"Man muss aus dem Schatten"

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"Der kann vielleicht in Grödig Trainer sein..."

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„Ich war noch niemals in New York…“, sang der viel zu früh verstorbene Udo Jürgens.

Adi Hütter war auch noch nicht in New York. Noch nicht.

Nach Saisonende fliegt der Salzburg-Trainer aber mit seiner Familie in die Stadt, die niemals schläft.

Viel geschlafen hat Hütter in den letzten Jahren ebenfalls nicht.

„Es war kaum Luft zum Atmen“, sagt der frischgebackene Meister-Coach beim Interview-Termin mit LAOLA1 in Wien.

Von Erfolg zu Erfolg

Nach dem Aus in seiner Heimat Altach nahm der 45-Jährige vor drei Jahren sofort ein Angebot aus Grödig an, formte in weiterer Folge jene Mannschaft, die 2013 sensationell in die Bundesliga aufstieg.

In seiner ersten Saison in der Bundesliga führte der Vorarlberger den Dorfklub trotz widriger Umstände wie den Wettskandal in den Europacup, ehe Salzburg ihn tags drauf als neuen Trainer präsentierte.

Beim Liga-Krösus hielt der Coach dem Druck stand und holte als erster österreichischer Trainer in der Red-Bull-Ära den Titel.

Am Mittwoch kann Salzburg erstmals und als dritter Klub nach Rapid (1920) und Austria (1963) das Double verteidigen.

LAOLA1: Konnten Sie am Sonntag erstmals so richtig durchschnaufen?

Adi Hütter: Da ist der erste Druck abgefallen. Ich war auch stolz, wie wir noch einmal aufgetreten sind, wie die Stimmung im Stadion war. Nach einer zuvor erfolgreichen Saison das zu wiederholen, ist schwieriger, als wohin zu gehen, wo es nicht lief. Die riesige Herausforderung ist geglückt. Als Trainer hast du nie viel Zeit zum Atmen. Auch in der Pause planst du wieder. Es ist Dauerstress. Aber ich habe eine tolle Familie, die mich irrsinnig unterstützt und ein gutes Umfeld, das auch immer wieder auf konstruktive Weise mir gegenüber kritisch ist. Das braucht man, das hilft einem. Zwischen Grödig und Salzburg hatte ich de facto keinen Tag Pause und konnte all das auch nie reflektieren oder sacken lassen, was passiert ist. Nach dem Cup-Finale schnaufe ich einmal zwei Tage durch und dann geht es eine Woche nach New York, einfach einmal weg.

LAOLA1: Peter Stöger ist in der deutschen Bundesliga tätig, Ralph Hasenhüttl hat den Aufstieg dorthin geschafft. Sie haben als erster österreichischer Betreuer in der Red-Bull-Ära nun den Titel geholt. Hat sich der Stellenwert des rot-weiß-roten Trainers verbessert?

Hütter: Wir sind ein kleines Land, müssen uns aber nicht verstecken. Die Nationalmannschaft tut uns sehr gut, Peter Stögers Erfolg ebenso und Ralph Hasenhüttl hat über Jahre sehr gute Arbeit in der zweiten deutschen Liga geleistet und sich nun selbst belohnt. Das ist umso besonderer, als dass wohl keiner Ingolstadt auf der Rechnung hatte. Es war etwa auch sehr wichtig, dass Roger Schmidt hier war und bei Leverkusen nun ein sehr gutes Bild abgegeben hat. Für die österreichischen Trainer ist es wichtig, so wahrgenommen zu werden. Vor allem auch deswegen, weil Österreichs Stellenwert im internationalen Fußball nicht unter den Top 15 liegt. Aber wir sind auf einem guten Weg.

LAOLA1: Damir Canadi folgte Ihnen als jener Trainer nach, der den Aufsteiger in den Europacup führte. Es kommt also offenkundig etwas nach. Spricht das auch für die österreichische Trainer-Ausbildung?

