"Ich bin auch ein bisschen selber schuld"

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LAOLA1: Wie du bereits erwähnt hast, spielt sich in einer Reha sehr viel im Kopf ab. Wie kann sich der Laie das vorstellen?

Gorgon: Wenn du jeden Tag bei der Mannschaft bist, dann aber zur Reha gehst, wenn die Kollegen aufs Feld gehen, ist es leicht möglich, dass du die kleinen Fortschritte übersiehst. Doch die sind für dich ganz, ganz wichtig. Ich hatte wirklich nur mit mir selber zu tun. Fortschritte waren zum Beispiel, dass ich innerhalb einer Woche zehn Kilo mehr auf der Beinpresse stemmen konnte – das war großartig. Auf der anderen Seite hat man durch die neue Reizsetzung plötzlich andere kleine Wehwehchen und denkt sich: Jetzt bin ich zusätzlich verletzt. Dann ist man down. Aber es gibt eben Leute wie den Mike, der dir mental gut zuredet und die Dinge wegbekommt.

LAOLA1: Wie schmerzlich war es für dich, in der Champions League nicht mitwirken zu können?

Gorgon: Das ist leider so im Fußball, Verletzungen gehören auch dazu. Man arbeitet ein Jahr für etwas und schlussendlich kommt es anders. Es sagt aber auch niemand, dass es vielleicht die letzte Chance für mich war, Champions League zu spielen. Aber es war natürlich schlimm für mich. Ich möchte auch gar nicht mehr so viel darüber reden.

LAOLA1: Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Die Austria hat sich natürlich auf deiner Position verstärkt. Für dich ein zusätzlicher Ansporn?

Gorgon: Bei der Austria hast du täglich Konkurrenz. Es kommen jedes halbe Jahr neue Leute. Manchmal sind Spieler dabei, die auf deiner Position in Frage kommen. Das ist bei einem großen Verein wie der Wiener Austria eben so. Es beeinflusst mich aber nur im positiven Sinn. Außerdem spornt der Konkurrenzkampf die Mannschaft an, weil jeder mehr Gas geben muss. Und am Ende ist es so wie überall: Die Besten werden spielen.


Das Gespräch führte Martin Wechtl

Alexander Gorgon ist erst 25 Jahre jung.

Erlebt hat Austrias Flügelflitzer dennoch schon einiges.

Speziell in Sachen Verletzungen ist der Wiener schon ein alter Hase.

Vor einigen Jahren hing seine Karriere am seidenen Faden – eine langwierige Schambeinentzündung zwang ihn zu einer zweijährigen Pause.

Doch der Eigenbauspieler kam zurück, schaffte den Sprung zu den Profis und holte nach einer fantastischen letzten Saison mit den Violetten den Titel nach Favoriten.

Doch am Zenit folgte der nächste Rückschlag. Am 17. August 2013 zog sich der Österreicher mit polnischen Wurzeln gegen Neustadt eine Verrenkung des Schien- und Wadenbeins zu.

Statt anfänglich angenommenen drei Wochen Pause fiel Gorgon ein halbes Jahr aus und verpasste dadurch das Highlight Champions League.

Die Leidenszeit soll nun der Vergangenheit angehören, denn das Comeback rückt immer näher. Zuletzt sammelte der Ex-U20-Teamspieler Spielpraxis bei den Amateuren. Beim Heimspiel gegen den FC Wacker steht er erstmals wieder im Kader der Profis.

„Es war eine schlimme Zeit, aber jetzt überwiegt die Freude, dass ich am Platz stehen darf“, ist das Veilchen voller Tatenrang.

Im LAOLA1-Interview spricht Gorgon über den Weg zurück, die gesammelten Erfahrungen und den bevorstehenden Konkurrenzkampf.

LAOLA1: Der 11. Februar 2014 hat für viele Leute keine große Bedeutung. Für dich schon.

Alexander Gorgon: Richtig. Ich habe im Testspiel gegen den Wiener Sportklub nach über fünf Monaten mein Comeback gegeben. Es ist alles sehr gut verlaufen, ich bin schmerzfrei. Ehrlich gesagt, ist es damals besser als erwartet gelaufen.

LAOLA1: Wie war das Gefühl danach? Hast du wieder vollstes Vertrauen in deinen Körper?

