Messias wider Willen

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Gludovatz als Messias wider Willen

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So oft wie Paul Gludovatz den lateinischen Spruch Veni, vidi, vici ungefragt aufgreift und zurückweist, könnte man den Eindruck bekommen, dass er doch damit kokettiert.

Gludovatz kam, sah und siegte mit 1:0 gegen Sturm Graz und bastelte damit weiterhin an seinem Legendenstatus bei der SV Ried.

Mit dem Burgenländer ist zumindest das Glück ins Innviertel zurückgekehrt, schließlich hätte der Siegtreffer von Daniel Sikorski aufgrund einer Abseitsstellung nicht zählen dürfen.

Auf Jubel und Aufbruchstimmung in Ried hatte dieser Umstand nur bedingt Einfluss. Binnen einer Woche ist die Innviertler Fußball-Welt wieder in Ordnung. Krise war gestern, heute ist „Sir Paul“ und der von ihm garantierte Erfolg.

Nur Gefühle, keine Tatsachen

Möglicherweise eine Zuspitzung, aber so schnell kann es im Fußball, der auch ein Spiel der Erwartungshaltung ist, gehen. Und selbige hatte für Gludovatz in den vergangenen Tagen seit seinem Amtsantritt am Dienstag bereits unrealistische Dimensionen angenommen.

„Der Sieg tut gut, aber man darf die Situation mit der beängstigenden Erwartungshaltung nicht vergessen. Das lastet speziell auf meinen Schultern, da man so viel positive Zustimmung einfach nicht erwartet. Das ist so messiashaft“, erklärt der 69-Jährige.

Nein, Messias wolle er keiner sein. Und doch wurde er in den vergangenen Tagen als Retter gefeiert, ohne auch nur ein Spiel gecoacht zu haben. Die Vorschusslorbeeren, die auf vergangenen Erfolgen gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Gerhard Schweitzer beruhen, waren immens.

„Auf der Straße winken dir viele Leute zu, Sponsoren, Fans, natürlich auch die Mitarbeiter, die Spieler haben da auch mitgemacht und ich konnte es nicht so richtig fassen, weil einfach nur Gefühle da waren und keine Tatsachen. Mir liegt positiver Realismus am Herzen und nicht, dass man nach außen hin den einen oder anderen Sager – ich erinnere an das lateinische Sprichwort – dazuführt.“

„Ein Ansatz – nicht mehr“

Eine Niederlage gegen Sturm wäre vermutlich ein Dämpfer der Euphorie gewesen, entsprechend groß war der Druck, den Gludovatz verspürte. Die drei Punkte gegen die Grazer könnten nun ein Beschleuniger des Turnarounds werden.

Wobei sich der von zahlreichen Schulterklopfern umgebene Coach alle Mühe gibt, auf die Bremse zu treten: „Es war ein Start, ein Ansatz – nicht mehr.“

Viel Zeit hatte Gludovatz vor seiner Premiere nicht, weshalb er zwei logische Hebel in Bewegung setzte. Einerseits versuchte er seinen Spielern Selbstvertrauen einzuimpfen, anderseits widmete er sich der in der bisherigen Saison teilweise inferioren Defensive.

DIE MENTALE KOMPONENTE: „Wir hatten eine ganz andere Körpersprache auf dem Platz. Das hat man von Anfang an gesehen“, betonte Torhüter Thomas Gebauer. Gludovatz versuchte, in die Köpfe der verunsicherten Spieler vorzudringen. „Ich habe während der Woche gesagt: Die Nase und den Mundwinkel hochziehen!“ Dies scheint auf jeden Fall gelungen. Das Auftreten war von Spielbeginn an nicht das eines sieglosen Krisenklubs. Gerade in der ersten Halbzeit stellte man Sturm weitestgehend in den Schatten, erst nach der Pause änderte sich dieses Bild. „Da war Wille am Platz, eine Mannschaft, die gerackert und gekämpft hat. Wir haben in den letzten Wochen immer gesprochen, dass wir die Innviertler Tugenden wieder brauchen. Heute waren sie zu sehen“, freute sich Gebauer. Für Oliver Kragl hat der neue Trainer auf psychologischer Ebene ganze Arbeit geleistet: „Er ist erst mal in die Köpfe von allen hinein. Das spielt im Fußball eine sehr große Rolle. Wir haben bislang noch nichts gewonnen. Dann wird es schwer, sich mental darauf vorzubereiten, dass man ein Spiel auch gewinnen kann. Das hat er in dieser Woche richtig gut gemacht. Er hat alle stark geredet.“ Dabei habe der Burgenländer sowohl auf Gruppen- als auch auf Einzelgespräche gesetzt. „Er hat gute und ernste Worte gefunden, alles auf den Punkt gebracht“, lobte Kragl.

DIE DEFENSIVE KOMPONENTE: „Vielleicht hatten wir eine verbesserte Kompaktheit“, meinte Gludovatz. Man kann dies getrost als Untertreibung bezeichnen. Von der Schießbude der bisherigen Saison – abgesehen von der Nullnummer gegen den Wolfsberger AC hatten die Rieder in den übrigen vier Saison-Spielen immer zumindest drei Gegentore kassiert – war gegen Sturm nur wenig zu sehen. Die Rückkehr zum bewährten 3-3-3-1-System machte sich auf Anhieb bezahlt. „Wir haben eigentlich fast nur die Defensive bearbeitet, die Offensive nur ganz kurz angeschnitten, weil wir wussten, wir müssen hinten wieder einmal kompakt stehen. Nach vorne sind wir immer gefährlich. Dass wir diese Qualität haben, wissen wir. Aber wenn wir hinten immer drei bis vier Tore kriegen, ist es schwer ein Spiel zu gewinnen“, verdeutlichte Gebauer, der sich als Torhüter naturgemäß sehr über den Fokus auf die Rückwärtsbewegung freuen darf. Freilich fand Sturm durchaus Möglichkeiten vor, erwies sich jedoch als zu ineffizient. Dennoch war eine deutliche Steigerung zu erkennen. „Wer Paul Gludovatz und Gerhard Schweitzer kennt, weiß, dass sie sehr viel Wert auf kompaktes Defensivverhalten legen. Das haben sie uns unter der Woche sehr gut eingetrichtert, das haben wir bis zum Umfallen trainiert. Das ist auch das Leichte im Fußball. Das Schwere kommt jetzt noch, im Spiel nach vorne müssen wir noch konkreter werden, mehr Chancen herausarbeiten“, meinte Thomas Reifeltshammer, der sich als ein Gewinner des Trainerwechsels fühlen darf. Während Gludovatz personell auf einschneidende Änderungen weitestgehend verzichtete, beorderte er den 27-Jährigen wieder in die Startelf.

