"Der Mensch zählt nicht mehr!"

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"Die Öffentlichkeit ist extrem opportunistisch"

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Am Donnerstag wird es auch für Red Bull Salzburg ernst.

Nachdem die Liga-Auftaktpartie gegen Wacker Innsbruck den winterlichen Bedingungen zum Opfer fiel, starten die "Bullen" in der Europa League ins Frühjahr.

Im Sechzehntel-Finale wartet Metalist Charkiw - eine äußerst unangenehme, aber auch machbare Aufgabe.

Doch nicht nur das beschäftigt Trainer Ricardo Moniz im großen LAOLA1-Interview.

Der Niederländer sagt auch, warum für ihn das Fußball-Geschäft härter geworden ist, was er aus dem wechselhaften Herbst mitgenommen hat und welche Trainer er zum Vorbild nimmt.

LAOLA1: Herr Moniz, Salzburgs Frühjahrsauftakt beginnt am Donnerstag in der Europa League gegen Charkiw. Wie sehen Sie die Chancen?

Ricardo Moniz: Es wird eine ganz schwere Aufgabe, keine Frage. Aber ich sehe die Chancen bei 50:50, auch wenn uns jetzt schon viele abgeschrieben haben.

LAOLA1: Mit Soriano und Cristiano haben Sie in der Winterpause zwei neue Spieler dazubekommen. Nun stehen 26 Spieler im Kader. Ist das nicht zu viel des Guten?

Moniz: Nein, je mehr Spieler, desto besser ist es. Man hat im Herbst gesehen, dass unser Kader zu dünn für drei Wettbewerbe ist. Gerade wenn viele Spieler verletzt ausfallen. Da habe ich lieber zu viele Spieler im Kader. Die Belastung ist viel intensiver als früher, aber das bedenkt fast keiner.

LAOLA1: Ist das Fußball-Geschäft generell härter geworden?

Moniz: Es gibt viel mehr Egoismus. Der Mensch zählt nicht mehr, keiner hat mehr Interesse am anderen. Jeder findet sich selbst am wichtigsten. Es geht um viel Macht und nicht mehr um die Liebe zum Fußball. Viele Spieler haben auch keine eigene Meinung mehr.

LAOLA1: Beginnt das schon im Kindesalter?

Moniz: Natürlich. Viele Kinder werden weggeschickt, wenn sie ihren Kopf durchsetzen wollen und schwierig sind. Ich mag solche Charaktere, finde sie interessant. Du musst ja auch im Spiel Entscheidungen treffen, da hilft dir eine starke Persönlichkeit mehr. Mir fehlen oft Eigeninitiative und Eigenverantwortung. Dazu kommen noch die Berater und der Druck der Öffentlichkeit. Ich habe das selbst erlebt.

LAOLA1: Sie meinen die sieglose Serie von sieben Spielen im Herbst.

Moniz: Ja, alles hat sich sehr schnell umgedreht. Die Öffentlichkeit ist extrem opportunistisch. Du hast keine Zeit mehr. Dabei haben genau jene Vereine Erfolg, die stabil und integer eine Philosophie verfolgen. Barcelona ist das beste Beispiel dafür.

LAOLA1: Was haben Sie aus dem wechselhaften Herbst mitgenommen?

Moniz: Er war sehr interessant für mich. Ich habe gesehen, wer stark ist, wer in schlechten Zeiten Charakter zeigt und auch mit Widerständen umgehen kann.

LAOLA1: Hat es in dieser Phase Spieler gegeben, die Sie positiv überrascht haben?

Moniz: Absolut. Ich habe Jantscher sehr stark gefunden. Für mich war es unglaublich, wie er mit seinen privaten Problemen umgegangen ist und das in eine positive Leistung umgewandelt hat. Auch vor Eddie (Gustafsson, Anm.) habe ich großen Respekt. Er hat trotz seiner Enttäuschung die Mannschaft immer unterstützt. Leonardo, der von vielen Medien schon gekillt wurde, hat mit unglaublichen Schmerzen weiter gespielt. Zum Glück kann er kein Deutsch (lacht). Viele Spieler werden einfach zu schnell abgestempelt, dabei kennt die Öffentlichkeit die Hintergründe meist nicht.

LAOLA1: Viele Spieler machten aber den Eindruck, dass sie im Liga-Alltag eher weniger motiviert waren.

Moniz: Bei mir hat Einsatzwille und Leidenschaft immer oberste Priorität. Es tut mir leid, dass der Eindruck entstanden ist, einige Spieler würden manchmal ein paar Prozente weniger geben. Ich bin der Erste, der so etwas kritisiert. Ich werde dafür sorgen, dass dieses Phänomen im Frühjahr nicht mehr zu beobachten ist.

LAOLA1: Es gibt ja gewisse Mechanismen im Fußball. Hatten Sie nach der 0:3-Pleite in Mattersburg nicht das Gefühl, dass es das jetzt als Salzburg-Trainer gewesen ist?

Moniz: Ach, die ersten Diskussionen sind ja schon nach dem 2:3 bei der Austria aufgekommen. Dann haben wir zu Hause noch 1:1 gegen Wacker gespielt und schon war für die Außenwelt die Krise perfekt. Da war plötzlich alles schlecht. Ich kann damit leben – so ist das Geschäft. Wenn ich das nicht aushalten würde, hätte ich nicht Trainer werden dürfen.

LAOLA1: Wie viel Kraft hat Ihnen dieser Herbst persönlich gekostet?

Moniz: Du musst einfach eine dicke Haut entwickeln, sonst hast du in vier Jahren nur mehr graue Haare. Das lernst du aber nicht im Trainerkurs, sondern in der Realität. Ich nehme die Mannschaft, die Spieler immer als Fokus. Mir tut nur weh, wenn Unwahrheiten über die Spieler in den Medien stehen. Dann muss ich mich ärgern. Negative Sachen, die über mich geschrieben werden, kann ich verkraften.

LAOLA1: Sind Sie ein Trainer, der 24 Stunden an Fußball denkt?

Moniz: Absolut. Ich denke wirklich 24 Stunden an Fußball und kann schlecht abschalten. Wir haben dem Fußball alles zu verdanken, darum sollten die Leute auch dankbarer sein. Viele Spieler wissen gar nicht mehr zu schätzen, wie sie leben. Ist so viel Luxus normal? Ich versuche den Jungs immer zu vermitteln, dass sie den schönsten Beruf der Welt haben. Es kotzt mich an, wenn ein Profi das nicht zu schätzen weiß.

LAOLA1: Fehlt vielen Spielern einfach der letzte Biss?

Moniz: Natürlich. Darum holen sie auch nicht das Maximum heraus. Die besten Spieler wie Pele haben genau diese Kraft gehabt. Sie waren so fokussiert auf das, was sie erreichen wollten. Oder auch Ruud van Nistelrooy. Er wusste immer, dass er zu Manchester United gehen will. Er wusste, dass er zu Real Madrid gehen will. Natürlich gibt es Grenzen, aber was du willst, kannst du auch erreichen.

LAOLA1: Haben Sie als Trainer Vorbilder?

Moniz: Ja, meine Vorbilder waren immer Trainer, die sich selbst nicht so wichtig genommen haben. Ich muss immer lachen, wenn sich manche Trainer für Götter halten. Frank Rijkaard bewundere ich zum Beispiel. Oder Wiel Coerver, der noch mit 85 am Platz gestanden ist. Ich will auch einmal bis 90 oder 95 am Platz stehen (lacht). Coerver war ein Mensch, der viel Inspiration mit sich brachte.

Das Interview führten Kurt Vierthaler und Harald Prantl

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