Gorgon: Ja, habe ich. Man spürt aber die lange Zeit, die man weg war. Es fehlt die ganze Koordination, die Schnelligkeit, die Ausdauer. Das sind Dinge, die einem normalweise als selbstverständlich erscheinen. Aber es sind diese Kleinigkeiten, die dazu führen, dass man nicht sein ganzes Potenzial ausspielen kann. Da muss man dem eigenen Körper Zeit geben, um sich an die höheren Belastungen zu gewöhnen.

LAOLA1: Anfänglich hieß es, dass du nur drei Wochen pausieren musst. Was ist genau passiert, dass der Heilungsprozess so lange gedauert hat?

Gorgon: Es war eine Luxation des oberen Wadenbeingelenks. Die Diagnose wurde richtig gestellt, aber bei der Behandlung war man sich nicht einig, weil die Verletzung sehr selten war. So etwas hat es im Fußball noch nie gegeben. Dann stehen gewisse Leute an. Ich hatte das Glück, dass ich auf Mike Steverding, dem Physiotherapeuten des Nationalteams, gestoßen bin. Orti und Sutti (Manuel Ortlechner und Markus Suttner, Anm. d. R.) haben mich vermittelt. Er hat mich noch einmal untersucht und seine Meinung geäußert. Ich bin dann mit ihm nach dem Schweden-Spiel nach Deutschland geflogen, dort wurde ich von einem Arzt durchgecheckt und es wurde entschieden, dass eine Operation die beste Option ist. Im Nachhinein ist es bitter, denn ich habe dadurch acht Wochen verloren. Ich möchte aber Niemanden dafür die Schuld geben. Ich bin auch sicher ein bisschen selber schuld. Ich hätte mich mehr schonen können. Jetzt zurückzublicken, bringt aber sowieso nichts mehr.

LAOLA1: Du hast bereits einmal wegen einer Schambeinentzündung zwei Jahre pausieren müssen. Hast du, nachdem jetzt erneut Komplikationen aufgetreten sind, irgendwann daran gedacht, den Hut darauf zu hauen?

Gorgon: Das hat es bei mir nicht gegeben. Ich habe aufgrund der ersten langen Verletzung immer gewusst, dass ich mich zurückkämpfen werde. Aus den Erfahrungen heraus habe ich Kraft getankt. Fast sechs Monate ist natürlich eine lange Zeit, aber verglichen mit der ersten Verletzung, wo ich zwei Jahre weg war, war es „halb so schlimm“. Ich habe schließlich gewusst, was auf mich zukommt. Deswegen war es nicht so schwer.

LAOLA1: Das heißt, dank der Erfahrungen konntest du die Lage besser einschätzen?

Gorgon: Man lernt, geduldig zu sein. Es spielt sich in der Reha sehr viel im Kopf ab. Aber natürlich begleiten dich auch die Therapeuten am Weg zurück. Und ich war bei Mike in Deutschland sehr gut untergebracht. Dort hat das ganze Umfeld gepasst. Das Trainer-Team war perfekt, ich durfte in den zehn Wochen bei ihm wohnen und bin eigentlich zu 100 Prozent in die Familie eingegliedert worden. Es ist für einen verletzten Spieler einfach unheimlich wichtig, zu sehen, dass er nicht alleine ist. Es ist schön, wenn Menschen um einen sind, die nur wollen, dass du wieder fit wirst.

LAOLA1: Wurdest du in Deutschland individuell betreut, oder wurde da in einer Gruppe gearbeitet?

Gorgon: Zu meinem Zeitpunkt war ein langzeitverletzter Basketballer aus Bahrain dort. Er hatte einen Kreuzbandriss. Mit ihm habe ich viel Zeit verbracht. Ab und an waren andere Fußballer und Handballer zugegen. Da kann man Kontakte knüpfen. Julian Baumgartlinger war ebenfalls zwei, drei Wochen dort. Trotz der Umstände war es eine angenehme Zeit.

LAOLA1: Kann man bei einer Verletzung wirklich von einer angenehmen Zeit sprechen?

Gorgon: Wenn man verletzt ist, sieht man das Leben mit ganz anderen Augen, aber ich habe aus der ersten Verletzung gelernt, dass man sich mit Spekulationen nicht nervös machen darf. „Was wäre wenn?“ oder „Wann bin ich wieder fit?“, darf man sich nicht fragen. Das zieht einen nur runter, macht keinen Sinn. Ich bin die Dinge jetzt anders angegangen, was aber nicht heißen soll, dass es nicht auch Tiefen gab. Doch die gehören dazu. Mike war nicht nur eine toller Therapeut, sondern auch ein toller Psychologe, der mir in schwierigen Phasen beigestanden ist. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

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