Legendäre Derby-Anekdoten

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Derby-Erinnerungen mit Rudi Flögel und Robert Sara

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Das Wiener Derby geht am Samstag zum 300. Mal über die Bühne. Viele dieser traditionsreichen Duelle gingen in die Geschichte ein, viele Spieler-Persönlichkeiten von anno dazumals trugen ihren Teil dazu bei.

Zwei treue Seelen ihrer Klubs erinnern sich gerne an das Wiener Derby von damals zurück: Rapids Rudolf Flögel und Austrias Robert Sara.

Flögel wurde zwischen 1958 und 1972 vier Mal Meister und Cupsieger mit Rapid. Sara holte zwischen 1964 und 1984 neun Mal den Meisterteller, sechs Mal den Cup, war Co-Trainer der Profis und ist aktuell Assistent bei den Amateuren.

Im LAOLA1-Doppel-Interview schwelgen Flögel und Sara in Erinnerungen an legendäre Derby-Momente, erklären die Bedeutung des Duells damals und heute und runden das Ganze mit interessanten "G'schichteln" ab.

LAOLA1: Was verbinden Sie mit dem Begriff „Wiener Derby“?

Rudolf Flögel: Es war für uns immer etwas Besonderes gegen die Austria zu spielen. Wir haben uns die Woche davor immer schon konzentriert, nur mehr an das Spiel gedacht und jeder wollte gut spielen. Denn, wenn wir gegen Austria verloren haben, haben wir uns direkt geniert. Man ist dann die ganze Woche gehänselt worden, in der Arbeit, sogar im Rathaus. Es ist immer wieder darüber debattiert worden, man hat sich fast nicht aus dem Haus getraut. Wenn wir gewonnen haben, war es immer sehr angenehm. In Erinnerung habe ich noch, dass nach einem Rapid-Sieg beim nächsten Länderspiel sechs, sieben Spieler von Rapid dabei waren. Hat Austria gewonnen, war es umgekehrt. Das war damals so. Darum waren wir so motiviert, dass wir uns immer besonders angestrengt haben.

Robert Sara: Für mich war ein Derby immer etwas Besonderes. Aufgrund der großen Rivalität hatten die Verlierer in der Woche nach dem Spiel immer ein Problem. Egal wo du hingekommen bist, nach einer Niederlage bist du immer ein bisschen gehänselt worden Als Aktiver bereitet man sich die ganze Woche intensiv auf das Duell vor. Zu meiner Zeit ist es in den Derbys auch meistens um die Meisterschaft gegangen. Jetzt betrachte ich das Match als Angestellter der Austria. Ich hoffe natürlich, dass unser Team die drei Punkte holt und drücke die Daumen.

LAOLA1: Wo sehen Sie die größten Unterschiede von damals zu den heutigen Derbys?

Flögel: Vom Training her ist es konzentrierter, genauer, schneller. Die Spielanlage ist auch anders. Früher hat man mit drei Verteidigern gespielt, heute spielen fünf oder sechs hinten. Ich kann mich erinnern, wir haben mit Hanappi, Happel, Golobic, den zwei Körners, Riegler und Dienst gespielt. Das waren fünf Stürmer. Das war immer ein Spektakel. Aber das war eine andere Zeit, heute gibt es andere Systeme. Rapid gegen Austria ist aber immer etwas Besonderes.

Sara: Man kann den heutigen Fußball nicht mehr mit früher vergleichen. Ein Niki Lauda kennt sich jetzt noch super in der Formel 1 aus, aber er hat auch gesagt, dass er die jetzigen Autos nicht mehr fahren könnte. So ist es auch im Fußball. Ich hatte eine gute Lehrzeit, war in den 60er, 70er und 80er Jahren dabei. Es hat immer eine Steigerung gegeben. In den 80ern hat es unglaublich gute Spieler wie Prohaska und Krank gegeben. Aber die Burschen von heute könnten locker mit ihnen mithalten.

LAOLA1: Haben sich damals alle untereinander gekannt und waren befreundet? Heute schwer vorstellbar.

Flögel: Egal, ob nach dem Training oder einem Spiel, es sind immer sieben bis zwölf Spieler zusammengesessen und haben debattiert, was gut und schlecht war. Genauso, wenn wir mit den Austria-Spielern zusammengekommen sind. Wir haben uns gekannt und waren auch in der Nationalmannschaft zusammen. Wir haben wirklich ein gutes Verhältnis gehabt. Aber jeder wollte der Beste sein. Wir haben gewusst, dass wir bei einem Sieg eine Woche lang eine gute Kritik kriegen, man wieder im Team ist und freundlich gegrüßt wird. Aber wenn man verloren hat, hat dich jeder schief angeschaut. Da bin ich nach Hause gegangen, habe mir die Tuchent über den Kopf gezogen und geschaut, dass mich keiner anredet.

