"Wir haben die Kurve gerade noch gekratzt"

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Das erste halbe Jahr des Gerald Baumgartner bei der Wiener Austria war alles andere als einfach.

„Zwischendurch war der Druck so groß, dass ich schlaflose Nächte hatte“, sagt der Salzburger im LAOLA1-Interview.

Obwohl sein Job einige Male an der Kippe stand, konnte der 50-Jährige den Schaden in überschaubaren Grenzen halten. Im Frühjahr wollen die Violetten nun durchstarten. Unter Neo-Sportdirektor Franz Wohlfahrt.

Der FAK-Coach spricht nicht nur über seinen neuen Chef, sondern auch über Mentaltrainer Manuel Horeth und den Stil, den die Veilchen im Frühjahr zeigen wollen.  

LAOLA1: Sie haben im Winter mit Franz Wohlfahrt einen neuen Chef bekommen. Wie läuft die Zusammenarbeit bisher?

Gerald Baumgartner: Er war als Spieler schon sehr ehrgeizig und man sieht auch in seinem neuen Job, dass er mit demselben Ehrgeiz an die Sache herangeht. Sein Handy steht fast nie still. Die Transfers, die er bisher getätigt hat, waren auch in meinem Sinne.

LAOLA1: Was sind Ihre Wünsche an Ihren neuen Chef? Oder anders gefragt: Was zeichnet für Sie als Trainer einen guten Sportdirektor aus?

Baumgartner: Die Chemie muss auf jeden Fall stimmen. Auch die Gedanken über den Fußball, wie die Mannschaft spielen soll, sollten konform gehen.

LAOLA1: Tun sie das?

Baumgartner: Was ich bisher gesehen habe, und auch aufgrund der Spieler, die bisher geholt wurden, gehen sie sehr konform. Die Zusammenarbeit ist sehr professionell. Aber er ist natürlich auch ein witziger Typ, wenn man zum Essen zusammensitzt.

LAOLA1: Blicken wir auf den Herbst zurück. Wie fällt Ihre Analyse mit ein bisschen Abstand aus?

Baumgartner: Wir können nicht zufrieden sein. Wir waren schon 15 Punkte hinter dem Zweiten, was ganz schön viel Holz ist. Punktemäßig sind wir jetzt immerhin wieder dabei – das ist das einzig Positive. Diesmal wollen wir vom Start weg die Spiele gewinnen. Die vielen Unentschieden zu Saisonbeginn haben für viel Druck gesorgt. Im Endeffekt haben wir gerade noch die Kurve gekratzt.

LAOLA1: Ist es schwieriger bei einem Großklub zu arbeiten, als Sie das erwartet haben?

Baumgartner: Ich habe es so erwartet. Als Trainer eines Großklubs gibt es viele Fronten, an denen man kämpfen muss. Das alles unter einen Hut zu bringen, fordert zu 100 Prozent. Damit muss man umzugehen lernen.

LAOLA1: Was haben Sie für sich persönlich für Strategien entwickelt, um mit diesem Druck zurecht zu kommen?

Baumgartner: Zwischendurch war der Druck so groß, dass ich schlaflose Nächte hatte. Man muss versuchen, bei den Dingen, die man als Trainer verändern kann, im Fokus zu bleiben. Das sind die Dinge am Trainingsplatz und die Interviews, die man gibt. Man muss versuchen, das Negative hinter sich zu lassen und positiv nach vorne zu blicken.

LAOLA1: Also ein paar Kämpfe, die man sowieso nicht gewinnen kann, gar nicht annehmen und sich aufs Wesentliche konzentrieren?

Baumgartner: Klar. Man kann es nicht jedem Recht machen. Als Trainer versucht man, eine klare Philosophie zu haben und diese auch durchzubringen. Wenn es vom Spielermaterial her nicht entsprechend funktioniert, muss man einen Schritt zurück machen – das haben wir auch gemacht.

LAOLA1: Wie war für Sie der Zeitpunkt, an dem Sie sich gesagt haben: „Mit dem Stil, den ich hier praktizieren lassen will, kommen wir nicht gut in den Winter – wir müssen etwas ändern.“?

