Keine Lust auf Schulterklopfer

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"Das kann mir keiner mehr nehmen"

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Andreas Ogris polarisiert. Er hat es als Spieler getan und er wird es als Cheftrainer der Wiener Austria tun.

Dem 50-Jährigen ist das aber herzlich egal. Von Lobbying in eigener Sache hält er sowieso nichts. Deswegen war er auch nicht beim ÖFB-Länderspiel gegen Bosnien-Herzegowina: „Ich wollte diesen ganzen Schulterklopfern, die alle so gute Ratschläge haben, aus dem Weg gehen.“

Viel wichtiger ist ihm seine aktuelle Aufgabe: Als Interimstrainer die Veilchen bis Saisonende doch noch in den Europacup zu bringen. Wo andere großen Druck spüren würden, ist für den Wiener Zeit zum Genießen: „Kein Mensch kann mir das mehr nehmen, das wird immer in meinem Kopf und in meinem Herzen sein.“

Im LAOLA1-Interview spricht Ogris über Peter Stögers Schatten, Legenden, die gar nicht mehr entstehen können und den Ruf seiner Mannschaft, untrainierbar geworden zu sein.

LAOLA1: Was sagt Ihnen mehr zu: Legende oder Kult-Figur?

Andreas Ogris: Eigentlich wurscht. Ich habe mir in meiner aktiven Karriere bei den Fans so einen Status erarbeitet. Wobei man sagen muss, dass mich wohl 80 Prozent der Menschen, die jetzt im Stadion sind, nicht mehr spielen gesehen haben. Aber vielleicht haben die Väter, Onkel und großen Brüder meinen Ruf weitergetragen.

LAOLA1: Es ist aber ein Startvorteil für einen Trainer, oder?

Ogris: Es kann auch ein Nachteil sein.

LAOLA1: Weil die Erwartungshaltung hoch ist?

Ogris: Genau! Jeder erwartet sich, dass die Austria-Mannschaft so spielt, wie ich es zu meiner aktiven Zeit getan habe. Mit elf Ogris wird man aber nichts gewinnen. Man braucht vom Fußballerischen her schon auch Typen, die anders geartet sind. Aber die Leute erwarten sich auf jeden Fall, dass das Team dieselbe Einstellung mitbringt wie ich damals. Wir versuchen, den Spielern das so gut wie möglich einzuimpfen.

LAOLA1: Wie geht das?

Ogris: Indem man ihnen bewusst macht, für welchen Verein sie spielen. Die Austria ist eine Top-Adresse. Die Spieler müssen wissen, welche Spielkultur hier bevorzugt wird, welches Auftreten gefordert ist. Ab und zu muss man das den Spielern wieder in Erinnerung rufen. Wobei man prinzipiell schon wissen muss, was man zu tun hat, wenn man bei der Austria einen Vertrag unterschreibt.

LAOLA1: Die Mannschaft hat sich seit dem Abgang von Peter Stöger den Ruf erworben, untrainierbar zu sein.

Ogris: Es gibt keine Mannschaft, die untrainierbar ist. Man muss dem Team gerade Richtlinien weitergeben und diese jeden Tag einfordern.

LAOLA1: Haben Sie den langen Schatten des Peter Stöger in den vergangenen paar Tagen gesehen?

Ogris: Peter Stöger ist so dünn, dass er keinen Schatten wirft (grinst).

LAOLA1: Aber er hinterlässt Fußstapfen.

Ogris: Die Erfolge, die Manfred Schmid und er gefeiert haben, sind noch nicht so weit entfernt. Da ist es natürlich, dass man versucht, dem nachzueifern und dass die Fans diese Erfolge gerne wieder haben möchten. Klar, wird man daran gemessen. Aber ich bin ein ganz anderer Trainertyp. Ich versuche, meine eigene Philosophie reinzubringen.

LAOLA1: Wofür steht die Austria konkret?

Ogris: Für den technisch hochwertigen Offensivfußball mit Spielwitz und vielen Toren, den sie zu großen Teilen ihres Daseins gepflegt hat. Man muss sich aber bewusst sein, dass es in der heutigen Zeit nicht immer so geht. Die Austria kann nicht mehr – egal wo sie hinfährt – ihr System spielen. Man muss sich schon am einen oder anderen Gegner ausrichten.