Sara: Da sich sehr viele vom Nationalteam kannten, ist schon viel gescherzt worden. Speziell vor oder nach einem Derby ist der Schmäh gelaufen. Auch sonst hat man sich natürlich gekannt. Aber sobald der Schiedsrichter angepfiffen hat, ist es losgegangen. Da gab es keine Freundlichkeiten. Nach dem Match gab es ein Shakehand – Danke, das war’s. So ist es gelaufen. Solche Freundschaften wie es heutzutage unter den Spielern gibt, hat es bei mir nicht gegeben. Ich bin nie mit einem Rapidler in meiner Privatzeit ins Kaffeehaus gegangen.

LAOLA1: Welche Derby-Momente sind ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Flögel: Einmal hat die Austria gewonnen, einmal wir. Es hat schon schöne Momente gegeben. Man musste gewinnen. Da hast du automatisch gut gespielt. Wenn einer einen schlechten Tag gehabt hat, hat man den mitgerissen. Auch mit den Trainern hat man viel erlebt. Jeder hat andere Methoden gehabt. Mit Gerd Springer sind wir zum Eishockey gegangen, damit wir uns an Zweikämpfe gewöhnen und sehen, wie man einen Bodycheck macht. Es ist alles unternommen worden, um im Derby eine gute Leistung zu bringen.

Sara: Da ich wirklich schon sehr lange beim Klub bin, kann ich mich natürlich nicht 100-prozentig an alle Begegnungen erinnern. Es ist immer auf und ab gegangen. Es gab auch Spiele, die 0:0 oder 1:1 geendet sind. Da waren aber ein paar tolle Partien, mit zahlreichen Torchancen dabei.

LAOLA1: An ein spezielles Spiel erinnern Sie sich nicht zurück?

Flögel: Einmal haben wir unter Karl Rappan 0:4 verloren. Er hat uns einen Tag davor aufschreiben lassen, welche Aufstellung wir gerne hätten. Dann sind wir draufgekommen, dass jeder seine Freunde aufgestellt hat. Das war so ein schlechtes Spiel, das war direkt eine Schande.

Sara: Ich weiß noch, dass wir einmal in der Meisterschaft am Wochenende ganz hoch verloren haben, und nur wenige Tage später im Cup dafür sehr hoch gewonnen haben. Es war oft der Fall, dass die Mannschaft, die hoch gewonnen hat, das nächste Duell hoch verloren hat.

LAOLA1: Wie sieht es mit Derby-Toren aus?

Flögel: Ich habe sicherlich viele Tore gemacht, auch gegen die Austria. Aber da müsste ich im Buch der Rekorde nachschauen. Die Zeitungen sind die ganze Woche voll, danach weiß jeder, wie man aufstellen hätte sollen. Aber das war der Unterschied. Wenn wir gegen Kapfenberg 7:0 gewonnen haben, war das normal. Da hat es geheißen: Das ist ja keine Kunst. Aber gegen die Austria war es etwas Besonderes.

LAOLA1: Haben Sie auch Robert Sara/Rudi Flögel als Gegenspieler kennengelernt?

Flögel: Als direkten Gegenspieler nicht, aber ich habe oft gegen ihn gespielt. Bei seinem ersten Spiel gegen England in Wembley war er rechter Verteidiger. Das war ein moderner Abwehrspieler, der auch mit nach vorne gegangen und gefährlich geworden ist. Der hat einen Hammer-Schuss gehabt. Das war ein guter Mann.

Sara: Er war nie mein direkter Gegenspieler, aber wir haben uns natürlich von der Nationalmannschaft gekannt. Dort haben wir zusammengespielt. Als ich damals als junger Bub einberufen wurde, waren sehr viele gute Rapidler im Team. Es waren wirklich soviele, dass ich jetzt niemanden aufzählen will, damit ich keinen vergesse.

LAOLA1: Fehlen den heutigen Derbys richtige Typen, die die Mannschaften mitreißen?

Flögel: Wir sind als junge Spieler in die Mannschaft gekommen und haben die älteren Spieler wie Dienst, Körner, Hanappi oder Happel als Vorbilder gehabt. Die haben uns geführt und in jeder Weise geholfen. Wir haben das danach auch sehr oft weitergegeben. Heute gibt es Spieler, die sich gar nicht verstehen. Jeder geht andere Wege, zusammengesessen wird kaum. Das ist eine eigene Sache.

