wie es Mario Sonnleitner so schön auf den Punkt brachte, präsentierten sich die Ukrainer als unangenehmer Gegner, der mit der Erfahrung und Abgebrühtheit eines CL-Dauergasts agierte.

Auf dem Papier bleibt eine 0:1-Heimniederlage im CL-Playoff-Hinspiel vor 46.400 Zuschauern im Ernst-Happel-Stadion - die erste Pleite nach 17 ungeschlagenen Spielen.

Und trotzdem waren die Grün-Weißen nach dem Schlusspfiff alles andere als niedergeschlagen. Enttäuscht schon, jedoch auch stolz auf das Geleistete.

Wir sind nicht glücklich mit dem Ergebnis“

Wir sind nicht ganz glücklich mit dem Ergebnis, haben aber sehr gut Fußball gespielt und uns Chancen erarbeitet. Leider haben wir beim Abschluss Pech gehabt“, analysierte etwa Louis Schaub, Matchwinner bei Ajax Amsterdam.

Trainer Zoran Barisic sah ein enges, spannendes Spiel, in dem seiner Mannschaft das Quäntchen Glück fehlte. Gegen eine abwartende ukrainische Top-Elf nahmen die Hütteldorfer den Kampf an und ergaben sich gegen den Favoriten nicht von vornherein.

Im Gegenteil. Mit Fortlauf der Partie fand Rapid immer wieder Phasen vor, in denen das Heft in die Hand genommen wurde. Sogar die Führung lag in der Luft.

Etwa bei einem abgefälschten Pavelic-Schuss ans Außennetz, bei dem es den Großteil der im Stadion anwesenden Zuschauer bereits von den Sitzen riss, oder einem Sonnleitner-Kopfball kurz danach auf das Tornetz.

Überragende“ Glanzparade verhinderte Führung

Während Shakthar bis dahin nur aus Weitschüssen gefährlich wurde und bei einer Schaub-Attacke Elfmeter reklamierte, legte Rapid nach. In der 43. Minute scheiterte Florian Kainz aber nicht an der eigenen Abschlussschwäche, sondern viel mehr an Donetsk-Keeper Andriy Pyatov.

Ich weiß nicht, wie der Tormann den gehalten hat. Das war überragend“, musste selbst Kapitän Steffen Hofmann zugeben.

Auch Schaub staunte nicht schlecht: „Unglaublich, wie er den gehalten hat. Bitter war es, im Gegenzug das 0:1 zu bekommen.“

Der verfrühte Jubel schwenkte schnell in Ärger um. Denn quasi mit der ersten hochkarätigen Chance gingen die Ukrainer in Führung. Mit freundlicher Mitwirkung des SK Rapid.

Nur durch ein Missverständnis in Rückstand

Ein Abstimmungsproblem bei einem Eckball in der gegnerischen Hälfte verursachte einen Konter, der die 1:0-Führung der Gäste zufolge hatte.

Es war ein Missverständnis. Wir schalten als Mannschaft gleichzeitig um, haben aber schlecht verteidigt“, gab Abwehrchef Mario Sonnleitner zu. Mario Pavelic ließ erstmals in dieser Partie eine Flanke von außen zu, Stephan Auer hatte im Duell mit Marlos (44.) unfreiwillig das Nachsehen.

Mit diesem 0:1 ganz spät in der ersten Hälfte in die Pause zu gehen, war schon sehr bitter“, meinte auch Barisic, dessen Mannschaft sich jedoch nicht aufgab, sondern weiterhin organisierten Fußball bot.

Schaub und Pavelic hatten weitere Hochkaräter auf dem Fuß, es sollte aber diesmal nicht sein. „Die Chancen waren da, wir haben sie nicht gemacht, können jetzt aber mit einem guten Gefühl ins Rückspiel gehen“, meinte Ersterer.

...und hinten haben sie ein paar Verbrecher in ihren Reihen“

Gäste-Trainer Mircea Lucescu lobte nach dem Schlusspfiff: „Man hat gesehen, dass Rapid nicht umsonst die heimische Meisterschaft anführt und viele Fans ins Stadion bringt. Das ist eine gute Mannschaft.“

Der Langzeittrainer sah kein Feuerwerk seiner Donetsker, jedoch ein Spiel ohne Kompromisse, mit vielen Härteeinlagen. Darauf war Rapid jedoch eingestellt.

Wir haben gewusst, dass die Flügelspieler schnell sind, sie vorne einen Wandspieler und hinten ein paar Verbrecher in ihren Reihen haben“, fand Sonnleitner einen drastischen Vergleich.

Tatsächlich schenkte man sich nichts, bearbeitete sich vor allem bei Standards gegenseitig und versuchte den Spielfluss des Gegners zu unterbrechen. „Da geht es um die Champions League, da war klar, dass es kein Spaziergang wird. Es war aber nicht außergewöhnlich hart“, merkte Hofmann an.

Europäischer Spitzenmannschaft Paroli geboten

Gleichzeitig war es aber ein Zeichen, dass Shakhtar von der Herangehensweise der Hütteldorfer sichtlich überrascht war.

„Shakhtar hat nicht so viel besser gemacht als wir“, konstatierte Stürmer Robert Beric, der oftmals in der Luft hing und vergebens auf brauchbare Bälle wartete.

Trainer Barisic fügte an: „Man muss schon bedenken, dass wir einer europäischen Spitzenmannschaft Paroli geboten haben. Wir haben gesehen, dass wir auf so einem hohen Niveau mit einer Klassemannschaft mithalten können.“

Das war der positive Aspekt dieses Abends. Die ganzen Vergleiche mit der jungen Ajax-Truppe hinkten, da die Ukrainer sich nicht von Rapids Fußball irritieren ließen, sondern auch dank eines Altersschnitts von 28 Jahren ihren Stiefel bis zum Ende trocken herunterspielten.

Wir waren einfach sehr gut und ebenbürtig“

„Das ist eine abgezockte Truppe, die nicht nur individuell gute Spieler hat, sondern einfach auch alle Mätzchen beherrscht“, merkte Barisic an.

Am Ende waren die Gäste nur mehr bedacht, den Ball in den eigenen Reihen zu halten und jede Gelegenheit zu nützen, die Uhr ein bisschen herunterlaufen zu lassen.

„Sie sind natürlich cleverer als Ajax, sehr ausgebufft. Das hat man nach dem 0:1 gesehen, da sind sie nur noch am Boden gelegen – wie kleine Mädchen“, zog Sonnleitner wieder einen Vergleich.

So gut mitzuhalten, kam für den Abwehrchef nicht überraschend. Deshalb gibt er auch die Hoffnung auf die Sensation im Rückspiel in Lviv nicht auf.

„Wir waren einfach sehr gut, wir waren ebenbürtig. Wir Österreicher glauben immer, wir sind schlechter als alle anderen. Aber wir sind auch eine gute Mannschaft, das haben sie gemerkt und nur mehr Zeit geschunden, sie wollten es nur mehr drüberbringen. Wir aber wollten noch Chancen kreieren. Wir können stolz sein, haben noch ein Spiel und wollen es dann drehen.“

Nach dem 0:1 ist zumindest noch nicht aller Tage Abend. Eine weitere Sensation muss aber her.


Alexander Karper

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen