"Zu deppert, um das Ergebnis über die Zeit zu bringen"

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Ein rassiges, schnelles, turbulentes und chancenreiches Wiener Derby.

Darüber waren sich nach dem 2:2 in der 310. Auflage dieses Duells alle einig. Aufgrund der kriselnden Großklubs durfte dies aber nicht unbedingt erwartet werden.

„Jeder hat heute mit einem schlechten Derby gerechnet, im Vorfeld ist nur von einem 0:0 oder 1:0 einer Mannschaft geredet worden. Aber es war ein packendes Derby, die Zuschauer haben sicher ihren Spaß gehabt. Es sind vier Tore gefallen, es waren Chancen auf beiden Seiten. Und beide Mannschaften haben nach vorne gespielt, so soll Fußball sein“, wertete Stefan Schwab gegenüber LAOLA1 die Partie.

Ein richtungsweisendes Spiel, dass für Rapid bereits nach 16 Sekunden Böses erahnen ließ. Schlussendlich gingen die Grün-Weißen aber als moralische Sieger vom Feld.

Um schnellstes Derby-Tor kann sich Austria nichts kaufen

Unachtsamkeiten, individuelle Fehler und Unkonzentriertheiten sorgten für die Treffer. Alles begann mit dem schnellsten Tor der Derby- und drittschnellsten der Bundesliga-Geschichte.

„Das schnellste Derby-Tor der Geschichte erzielt zu haben, ist schön für die Statistik, aber das geht heute unter. Ich hätte lieber später getroffen und gewonnen“, war Torschütze Alexander Gorgon geknickt.

Aus Rapid-Sicht war der überfallsartige Gegentreffer der pure Albtraum. Alle Vorhaben wurden mit einem Schlag über Bord geworfen.

„Wir dürfen die Partie nicht verschlafen. Wir gehen quasi mit 0:1 in die Partie“, erinnerte sich Schwab an den Horrorstart.

Und auch Trainer Zoran Barisic ließ die Aktion Revue passieren: „Wir haben selber Anstoß, verlieren den Ball, machen das Foul nicht, Jan (Anm.: Novota) hält den ersten Ball noch. Wir waren in den ersten zehn Minuten richtig konfus. Aber es spricht für die Mannschaft, dass sie das repariert hat.“

„Weiß nicht, ob das bei Bayern-Dortmund gepfiffen wird“

Das Momentum wechselte in einer hart umkämpften Partie aber mehrmals die Seiten.

Rapid kam auf und schockte die Austria mit dem Ausgleich – dank dem durchbrechenden Louis Schaub gegen eine violette Hintermannschaft, die nicht im Bilde war und das 1:1 durch Robert Beric nicht verhindern konnte.

Bei der erneuten Führung per Damari-Elfer ahndete Schiedsrichter Schörgenhofer ein Handspiel von Thanos Petsos, das selbst laut Austria-Coach Gerald Baumgartner fragwürdig war.

Der Übeltäter selbst sah es ähnlich. „Ich habe schon gemerkt, dass ich den Ball mit dem Schultergelenk spiele, weil der Ball relativ weit wegprallt. Ich glaube nicht, dass der Ball so weit weg geht, wenn ich ihn mit der Hand spiele. In so einem wichtigen Spiel, wo es 1:1 steht, Elfmeter geben? Ich weiß nicht, ob bei Bayern gegen Dortmund da gepfiffen worden wäre.“

Leitgeb: „Es war die falsche Idee“

Doch nicht nur auf Rapid-Seite gab es einen Aussetzer. Jener der Austria in Person von Mario Leitgeb zerstörte schlussendlich einen sicher geglaubten Sieg.

Bei nur mehr fünf Minuten auf der Uhr servierte der Ex-Grödiger dem Gegner den Ball am Silbertablett, Schwab schlug nach Flanke von Thomas Schrammel zum 2:2 zu.

„Es ist unglaublich bitter. Ich hatte die Idee, den Spieler anzuschießen, damit der Ball rausgeht und etwas Zeit vergeht. Es war die falsche Idee“, musste der Unglücksrabe eingestehen.