Das Talent als Kommunikator

Der größte Trumpf von Gludovatz ist jedoch womöglich sein Talent als Kommunikator. Sein überhasteter Abschied im Jahre 2012, um die Rolle als Geschäftsführer  Sport bei Sturm Graz anzunehmen, ist längst verziehen.

Der Glaube in seine Fähigkeiten ist bei den Rieder Fans ungebrochen. Er holt das Umfeld gekonnt ab, wie sich bei der Premiere, die ausgerechnet gegen seinen Kurzzeitarbeitgeber über die Bühne ging, bestaunen ließ.

„Er kann einfach ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen“, erklärte Gebauer, „er schafft es, das Umfeld mitzunehmen und die Fans zu pushen, damit sie uns auch wieder unterstützen. Da muss man einen großen Hut vor ihm ziehen. Er hat die Fähigkeit, so zu koordinieren und alle in seinen Bann zu ziehen, dass alles zusammenhält.“

„Er hat seine ganz eigene Art“

Auch nach innen verfehlt das Charisma des Trainer-Routiniers nicht seine Wirkung. „Er hat seine ganz eigene Art. Er ist recht konkret in seinen Ansprachen, aber trotzdem mit einem gewissen Schmäh. Jeder Spieler spürt sein Vertrauen, weiß jedoch gleichzeitig, dass er 100 Prozent geben muss. Denn sobald er nur 95 oder 98 Prozent gibt, kann Paul ganz schön ungemütlich werden. Das wünscht sich kein Spieler, daher gibt jeder Gas.“

Mit Gludovatz kehrte auch seine direkte Art zurück. „Genauso wie der Paul noch dazulernen wird, wird auch jeder Spieler noch lernen“, verkündete der 69-Jährige und sprach auch in der Stunde des Sieges diverse Fehler schonungslos an.

Ried Sturm
Ballbesitz 39,4% 60,6%
Zweikämpfe 42,4% 57,6%
Eckbälle 6 8
Torschüsse 8 15
Torschüsse außerhalb Strafraum 1 6
Torschüsse innerhalb Strafraum 7 9
Kopfballchancen 3 0
Abseits 3 0
Fouls 31 16

So müssen sich beispielsweise Patrick Möschl oder Dieter Elsneg auf Extraschichten im Kopfballtraining einstellen, auch ein Stellungsfehler von Marcel Ziegl ärgerte den Feldherren: „Das sind keine Kleinigkeiten, bitte! Ich freue mich für alle, auch für die Mannschaft. Aber das müssen sie wissen und das erfahren sie auch spätestens am Sonntag in der Früh.“

Paul Gludovatz und die SV Ried – die Honeymoon-Phase ist also in vollem Gange und angesichts der zweiten Ehe vielleicht noch eine Spur intensiver, das gegenseitige Vertrauen muss nicht erst aufgebaut werden. Vom bisherigen Partner, Helgi Kolvidsson, ist schon nach wenigen Tagen keine Rede mehr.

Foda bricht Lanze für Kolvidsson

Der einzige, der an den Isländer erinnerte, war kein Ried-Akteur, sondern Sturm-Coach Franco Foda. Der Deutsche mahnte einen respektvolleren Umgang im Kollegenkreis ein:

„Man muss einfach einmal in große Ligen schauen, wie sich Trainer nach einer Beurlaubung verhalten. Beispiel Thomas Tuchel: Borussia Dortmund gewinnt 4:0, die haben sensationell gespielt und alle fragen: ‚Was macht der Tuchel neu?‘ Wir müssen uns überlegen, was Tuchel gesagt hat: Er hat gesagt, dass das nur möglich war, weil sein Vorgänger Jürgen Klopp die Basis gelegt und gut gearbeitet hat. Ich habe Rieder Spiele unter Helgi Kolvidsson gesehen, auch gegen Salzburg. Nach dem 0:1 hatten sie zwei, drei Riesen-Möglichkeiten auf den Ausgleich. Ihm hat letztendlich das Spielglück gefehlt. Aber man darf nicht den Fehler machen und sagen, dass der Vorgänger alles schlecht gemacht hat, sonst hätte Ried heute nicht über große Teile des Spiels so marschieren können. Der neue Trainer hat die richtige Mischung gefunden und das System verändert – das ist alles okay. Das hat er gut gemacht, und die Mannschaft hat sich in vielen Situationen besser präsentiert. Aber ich halte nichts davon zu sagen, dass aufgrund der Neuen alles besser ist.“

Zumindest für Foda ist Gludovatz also nicht der Messias – und dies muss nichts mit ihrer sehr kurzen gemeinsamen Vergangenheit zu tun haben.

Aber ein solcher will der Burgenländer ohnehin nicht sein. Auch wenn er zurzeit einer ist. Wider Willen.

Peter Altmann

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