"Telefoniere mit Jürgen Klopp"

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"Werde jetzt keinen großen Umbruch machen"

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Helgi Kolvidsson ist schon so lange mit dem österreichischen Fußball verbunden, man könnte ihn fast als halben Österreicher bezeichnen.

Dieser Terminus amüsiert den Isländer. „Ich bin ein Europäer!“, lacht Kolvidsson im LAOLA1-Interview. „Meine Frau kommt aus Deutschland, meine Familie wohnt dort. Ich habe schon viel kennen gelernt in meinem Leben.“

Am 24. November wurde Kolvidsson als neuer Trainer beim SC Wiener Neustadt präsentiert. Der ehemalige Lustenau- und Kärnten-Profi soll den Liga-Underdog zum Klassenerhalt führen. „Er ist ein junger, charismatischer Trainer, der mit seiner Art und seiner fachlichen Qualität die Mannschaft schnell erreichen kann“, erklärt Neustadt-Manager Günter Kreissl, der beim 43-Jährigen einfach das richtige Gefühl für eine erfolgreiche Zusammenarbeit verspürte.

Am Samstag (18:30 Uhr) wird Kolvidsson ausgerechnet bei Rekordmeister Rapid sein Trainer-Debüt in der Bundesliga geben. Ein solches blieb ihm in seinen drei Jahren bei Austria Lustenau verwehrt, obwohl er mit dem ewigen Vorarlberger Aufstiegskandidaten stets nah dran war.

Im Gespräch mit LAOLA1 äußert sich Kolvidsson zu seinem Abschied in Lustenau, seinen Pläne in Wr. Neustadt und der Freundschaft mit Jürgen Klopp.

LAOLA1: Als Sie bei Austria Lustenau beurlaubt wurden, haben Sie da gedacht, dass Ihre nächste Station in der Bundesliga sein wird?

Helgi Kolvidsson: (lacht) Nein. Aber ich habe die letzten Wochen dafür genutzt, meine Zeit bei Austria Lustenau zu reflektieren. Es war meine erste Profistation als Trainer, ich habe meine UEFA-Pro-Lizenz machen können. Diese Jahre waren sehr lehrreich und wichtig für mich.

LAOLA1: Wie ist das Engagement bei Wr. Neustadt zustande gekommen?

Kolvidsson: Nach der Trennung von Heimo Pfeifenberger hat mich Günter Kreissl angerufen. Wir haben uns getroffen, um über die Philosophie und Ziele des Vereins zu reden. Das hat sehr gut gepasst. Ich habe mir dann auch noch selbst ein Bild gemacht vom Trainerteam, dem Klub und der Mannschaft. Deswegen war ich beim letzten Spiel (2:0 gegen den WAC, Anmerkung) zu Gast, bevor ich endgültig zugesagt habe. Ich habe sehr gute Eindrücke bekommen.

LAOLA1: Wo wollen Sie die Hebel ansetzen?

Kolvidsson: Wir haben nur noch drei Spiele bis zur Winterpause, da werden wir jetzt keinen großen Umbruch machen. Im letzten Spiel hat es sehr gut funktioniert. Ich halte mich jetzt eher in der Beobachter-Rolle. Die Spieler brauchen Zeit, bis sie sich an ein neues Programm gewöhnen. Deswegen macht es jetzt noch keinen Sinn, Änderungen vorzunehmen. Ich muss mir erst ein Bild machen und werde in der Winterpause meine Ideen einbringen.

LAOLA1: Welchen Eindruck haben Sie in Ihren ersten Tagen von der Mannschaft gewonnen?

Kolvidsson: Ich muss dem Trainerteam und meinem Vorgänger Heimo ein großes Kompliment machen. Im letzten Spiel habe ich eine total intakte Mannschaft gesehen. Das war sehr gut, wie sie da agiert haben. Die Jungs haben einen tollen Charakter. Das war der letzte Kick für mich, um diesem Job zuzusagen.

Kolvidsson fühlt sich in Neustadt wohl

LAOLA1: Für welche Spielweise steht der Trainer Helgi Kolvidsson?

Kolvidsson: Konkret will ich dazu jetzt gar nichts sagen. Wir sind nicht in der Situation, wo man sich alles so zusammenstellen kann, wie man will. Man muss ganz einfach das Beste aus den vorhandenen Möglichkeiten rausholen. Gegenüber Austria Lustenau erwartet mich hier natürlich eine ganz unterschiedliche Aufgabe. In der Ersten Liga waren wir zumeist Favorit und haben deswegen auch mehr auf Ballbesitz gespielt. Das wird bei Wr. Neustadt anders sein. Vom System her will ich flexibel sein. Jedes Spiel wird anders. Die Strategie wird sich von Partie zu Partie ändern.

LAOLA1: Kurz vor Ihrer Verpflichtung hat sich der Verein mit Stefan Maierhofer verstärkt. Welchen Eindruck haben Sie von ihm gewonnen?

