"Team hat irgendwo den Glauben an ihr Spiel verloren“

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Das Bild passte zum regnerischen Wetter.

Wie ein begossener Pudel marschierte Markus Schopp alleine die Seitenlinie der Südstadt in Richtung Kabine entlang.

Der Blick nachdenklich, leer und ratlos.

Das 0:3 bei der Admira hatte offensichtlich seine Spuren hinterlassen.

Auch im dritten Spiel seiner Amtszeit als Sturm-Trainer gab es für den 39-Jährigen nichts zu holen.

Seine Bilanz: Drei Niederlagen bei einem Torverhältnis von 1:9.

Insgesamt sind die Grazer bereits seit sieben Runden sieglos. Erschreckend sind nicht nur die nackten Zahlen, sondern auch die Körpersprache der Spieler.

Ängstlich, völlig verunsichert und ideenlos präsentierte man sich gegen den Abstiegskandidaten.

Im LAOAL1-Interview versucht Markus Schopp die Gründe für die Misere zu finden.

LAOLA1: Herr Schopp, wie erklären Sie sich diese hohe Niederlage bei der Admira?

Markus Schopp: Wenn man das Spiel Revue passieren lässt, hätte die Niederlage auch noch höher ausfallen können. Wir wussten, dass die Admira im Umschalten sehr gut ist und dass wir bei ihren Vorstößen aufpassen mussten. Zu Beginn haben wir recht viel von dem umgesetzt, was wir wollten. Dass wir nach vorne zu wenig Waffen, zu wenig Mittel besitzen, wissen wir. Das ist uns bewusst. Die Admira ist durch einen Tausend-Guldenschuss in Führung gegangen. Und nach diesem Gegentreffer ist jetzt zum dritten Mal in Serie etwas Unglaubliches innerhalb der Mannschaft vorgefallen. Es entsteht eine Unsicherheit, eine Angst, ein Verstecken vor dem Ball. Da muss man sehr genau hinschauen. Die Situation ist nicht angenehm, aber darin erkennt man gewisse Charaktere. Sie treten in solchen Situationen entweder nach vorne, oder verstecken sich. Diese Dinge gehören in den nächsten Tagen genau analysiert und dementsprechend muss man Konsequenzen ziehen.

LAOLA1: Der internationale Startplatz gerät in Gefahr. Nächste Woche kommt es zum direkten Duell mit Ried. Was muss man besser machen?

Schopp: Wenn wir so spielen wie heute beziehungsweise wie in den letzten Wochen, ist dieses Ziel sowieso utopisch. Die Mannschaft scheint mit dem Druck überhaupt nicht zurecht zu kommen. Man hat das Gefühl, dass hinten eine Kleinigkeit genügt, um ein Tor zu bekommen. Wir haben keine Sicherheit. Wenn wir vorne dafür eine Chance nach der anderen erarbeiten würden, könnte ich damit leben. Wir produzieren aber nicht einmal vorne etwas und hinten muss ich bei jedem Angriff Angst haben, dass etwas passiert. Wir müssen vielleicht nicht nur einen, sondern zwei, drei Schritte zurück machen, und zuerst schauen, dass die Null steht. Vielleicht gewinnt dadurch der eine oder andere nach vorne wieder etwas an Sicherheit. Was aber gegen die Admira in der zweiten Hälfte nach Ballverlusten geschehen ist, ist für mich unglaublich.

LAOLA1: Sie wollen also zu den Basics zurückkehren. Doch dafür ist Kampfkraft gefordert. Eine Einstellung, die man eigentlich nicht fordern muss, sondern die Voraussetzung sein sollte. Gegen Admira hatte es aber nicht einmal den Anschein, als ob Ihre Spieler die Zweikämpfe suchen. Sie wirkten viel zu passiv…

Schopp: Das sehe ich nicht so. Ich sehe eine Mannschaft, die bemüht ist, in die Zweikämpfe zu kommen, aber nicht hinkommt, weil sie immer einen Schritt hinterherhinkt. Es ist eine Kettenreaktion. Wenn der eine spät dran ist, ist der andere noch später dran. Daher können wir nur mehr reagieren, anstatt zu agieren. Mein Anspruch ist es, aktiv zu sein. Man muss sich nach den letzten drei Spielen fragen, ob wir agieren können. Daher müssen wir in Zukunft mit einer defensiveren Idee auftreten.