LAOLA1: Diese Erwartungshaltung erschwert die Aufgabe natürlich.

Ogris: Natürlich müssen bei der Austria immer wieder Glanzlichter da sein. Aber auch dreckige Siege sind gefordert.

LAOLA1: In den vergangenen Jahren hatten bei der Austria vor allem Trainer, die von außen gekommen sind, den Klub also nicht wie ihre eigene Westentasche gekannt haben, Probleme. Woran liegt das?

Ogris: Es ist hier anders als bei anderen Vereinen. Da geht es um vielerlei Dinge: Das Medieninteresse, die Erwartungshaltung der Zuschauer. Es ist immer Druck da. Damit muss man umgehen können. Für Trainer, die in ihrer aktiven Karriere hier gespielt haben bzw. bei anderen großen Klubs in ähnlichen Situationen waren, ist es einfacher, damit umzugehen. Ich will aber niemandem zu nahe treten. Nenad Bjelica hatte etwa eine große Spielerkarriere, aber als Trainer kannte er das vor der Austria noch nicht so.

Andreas Ogris mit Christoph Glatzer (l.) und Robert Sara (r.)

LAOLA1: In Ihrem Trainerteam sind mit Christoph Glatzer, Robert Sara und Ihnen drei Generationen vertreten.

Ogris: Die riesige Erfahrung, die Sara mitbringt, ist Goldes wert. Und Glatzer ist ein akribischer Arbeiter, dessen absolute Stärken beim Training die Korrekturen im taktischen Bereich sind. Außerdem ist er sehr gut in der Video-Analyse. Dass ich mir das Trainerteam so zusammengestellt habe, hängt aber nicht mit dem Alter zusammen. Für mich beschränkt sich das Betreuerteam jedoch nicht nur auf das Trainerteam, da gehören etwa auch Zeugwarte und Physios dazu. Wir brauchen positive Menschen, wir brauchen Winner-Typen.

LAOLA1: Sind Sie als Trainer ein Teamplayer?

Ogris: Auf jeden Fall! Ich traue es mir zum Beispiel ohne weiteres zu, auch die Video-Analyse zu machen, weiß aber, dass Glatzer vielleicht noch einen Tick besser und genauer ist. Ich brauche keine Co-Trainer, die nur Leibchen und Hütchen tragen, sie sollen sich einmischen. Als Trainer kann man nicht immer alles sehen, man muss sich auf seine Co-Trainer verlassen können.

LAOLA1: Um den Kreis zur Einstiegsfrage zu schließen: Glauben Sie, dass dieser aktuellen Spielergeneration überhaupt noch Legenden entspringen können?

Ogris: Das zu sagen, ist schwer. Es hat viel mit der aktuellen Kurzlebigkeit zu tun. Es gibt fast keine Spieler mehr, die viele Profi-Jahre bei einem Klub bleiben. Bei uns sind das derzeit nur Markus Suttner und Alexander Gorgon – und die haben sich mittlerweile schon Legenden-Status erarbeitet. Aber es wird immer schwerer werden. Die herausragenden Nachwuchsspieler können diesen Status gar nicht mehr erreichen, weil sie die Herausforderung bald im Ausland suchen.

LAOLA1: Verliert der Klub dadurch nicht ein Stück weit seine Identität?

Ogris: Damit muss man als österreichischer Verein leben. Wir werden unsere besten Spieler immer wieder verlieren. Wenn ein Kicker dem Spiel der Austria zwei, drei Jahre den Stempel aufdrückt, wird ihn ein Verein aus dem Ausland kaufen.

LAOLA1: Und immerhin sitzen die Legenden auf der Trainerbank.

Ogris: Wenn wir alle Legenden und Kult-Figuren auf die Bank setzen wollen, müssen wir diese aber vergrößern (lacht).

Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA1: Die Spieler, mit denen Sie zuletzt bei den Amateuren gearbeitet haben, bescheinigen Ihnen, stets ein offenes Ohr für sie gehabt zu haben. Wie schwierig ist es, auf diesem Grat zwischen Wahren der Autorität und gutem Draht zu den Spielern zu wandeln?