Kolvidsson: Er ist von seiner Persönlichkeit her sehr positiv. Mit seiner Körperstatur kann er jedem Gegner Probleme machen. Er kann immer Impulse setzen. Das ist wichtig, gerade in dieser Phase, wie sie jetzt die Mannschaft erlebt. Im Training gibt er jeden Tag Vollgas. Er redet, er pusht, er motiviert. Außerdem ist er immer einer der Ersten am Trainingsplatz.

LAOLA1: Ihr erstes Bundesliga-Spiel als Trainer werden Sie gegen Rapid bestreiten. Haben Sie schon Schwächen beim Gegner ausgemacht?

Kolvidsson: (lacht) Ich kenne Trainer Zoki Barisic vom Trainerlehrgang. Er ist ein super Typ und ein super Trainer. Seine Mannschaft ist sehr jung. Was da für Talente spielen! Rapid hat unglaublich viel Potenzial. Es ist immer etwas Besonderes gegen Rapid zu spielen. Das war schon als Spieler so.

LAOLA1: Ihr Engagement bei Austria Lustenau wurde Anfang Oktober beendet. Was ist schief gelaufen?

Kolvidsson: Was heißt schief gelaufen? Wir sind letzte Saison mit 15 neuen Spielern in die Saison gestartet, davon haben zwölf oder dreizehn in unteren Ligen gespielt. Mit dieser Mannschaft sind wir Zweiter geworden. Dadurch haben wir die Erwartungen hochgeschraubt, dann aber die Ergebnisse nicht gebracht. Das war der Hauptgrund, warum es nicht geklappt hat. Die Liga ist extrem ausgeglichen. Jeder kann jeden schlagen. Mit dem LASK und dem FAC gibt es sehr starke Aufsteiger. Dazu kam auch noch Wacker Innsbruck. Wenn du da in eine Negativ-Serie hineingerätst, dann ist es schwer, wieder raus zu kommen.

LAOLA1: Von 1998 bis 2000 haben Sie beim FSV Mainz gemeinsam mit Jürgen Klopp gespielt. Haben Sie noch Kontakt zum Dortmund-Coach?

Kolvidsson: Ja, wir telefonieren hin und wieder miteinander. Zuletzt, nachdem ich beurlaubt worden bin. Dadurch, dass er viel unterwegs ist, sehen wir uns nicht oft. Letztes Jahr habe ich ihn getroffen, leider bei einem traurigen Anlass, der Beerdigung von unserem ehemaligen Trainer Wolfgang Frank. Davor bei einer Geburtstagsfeier. Wenn die Zeit sich ergibt und man sich trifft, dann ist es wie früher.

Der 2013 verstorbene Wolfgang Frank hat Klopp und Kolvidsson geprägt

LAOLA1: Holt man sich von so einem prominenten Freund auch Tipps für die eigene Arbeit?

Kolvidsson: Naja, wir haben immer sehr viel zu lachen. Die ganzen Mainzer Jungs von damals verstehen sich gut. Auch mit Thorsten Lieberknecht (Braunschweig-Trainer, Anmerkung) habe ich zusammen gespielt. Es haben mehrere von uns den Sprung ins Trainergeschäft gewagt. Wir sind alle von Wolfgang Frank inspiriert worden. Ihm haben wir viel zu verdanken.

LAOLA1: Was hat ihn damals als Coach ausgemacht?

Kolvidsson: Als Trainer war er seiner Zeit voraus. Er hat sehr akribisch gearbeitet, mit Video-Analysen auf VHS-Kassetten. Da hat er mit einer Universität zusammengearbeitet. Das war ein Haufen Arbeit. So einfach wie heute, über den digitalen Videoplayer, ging das früher nicht. Man musste alles analog zusammenschneiden. Der Aufwand war enorm. Er hat uns als Spieler unglaublich viele Informationen mitgegeben. Meine Kollegen und ich profitieren von dieser Zeit noch heute. Er hat uns geformt.

LAOLA1: Abschließend noch ein Wort zu den Nationalmannschaften von Island und Österreich. Beide sind auf einem guten Weg, sich für die EM zu qualifizieren. Sehen Sie Parallelen?

Kolvidsson: Absolut. Durch die Trainerausbildung habe beim ÖFB einen Einblick bekommen, wie die Planung hinter den Kulissen läuft. Marcel Koller leistet eine sensationelle Arbeit. Da ist Plan und Struktur dahinter. Das ist genau das, was auch Island stark gemacht hat. Der Fußballverband hat eine Linie von unten hinauf durchgezogen - in der Förderung des Nachwuchses, in der Ausbildung von Trainern, in der Verbesserung der Infrastruktur. Es braucht Zeit, bis sich so ein Plan auswirkt. Aber jetzt profitieren Österreich und Island davon.

 

Das Gespräch führte Jakob Faber

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