LAOLA1: Sie sind lange im Geschäft, kennen die Mechanismen im Fußball. Fehlt euch auch einfach ein Erfolgserlebnis?

Schopp: Auf dem Niveau, wo wir spielen, ist es eine extreme Kopfsache. Du kannst im Kopf sehr viel bewegen. Die Mannschaft hat irgendwo den Glauben an ihr Spiel verloren. Das ist ganz klar ersichtlich, weil sie eine extreme Unsicherheit in allen Phasen an den Tag legt. Deswegen muss man – wie schon erwähnt - schauen, dass man zunächst kein Tor bekommt. Das wäre ein wichtiger Schritt aus einer schwierigen Situation. Und dann müssen wir uns überlegen, wie wir uns nach vorne entwickeln. Und da habe ich gegen die Admira wieder feststellen müssen, dass die Truppe in der Rückwärtsbewegung sehr anfällig ist. Da müssen wir die Hebel ansetzen.

LAOLA1: Die Fans haben zum Stimmungsboykott aufgerufen, wollen den organisierten Support bis Saisonschluss einstellen. Das ist in eurer Situation auch nicht unbedingt förderlich.

Schopp: Dass das Anspruchsdenken ein anderes ist, wissen wir alle. Das sieht man auch an der Körpersprache der Spieler. Jeder ist unzufrieden. Jeder ist bemüht, sein Bestes zu tun, damit wir da wieder herauskommen. Wenn das aber so leicht wäre, gebe es einige Dinge im Fußball nicht. Man kommt gemeinsam in so eine Situation und man muss auch wieder gemeinsam raus kommen. Jetzt ist das Trainerteam gefordert, um genau zu eruieren, wer in dieser schwierigen Situation mitzieht – es geht nicht, wenn man am Samstag im Spiel den Schwanz einzieht.

LAOLA1:Sie haben es schon gesagt, Sturm präsentiert sich derzeit wie ein Lüftchen. Was muss passieren, damit die Gegner wieder Angst vor euch haben?

Schopp: Wenn man die letzten drei Spiele hernimmt, muss man sagen: Wer soll vor uns Angst haben? Wir sind bemüht, um den Ball in die Angriffszone zu bekommen, aber wie wir mit der Kugel dann umgehen, ist wieder eine andere Geschichte. Da ist kaum Gefahr vorhanden. Das größte Problem ist aber, dass wir durch sehr wenig, sehr viel zulassen. Ich denke an den dritten Admira-Treffer durch Schwab. Es waren fünf Leute um den Ballführenden, der eigentlich nicht gewusst hat, wo er hin soll und dann einmal rechts dribbelt, dann links dribbelt und schlussendlich ins Tor schießt. Da genügen normalerweise zwei Leute, um diesen Angriff zu klären. Wenn du aber im Eck stehst, passiert sowas eben. Du kannst ihnen hundert Mal die Szene im Videostudium zeigen, jeder wird wissen, was er falsch macht.

LAOLA1: Hätten Sie sich den Trainerjob bei Sturm nach Ihrem Amtsantritt einfacher vorgestellt?

Schopp: Ich kann mich auch zu meiner aktiven Karriere an keine Phase erinnern, wo ich sagen konnte: Da läuft sowieso alles von alleine. Ich habe mir immer sehr, sehr viel erarbeiten müssen. Das ist hier das Gleiche. Es ist nicht leicht, aber aus solchen schwierigen Situationen kann man am meisten lernen und sich entwickeln. Man darf jetzt den Kopf nicht verlieren, sondern muss die Lage nüchtern analysieren. Denn eines ist klar: Die Geschichte läuft weiter. Wir haben heuer noch drei Spiele und dann gibt es eine neue Saison.

LAOLA1: Christian Gratzei hat sein Comeback gegeben. Warum kam es zum Tormanntausch?

Schopp: Das war wohl überlegt. Dieses Thema beschäftigte uns schon länger. Ein Spieler, der über Monate keine Wettkampf-Erfahrung mitbringt, ist ein gewisses Risiko. Christian hat die letzten zwei Wochen bei den Amateuren in der Regionalliga gespielt, hat beide Spiele sehr gut absolviert und auch unter der Woche sehr gut trainiert. Es war daher ein Bauchgefühl. Ich wollte einfach ein Signal setzen, dass wir wieder etwas probieren. Christian hat uns vor einer höheren Niederlage bewahrt.

 

Das Gespräch führte Martin Wechtl

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