Der Treffer war schlussendlich dafür entscheidend, dass die Austria in dieser Saison nun als einziges Bundesliga-Team noch auf einen Sieg wartet und saisonübergreifend seit neun Spielen keinen Dreier mehr einfahren konnte.

„Wir haben jetzt schon viele Unentschieden auf dem Konto, aber so geärgert wie heute habe ich mich heuer noch nicht“, musste Kapitän Manuel Ortlechner zugeben.

„Leider haben wir das Spiel durch Scheiß-Tor hergeschenkt“

Dabei wurden im Vorfeld des Ausgleichs sogar Chancen auf das 3:1 vergeben. „Ich kann es mir nicht erklären, warum wir den Sack nicht zumachen“, war Baumgartner ratlos.

Vorwürfe für Leitgebs falsche Entscheidung im falschen Moment gab es dennoch nicht, auch wenn Markus Suttner meinte: „Leider haben wir das Spiel durch ein Scheiß-Tor hergeschenkt. Es sind ganz klar zwei verlorene Punkte. Wir waren zu deppert, das Ergebnis in den letzten Minuten über die Zeit zu bringen.“

Gorgon wertete es als Versagen im Kollektiv: „Wir wissen alle, dass wir uns selber bestraft haben. Es geht nicht um einen Einzelnen. Es ist seltsam, dass wir auch noch so einen Bock schießen, wenn es nicht läuft.“

Während es für die Austria verlorene Punkte waren, stufte Rapid die Moral als positiv ein – vor allem in Hinblick auf das Playoff-Rückspiel der Europa League gegen HJK Helsinki.

Rapid wendete Super-Gau noch einmal ab

„Verlieren hätten wir hier heute nicht dürfen“, wusste Schwab, dass der Punktgewinn in der aktuellen Situation ganz wichtig für den Kopf war.

Petsos stimmte ihm zu. „Eine Niederlage wäre definitiv der Super-Gau gewesen. Wir haben alles in die Waagschale geworfen.“

Erstmals in dieser Saison resultierten daraus zwei Treffer. Zuletzt wurde den Grün-Weißen nämlich neben einer Ergebnis- auch eine Torkrise angekreidet.

„Jetzt haben wir zwei Tore gemacht, das ist schon mal sehr gut. Zuletzt hatten wir große Probleme. Aber wir sind auch mit dem katastrophalen Start sehr gut umgegangen, gleich wieder zurückgekommen und haben uns den Punkt hart erarbeitet“, versuchte Kapitän Steffen Hofmann das Positive herauszufiltern.

Die Probleme bleiben dieselben

Trotzdem steht bei den Hütteldorfern noch viel Arbeit bevor, um auch noch die anderen Baustellen zu kitten und am Donnerstag den so wichtigen Schritt nach Europa zu machen.

„Wir müssen entschlossener werden und uns einfach was trauen. Wir dürfen uns nicht anscheißen. Dann verlieren wir halt mal einen Ball am 20er. Das heißt noch lange nicht, dass was passiert. Da muss sich jeder einzelne mehr zutrauen“, gibt Schwab die Marschrichtung vor.

Das Derby-Remis wird als grün-weißer Schritt in die richtige Richtung gewertet, um mit dem gewonnenen Selbstvertrauen die Kür gegen die Finnen zu schaffen. Mehr aber nicht.

Bei der Austria stürzt man sich dafür in Durchhalteparolen. Die Angst vor dem ersten Sieg soll abgelegt werden, auch wenn es sich laut Baumgartner „um kein Wunschkonzert handelt“.

So bleiben die Probleme auf beiden Seiten dieselben – trotz eines rassigen, schnellen, turbulenten und chancenreichen Derbys.


Alexander Karper/ Martin Wechtl/ Harald Prantl

Austria Rapid
Ballbesitz 52,5 % 47,5 %
Zweikämpfe 52,5 % 47,5 %
Eckbälle 7 7
Torschüsse 18 15
Torschüsse außerhalb Strafraum 8 6
Torschüsse innerhalb Strafraum 10 9
Kopfballchancen 2 3
Abseits 2 2
Fouls 23 15
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