Baumgartner: Einerseits wollten wir immer schon unsere technisch gut ausgebildeten Spieler und deren Qualität mit viel Ballbesitz nutzen. Andererseits sind es heutzutage ja schon Basics, bei Ballverlust schnell umzuschalten, den Ball schnell zurückzuerobern und schnell in den Angriffsmodus zu schalten. Das sind Dinge, die wir tagtäglich trainieren. Dieser Spielstil wird auch an der Austria nicht vorbei gehen. Heutzutage pressen dich schon fast alle vorne an. Dadurch ist im Spielaufbau vom Start weg sehr viel Druck und Stress. Die Spieler müssen mit diesem Druck umgehen können.

LAOLA1: Sie arbeiten seit dem Herbst mit Mentaltrainer Manuel Horeth zusammen. Warum?

Baumgartner: Die Austria hat schon unter Peter Stöger mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet. Manuel Horeth hat sich angeboten und wir haben ihm mit der Mannschaft die eine oder andere Stunde, in der sie sich gegenseitig beschnuppern konnten, gegeben. Er war auch während unseres Trainingslagers in der Türkei zweieinhalb Tage im Hotel, um mit den Spielern zu arbeiten. Bei den Spielern kommt das gut an.

LAOLA1: Wie sieht das in Praxis konkret aus? Arbeitet er mit der gesamten Mannschaft oder mit einzelnen Spielern?

Baumgartner: Wir haben zuerst mit kleinen Gruppen angefangen und es mittlerweile ganz individualisiert. Es gibt verschiedene Programme, die er oder jemand aus seinem Team mit den einzelnen Spielern macht.

LAOLA1: Sie haben zu Beginn der Saison folgenden Satz gesagt: „Man soll Spielern nicht beibringen, wie sie von einer Insel kommen, sondern ihnen die Sehnsucht nach der Ferne beibringen.“

Baumgartner: Das ist ein guter Spruch. Wenn man von der Insel weg will, wird man einen Weg finden, das Boot zu bauen. Wenn man das Boot gebaut hat, heißt das noch lange nicht, dass man auch von der Insel weg will. Das ist einer dieser uralten Sprüche, die immer wieder ihre Geltung haben.

LAOLA1: Es gibt im Kader viele Spieler, deren Zukunft ungewiss ist. Was sagt Ihnen Ihre Erfahrung – ist das mehr Motivation oder mehr Hemmschuh?

Baumgartner: Nehmen wir das Beispiel James Holland: Sein Vertrag läuft aus. Wie der im Training Gas gibt und im Spiel versucht, sein Maximum abzurufen, da habe ich den  Eindruck, es geht in die richtige Richtung.

LAOLA1: Wenn die Austria zu Saisonende Cupsieger und Zweiter in der Liga ist, war es eine perfekte Saison, oder?

Baumgartner: Dann haben wir einen Pokal – das hätte sich die Austria verdient. Ein CL-Quali-Platz ist in der Liga eines der höchsten Dinge, die man anstreben kann.

Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA1: Das heißt, die Austria wird im Frühjahr wieder höher pressen als gegen Ende der Herbstsaison?

Baumgartner: Ja. Wir haben unsere Pressinglinie, wir haben unsere Spielaufbau-Muster, wir wollen die Seiten verlagern und wir haben schnelle Spieler, auf die wir die Bälle durchstecken können. Das ist das Konzept, mit dem wir ins Frühjahr starten.

LAOLA1: Interessant war, dass die Mannschaft im Herbst die absoluten Schnittpartien, in denen es wirklich um Ihren Job gegangen ist, allesamt gewonnen hat.

Baumgartner: Es ist ja nicht so einfach zu sagen, wann es um meinen Job gegangen ist. Niemand weiß, wie es wirklich gewesen wäre, wenn diese Spiele anders ausgegangen wären. Aber es ist richtig, dass wir in diesen vollen Drucksituationen, in denen es brutal eng war – etwa das Wiener Derby oder das letzte Spiel gegen Grödig – gewonnen haben.

LAOLA1: Ist noch irgendein Spieler bei der Austria in der Komfortzone?

Baumgartner: Wenn ich sie mir auf dem Trainingsplatz ansehe, habe ich den Eindruck, dass keiner mehr in der Komfortzone ist. Es ist schon eine geile Sache, wenn man die Jungs trainieren sieht – da sind sehr viel Tempo und Engagement dabei.

LAOLA1: Ist Ihnen das Fitness-Thema im Herbst größer gemacht worden, als es tatsächlich war?

Baumgartner: Die Presse springt dann gleich einmal auf ein paar Sager auf. Wobei es eigentlich erst rausgekommen ist, als wir das alles schon in die richtige Richtung gesteuert haben.

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