Ogris: Das ist überhaupt nicht schwierig. Es dreht sich um Respekt. Die Spieler müssen einfach spüren, dass ich ihnen Respekt entgegenbringe. Und genau diesen Respekt erwarte ich mir von ihnen auch. Wenn das funktioniert, gibt es überhaupt keine Probleme.

LAOLA1: Gibt es einen Trainereffekt? Nicht in Ihrem konkreten Fall, sondern allgemein.

Ogris: Das wurde schon oft bewiesen. Aber er muss nicht immer eintreten, wir können uns nicht darauf verlassen. Aus einer schlechten Mannschaft wird man so schnell keine Weltklasse-Mannschaft machen können – da müssten wir David Copperfield fragen, ob er Zeit hat. Aber es werden unter einem neuen Trainer wieder viele Kräfte frei.

LAOLA1: Wie lebt sich Ihr Traum, Austria-Trainer zu sein?

Ogris: Ich sauge jeden Augenblick auf und genieße ihn. Kein Mensch kann mir das mehr nehmen, das wird immer in meinem Kopf und in meinem Herzen sein.

LAOLA1: Warum mussten Sie 50 Jahre alt werden, ehe es mit dem ersten Engagement in der Bundesliga geklappt hat?

Ogris: Das müssen Sie die Präsidenten der jeweiligen Klubs fragen. Ich kann diese Frage wirklich nicht beantworten. Ich kann nur sagen, dass ich – egal wo ich als Trainer gearbeitet habe – immer versucht habe, 100 Prozent zu geben. Ich habe mich in dieser Hinsicht nie geändert.

LAOLA1: Sie haben 2004 Ihre Diplomarbeit für die UEFA-Pro-Lizenz über das Thema Standardsituationen geschrieben. Hat die in dieser Form immer noch ihre Gültigkeit?

Ogris: Bis zu einem gewissen Grad sicherlich. Es hat sich aber schon viel weiterentwickelt. Wir werden auch bei der Austria großen Wert auf Standardsituationen legen. Meistens fehlt aber die Zeit im Training, um das wirklich gut einzustudieren. Meistens macht man das in der Vorbereitung, die habe ich aber jetzt nicht.

LAOLA1: Werden Sie in Trainingsanzug oder in Jeans und Hemd an der Seitenlinie stehen?

Ogris: Nach Lust und Laune. Ich werde mich in keine Schublade stecken lassen. Aber ich werde sicher keinen Anzug tragen.

LAOLA1: Und Sie werden wohl ziemlich ruhig sein. Zumindest bei den Amateuren sind Sie nicht als Rumpelstilzchen aufgefallen.

Ogris: Ich versuche, meine Emotionen so gut wie möglich im Griff zu haben. Es ist nicht immer förderlich für die Mannschaft, wenn da draußen einer herumspringt. In manchen Phasen im Match ist es vielleicht notwendig, die meiste Zeit ist es aber wichtig, als Trainer Ruhe auszustrahlen.

LAOLA1: Ich behaupte mal, dass Sie kein Experte dafür sind, Lobbying in eigener Sache zu betreiben. Sie schütteln in den VIP-Klubs dieses Landes vermutlich nur ungern die Hände diverser Leute.

Ogris: Das bin ich wirklich nicht. Obwohl es mich sehr interessiert hätte, die Stimmung mitzunehmen, bin ich bewusst nicht zum Länderspiel gegen Bosnien-Herzegowina gegangen. Ich wollte diesen ganzen Schulterklopfern, die alle so gute Ratschläge haben, aus dem Weg gehen.

LAOLA1: Mag es daran liegen, dass Ihre Trainerkarriere deshalb jetzt erst Fahrt aufnimmt?

Ogris: Möglich. Aber ich bin halt so. Und ich werde mich nicht verändern. Auch nach diesen zwei Monaten als Austria-Trainer nicht.

LAOLA1: Andererseits war es ein rasanter Aufstieg, seit Sie im Februar 2012 als Individualtrainer in der Austria-Akademie angeheuert haben.

Ogris: Ich habe sehr hart daran gearbeitet. Ich habe als Individualtrainer, als U18-Trainer und als Coach der Amateure bewiesen, dass ich kein Schlechter bin. Es geht nur über harte Arbeit. Und man braucht ein Quäntchen Glück.

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