"Wir können nicht in drei Wochen perfekt werden"

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Roger Schmidt ist am Montag überraschend als neuer Trainer von Österreichs Meister und -Cupsieger Red Bull Salzburg präsentiert worden. Im Trainingslager in Leogang erklärte der 45-jährige Deutsche seine Philosophie.

Schmidt erzählte, warum er an die erstmalige Qualifikation für die Champions-League-Gruppenphase glaubt und auch daran, dass er länger als nur eine Saison in Salzburg arbeiten wird. Der ehemalige Paderborn-Trainer outet sich als Bewunderer des FC Barcelona und Jürgen Klopp.

Frage: Inwieweit war Ihnen Red Bull Salzburg bisher ein Begriff?

Schmidt: "Natürlich kannte ich alle drei Vereine. Der Einstieg in Salzburg, New York und Leipzig war mir ein Begriff und auch aus der Ferne sehr spannend zu beobachten, wie das auf Fußball-Ebene funktioniert. Vor allem das Projekt Salzburg habe ich immer verfolgt."

Frage: In Paderborn hat man Ihnen fast schon ein Denkmal gesetzt. Jetzt begeben Sie sich in ein Pulverfass. Sind Sie ein Masochist?

Schmidt: "Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin da ein absoluter Bauchmensch. Es hätte schon einiges passieren müssen, dass ich vom SC Paderborn weggehe. Ich war mit Leib und Seele bei diesem Verein und Paderborn ist seit 20 Jahren meine Heimatstadt. Deshalb habe ich das eine oder andere Angebot nicht angenommen, ja nicht einmal angehört. Aber diese Konstellation bei Red Bull Salzburg, etwas Neues aufzubauen, hat mir imponiert. Es wartet hier etwas auf mich, was mich extrem herausfordert. Wo ich glaube, dass ich mich noch weiterentwickeln und in diesem Umfeld optimal verbessern kann. Deshalb habe ich mich in kürzester Zeit nach Rücksprache mit meiner Familie, die sich sehr unsicher war, entschlossen, das zu machen."

Frage: Die Überlebensdauer eines RB Salzburg-Trainers betrug bisher nicht viel länger als ein Jahr. Gibt Ihnen das nicht zu denken?

Schmidt: "Ja, aber das ist im Fußball nichts Außergewöhnliches. In unserem Konzept ist ja auch verbunden, eine gewisse Stetigkeit auf der Trainerposition herzustellen. Ich glaube fest daran, dass ich es länger schaffen kann. Natürlich muss der Erfolg gegeben sein, denn ohne diesen läuft im Fußball gar nichts. Und das wird uns auch gelingen. Von da her registriere ich zwar so etwas. Aber es macht mir keine Angst."

Frage: Umgekehrt haben sich alle bisherigen RB Salzburg-Trainer nachher verbessert. Sehen Sie diese Plattform auch als Karrieresprung?

Schmidt: "Nein, überhaupt nicht. Das ist nicht mein Weg. Ich habe die Entscheidungen immer nach dem Gesichtspunkt getroffen, ob ich das auch unbedingt machen will. Deshalb habe ich mich extrem mit Paderborn oder auch mit Münster identifiziert. So wird das auch hier der Fall sein. Man muss mit seinen Gedanken schon zu 100 Prozent im Verein sein, in der Mannschaft, um alles zu registrieren und dann entsprechend Einfluss zu nehmen."

Frage: Ihrer Karriere sicherlich nicht abträglich wäre, wenn Sie die Champions-League-Qualifikation schaffen würden. Wie soll aus der bisherigen "mission impossible" die "Vollendete" werden?

Schmidt: "Indem wir unseren Weg konsequent gehen. Dazu müssen wir uns alle weiterentwickeln und perfekt im Detail arbeiten. Wir müssen eine Stabilität in die Mannschaft bekommen und Waffen haben, die in engen Spielen, die uns erwarten werden, dann auch etwas besser sind, als der Gegner. Wenn man sich große Ziele setzt, dann hilft nur eins, nämlich brutal hart arbeiten."

Frage: Eine ihrer Trainerphilosophien ist die aggressive Balleroberung und das damit verbundene schnelle Umschalten von Defensive auf Offensive. Ein bisheriges Problem der Mannschaft. Wie wollen Sie das in kürzester Zeit in die Gänge bringen?

Schmidt: "Wir können nicht in drei Wochen in allen Bereichen perfekt werden. Wir wollen uns im Laufe der Zeit weiterentwickeln und versuchen, das im Training als absoluten Schwerpunkt zu setzten. Da muss man durch viele positive, aber auch negative Erlebnisse dann entsprechend die Stellschrauben finden, die die Mannschaft braucht."

Frage: Sie kennen mittlerweile die Mannschaft halbwegs. Haben Sie auch die Spieler dazu?

Schmidt: "Ich maße mir auch nicht an, alle Spieler nach drei Tagen 100-prozentig einschätzen zu können. Die Trainingsmentalität ist einmal sehr gut, aber für mich auch Grundvoraussetzung. Es ist die entsprechende Qualität vorhanden, um durch hartes Training in der Lage zu sein, auch diese Schwerpunkte zu setzen."

Frage: Ist Ihnen der Kader quantitativ und qualitativ ausreichend genug?