Hütter: Die ist absolut gut, aber das alleine ist es nicht. Man bekommt einiges an Werkzeug in die Hand gedrückt, was sehr gut ist. Aber du musst selbst wissen, wie du jenen Fußball, den du sehen und spielen lassen willst, vermittelst. Und es geht ja nicht nur um das Training, es geht auch um Organisation, um Planung, um die Führung, um Öffentlichkeitsarbeit. Du musst als Trainer deinen Weg finden und dabei lernen. Das passiert im täglichen Umgang mit der Mannschaft, wenn Dinge passieren und Probleme auftreten, die du lösen musst. Ich hatte in den vergangenen drei Jahren immer wieder mit Krisen zu tun. Die Krisenbewältigung hat mich aber nach vorne gebracht. Es ist manchmal wichtig, zu scheitern und am Boden zu sein, damit man dann wieder aufsteht.

LAOLA1: Hätten Sie sich in dieser Saison ab und zu mehr Rückendeckung gewünscht?

Hütter: Nach dem Aus in der Champions League war es schon so, dass Ralf Rangnick ein richtig guter Partner war. Er hat auch gesehen, dass es nicht leicht ist. Wir haben uns damals super ausgetauscht. Ich wollte das eine oder andere verändern und er hat mir zugestimmt. Wir haben die Kurve gekratzt. Er ist jemand, der nie locker lässt und schaut, dass ständig weitergearbeitet wird. Das gehört aber auch zu seiner Aufgabe. Er ist ein Fußball-Besessener und ihm geht es um die Philosophie, mit der ich mich vollständig identifizieren kann. Das ist auch nicht immer so einfach. Unter dem Strich haben wir es gut hingebracht. Die Unterstützung war da, vielleicht gab es einmal die eine oder andere Aussage, die unerwartet war. Aber die Kritik war ja berechtigt, speziell, was die Gegentore betrifft. Wichtig ist, dass eine Reaktion folgt. Wir haben in weiterer Folge in elf Spielen sieben Mal zu Null gespielt.

LAOLA1: Zuletzt gab es lautstarke Sprechchöre mit ihren Namen – so wie 2014 bei Roger Schmidt.

Hütter: Es tut sicher gut. Aber ich bin ja auch hier, um Erfolg zu haben. Wenn man immer wieder verglichen wird, muss man aus dem Schatten einfach heraus. Ich bin das erste Jahr hier und Roger hat zuvor einen tollen Job gemacht. Aber wir reden da vom zweiten Jahr. Vom ersten redet kein Mensch mehr. Mir war es wichtig, gleich im ersten Jahr Erfolg zu haben. Ich bin da aber nicht alleine, habe ein tolles Betreuer-Team. Die Nachfolge war aber nicht einfach.

LAOLA1: Sollte das Double gelingen, war dann Malmö der einzige Fleck in dieser Saison?

Hütter: Zu kritisieren sind sicherlich die zu vielen Gegentore. Wir haben aber auch verletzungsbedingt immer viel wechseln müssen, vergangene Saison hat fast immer dieselbe Mannschaft gespielt. Wir haben zu viele Niederlagen kassiert. Auf der anderen Seite freut es mich, dass wir junge Spieler wie Benno Schmitz, Naby Keita oder Marcel Sabitzer weiterentwickelt und Spieler aus Liefering eingebaut haben. Das war vergangene Saison nicht der Fall und das muss auch in die Analyse der Spielzeit miteinbezogen werden.

LAOLA1: Gibt es einen Grund, warum Sie nächste Saison nicht Salzburg-Trainer sein sollten?

Hütter: Für mich gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keinen Grund. Ich habe Vertrag bis 2016.

LAOLA1: Verfügen Sie über eine Ausstiegsklausel?

Hütter: Nein.

LAOLA1: Wie sieht Ihr Karriere-Plan aus? Noch ein Jahr Salzburg und dann der nächste Schritt, der so gerne gegangen wird?