Sara: Ich möchte nicht immer von früher reden. Es ist jetzt einfach eine andere Generation. Die jungen Leute sind ganz anders. Wenn wir früher kaserniert waren, sind wir immer gemeinsam auf den Zimmern gesessen – die ganze Meute. Es ist der Schmäh gelaufen. Das hat sich geändert. Heutzutage haben die Burschen ihre Laptops mit und beschäftigen sich mit anderen Sachen. Das ist auch okay. Wenn jemand lieber alleine sein will, ist das okay.

LAOLA1: Damals waren viele Wiener dabei, es war eine Verbundenheit vorhanden. Hat das Derby an Wert verloren?

Flögel: Das war damals so. Irgendwann hat es geheißen, wir brauchen einen großen Spieler. Also ist Bjerregaard gekommen. Der hat aber mit seinem Charakter und seiner Einstellung gut zu uns gepasst. Wir waren eine richtige Partie. Mit solchen Leuten hat ein Verein auch was davon. Heute gehen Spieler oft nach einem Jahr weg, man hat das Gefühl er geht nur wegen einem guten Vertrag. Deshalb ist die Kameradschaft nicht mehr so, wie es einmal war.

Sara: Die Austria ist wieder auf einem guten Weg. Durch gewisse Umstände haben wir sehr viele Eigenbauspieler. Gegen Ried waren neun Spieler im Kader, die aus der eigenen Akademie kommen. Das ist großartig. Wenn dann auch noch Spieler wie Barazite da sind– super. Das war auch ein junger Spieler, der ins Gefüge passt. Wenn man nur Ausländer hat, die noch dazu nicht mehr die Klasse von früher besitzen, wird sich niemand mit dem Klub identifizieren. Auch Rapid ist auf einem guten Weg. Man braucht aber auch Geduld, bis die Jungen reifen.

LAOLA1: Wäre es damals möglich gewesen: Wären Sie zur Austria/Rapid gegangen?

Flögel: Ich bin aus dem zweiten Bezirk, habe auf der Jesuitenwiese oder vor dem Stadion gekickt. Meine Vorbilder waren Stojaspal, Huber und Aurednik. Nach der Schule habe ich den Eisenbahner-Schmäh geübt. Ich war mit zehn, elf Jahren für die Austria. Der Jugendleiter von den Weißgerbern sollte mich dann zu Rapid schicken, für Fußballschuhe und alte Dressen. Zuerst habe ich gesagt, was ich als Austrianer dort soll. Aber so bin ich jeden Tag vom Schwedenplatz nach Hütteldorf gefahren. Ich habe es aber bis heute nicht bereut.

Sara: In meiner Zeit war das unvorstellbar. Es gab einmal die Anfrage, ob ich mich nicht verändern und zu Rapid wechseln will. Ich habe sofort gewusst: Das kann ich nicht. Wenn das der Joschi Walter erfährt, ist der Bär los. Und es hat nicht lange gedauert, bis das Gerücht zu ihm vorgedrungen ist. Er hat mich in sein Büro bestellt und gefragt, ob ich an Vogl hab! Ich habe aber nie darüber nachgedacht, zu Rapid zu gehen. Bei der Austria hat immer alles gepasst. Mittlerweile gehört der Fußballer aber zu einer Berufssparte. Wenn er den Klub wechselt, wechselt er den Arbeitsplatz. Das ist zu akzeptieren. Dass die Zuschauer dennoch enttäuscht sind, ist legitim.

LAOLA1: Ihr Sohn Thomas war am erfolgreichsten bei der Austria. Wie haben Sie das verkraftet?

Flögel: Ich hatte ja gar keine Zeit. Ich habe gearbeitet und musste zum Training. Meine Frau ist mit ihm immer ins Stadionbad gegangen, wo er auf die Trainingsplätze der Austria rübergeschaut hat. Meine Frau sagte, dass er zur Austria will und mal schaut, was sich ergibt. Eines Tages ist er mit einem violetten Schal nach Hause gekommen und hat gesagt, er ist der Prohaska. Ich konnte nur drauf sagen: „Mir scheint, dich hat’s“. Ich war überrascht und dann ist er ein Violetter geworden. Aber auch er hat es nicht bereut.

LAOLA1: Welchen Tipp haben Sie für das 300. Wiener Derby?

Flögel: Von der Papierform her muss ich sagen, dass die Austria Favorit ist. Aber, wer zuletzt Favorit war, hat meistens verloren. Ich habe immer so gesagt: Ein Tor kann man kriegen, aber ich muss so gut sein, dass ich eines mache. Ich hoffe, dass wir zumindest nicht verlieren.

Sara: Den Ausgang eines Derbys kann man nicht vorhersagen. Ich hoffe aber, dass unsere Mannschaft als Sieger vom Platz geht

Alexander Karper/Martin Wechtl

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