Schmidt: "Da brauche ich noch etwas Zeit, um das einschätzen zu können. Grundsätzlich arbeite ich lieber mit einer kleineren Gruppe. Ich brauche keinen 30-Mann-Kader. Da verschwendet man nur überflüssige Energie. Der Kader muss aber auch ausreichend sein, um die Dreifachbelastung zu verkraften. Eine Zahl Mitte Zwanzig sollte es sein, denn wir wollen ja auch Spieler aus den Akademien immer wieder mit hochziehen. Das ist auch einer unserer Wege, dass gewährleistet ist, dem einen oder anderen Talent die entsprechende Aufstiegsmöglichkeit zu bieten."

Frage: Ist das Einkaufsprogramm mit Dibon, Klein und Ilsanker abgeschlossen?

Schmidt: "Ich schließe den einen oder anderen Neuzugang nicht aus. Wir werden uns ein Bild machen, den Markt beobachten und dann schauen, was möglich ist und auch Sinn macht."

Frage: Können Sie schon soweit beurteilen, ob Sie mit der Hierarchie und Balance innerhalb der Mannschaft zufrieden sind?

Schmidt: "Diese Mannschaft hat mit dem Doublegewinn in der letzten Saison Herausragendes geleistet. Das ist auch in Österreich kein Spaziergang. Von daher scheint der Charakter der Mannschaft gut zu sein. Sie hat entsprechende Siegermentalität und auch Stabilität. Dass sich die Hierarchie, gerade in einer neuen Vorbereitung, immer wieder aufs Neue entwickelt, ist auch klar."

Frage: Im Vorfeld ihrer Bestellung hat es einen Disput zwischen Leonardo und Maierhofer gegeben. Könnte dies zu einem größeren Problem werden?

Schmidt: "Der Fußball lebt nun einmal auch von Emotionen. Und Leonardo hat sich bisher in den Trainings sehr gut präsentiert. Für mich besteht kein Anlass, ein Problem daraus zu machen. Allerdings muss eine Mannschaft funktionieren. Jeder hat sich bei mir so zu verhalten, dass die Mannschaft keinen Schaden nimmt. Man braucht nicht immer einer Meinung sein. Aber letztendlich muss das auf einer Ebene passieren, die das ganze Gefüge nicht kaputt macht."

Frage: "Sie sind in Österreich ein unbeschriebenes Blatt. Wie tickt Roger Schmidt als Trainer und als Privatmensch?

Schmidt: "Ich bin jemand, der Freude am Leben und vor allem am Fußball hat. Ich mache das nicht nur, um damit Geld zu verdienen, sondern, weil auch mein Herz daran hängt. Als Trainer habe ich es mit Menschen zu tun und weiß, wenn der Mensch sich wohl- und wertgeschätzt fühlt, dann ist er auch in der Lage, guten Fußball zu spielen. Das versuche ich immer zu berücksichtigen, und bin damit bisher sehr gut gefahren. Privat bin ich ein sehr großer Familienmensch (zwei Kinder; Anm.). Mein größter Wunsch ist, dass die Familie baldmöglichst vor Ort sein kann. Ansonsten unterscheide ich mich nicht von meinem Trainerverhalten. Ich bin jemand, der loyal ist und erwarte mir das auch von meinem Gegenüber. Ich bin eigentlich ein recht unkomplizierter Mensch."

Frage: Ihre fußballerische Karriere war eher bescheiden. Ist das ein Nachteil für eine Trainerkarriere?

Schmidt: "Ein bisschen Fußballspielen konnte ich ja auch. Ich glaube, dass man den Trainerjob nur bedingt mit dem des Spielers vergleichen kann. Zu diesem Thema gibt es übrigens ein gutes Sprichwort: Ein guter Jockey muss früher nicht ein Pferd gewesen sein."

Frage: Gibt es eine Mannschaft oder Spieler, die für Sie Vorbildwirkung haben?

Schmidt: "Für mich ist die Spielweise des FC Barcelona faszinierend. Aber was mir noch mehr gefällt ist, dass dieser Verein es geschafft hat, ihren Spielern eine gewisse Mentalität beizubringen. Eine gewisse Demut, sich immer in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Dass keiner größer ist, als die Mannschaft selber. Wenn man sich anhört, wie Xavi, Iniesta oder Messi sich in Interviews verkaufen, dann ist das einfach nur großartig."

Frage: Sie zählen in Deutschland zu dieser aufstrebenden jungen Trainergeneration, über der vor allem Jürgen Klopp steht.

Schmidt: "Diese Thema "junge Trainer" wird für mich zu hoch gehandelt. Wie bei den Fußballspielern gibt es da auch gute Junge und gute Alte. Ich glaube, dass es sehr wertvoll ist, eine gewisse Erfahrung zu haben. Wie Jürgen Klopp mit Dortmund Fußball spielen lässt, ist derzeit das Non plus Ultra in Deutschland. Sie haben es geschafft in der Führungsstruktur eine entsprechende Mentalität und das dazugehörige Vertrauen aufzubauen. Sie arbeiten im Moment extrem gut an ihrer Zukunft, weil sie die Spieler überzeugen können, und zudem Visionen aufbauen.

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