Hütter: Wenn mich jemand über meine Ziele und meine Träume fragt, sage ich natürlich, dass ich irgendwann zum richtigen Zeitpunkt den nächsten Schritt machen möchte. Ich werde hier nicht die nächsten zehn Jahre Trainer sein, davon kann man nicht ausgehen. Man sollte einen Karriere-Plan haben. Und wenn man keine Träume hat, dann hat man auch keine Motivation. Wann der Zeitpunkt für den nächsten Schritt ist, weiß ich aber jetzt nicht.

 

Das Interview führte Bernhard Kastler

LAOLA1: War es für Sie so gesehen ein Glücksfall, in Altach zu scheitern?

Hütter: Für beide vielleicht (grinst). Ich habe damals schon auch ganz gut gearbeitet, es hat eben nicht gereicht. Auch weil die Konkurrenz sehr gut war. Scheitern ist dahingehend ein harter Begriff, weil wir doch vorne dabei waren und das Ziel nicht erreicht wurde. Ich musste gehen, das war hart, aber beide Seiten haben sich positiv entwickelt. Mir gelang mit Grödig der Durchbruch und Altach hat dann mit Damir Canadi gemeinsam mit Georg Zellhofer als Sportdirektor die beste Entscheidung getroffen. Die haben in der ersten vollen Saison den Aufstieg geschafft, es überragend gemacht und strategisch richtig gut gearbeitet. Damir ist ein Tüftler, ein aufstrebender, guter Trainer. In der Bundesliga haben sie sich nach schwierigem Start stabilisiert und mit einer homogenen Mannschaft, die aus Trainer-Arbeit resultiert, den Einzug in den Europacup geschafft. Sie sind gut aufgestellt, das freut mich. Und mein Weg hat ja auch gut gepasst (grinst).

LAOLA1: Sie sind als Spieler drei Mal Meister geworden und landeten mit Grödig den Aufstiegs-Coup. Wie würden Sie diesen Meister-Titel nun einordnen, da der mit Salzburg doch erwartet wird?

Hütter: Der Druck ist da, du musst Meister werden – und das ist nicht einfach. Wir haben das gemeistert, nach einem Champions-League-Aus, nach einer kritischen Phase in der Meisterschaft und nachdem uns gute Spieler verlassen haben. Wir haben das aufgefangen und sind souverän Erster geworden. Ich schätze den Titel sehr hoch ein, weil er bedeutet, Meister in der ersten österreichischen Liga geworden zu sein. Natürlich wird es mit Red Bull Salzburg einfacher sein, als mit anderen, aber das muss man erst einmal schaffen. Mich freut es, dass ich als Spieler und nun auch als Trainer Meister in Salzburg geworden bin. Da trete ich auch in die Fußstapfen von Heribert Weber, der immer schon ein Vorbild von mir war.

LAOLA1: Was war für Sie die größte Herausforderung in dieser Saison?

Hütter: Eine intakte Mannschaft zu übernehmen und mit Top-Spielern zusammenzuarbeiten. Der Aufwand wurde ungleich größer als zuvor. Die Mannschaft plus den gesamten Betreuer-Stab zu führen und alles unter einen Hut zu bringen, war die große Herausforderung. Wir sind super in die Liga gestartet, sind dann in der Champions League gescheitert, was für den Kopf wahnsinnig schwierig war. Wir waren alle darauf fokussiert und sind nach drei Niederlagen in der Bundesliga richtig am Boden gelegen. Mit der Mannschaft den Karren aus dem Dreck zu ziehen ist uns gut gelungen und das hat mir imponiert. Das sind Schlüsselmomente, die dich weiterbringen. Andernfalls verlieren wir noch zwei Mal, ich wäre vielleicht Geschichte gewesen und alle hätten gesagt: Der kann vielleicht in Grödig Trainer sein, aber nicht hier. Das Umfeld ist kein einfaches. Aber ich bin ein Jahr hier und wir können das Double verteidigen, was erst zwei Klubs in Österreich geschafft haben. Das wäre sehr besonders.

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