Piesinger: Ein Ohr für Foda, keines für Fischer

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Am Tag der Arbeit steht er im Mittelpunkt: Der Maibaum.

Er ist das Symbol für Fruchtbarkeit und zugleich Ausdruck des Sieges des Frühlings über den Winter.

Attribute, die durchaus auf Simon Piesinger umlegbar sind. Der 22-Jährige kann im Frühjahr als ein Gesicht des Sieges der Konstanz über die Unbeständigkeit beim SK Sturm bezeichnet werden.

Auch wenn er selbst der Tradition des Maibaum-Aufstellens noch nicht nachgekommen ist: "Nein, aufgestellt habe ich noch keinen. Als ich klein war, bin ich aber auf den einen oder anderen Maibaum gekraxelt", scherzt Piesinger im Gespräch mit LAOLA1.

In Innsbruck hat man ihm bei seinem Abschied im vergangenen Sommer keine Träne nachgeweint, nun kraxelt Piesinger bei den Schwarz-Weißen die Karriere-Leiter hinauf. Und macht Tor um Tor.

Aktuell hält er bei acht Treffern und drei Assists. Und das als defensiver Mittefeldspieler. Derzeit geht dem Oberösterreicher alles auf. "Ja, das kann man so sagen. Ich bin meistens richtig gestanden, das muss man aber auch erst einmal schaffen", hält er fest.

Ein Meister der Effizienz

Unaufgeregt und ruhig wirkt Piesinger nicht nur auf dem Rasen. Auch abseits davon hält der "Maibaum", wie er von Kollege Lukas Spendlhofer getauft wurde, den Ball flach. "Momentan läuft es für mich persönlich gut. Eigentlich für die ganze Mannschaft. Wir haben einfach einen Lauf", stellt er das Team und weniger sich selbst in den Mittelpunkt.

Dabei lohnt sich ein Blick auf die Daten und Fakten seiner bisherigen Saison allemal. Ein Stammplatz in der Zentrale ist Piesinger seit mehreren Wochen sicher. Diesen untermauert er mit Ballkontakt-Werten an und jenseits der 100er-Grenze, starken Pass- und Zweikampfwerten sowie bemerkenswerten Aktions-Radien.

Nicht nur im Vergleich mit einem Gegenspieler (siehe Tabelle), auch innerhalb der eigenen Mannschaft fällt seine Effizienz auf. Anel Hadzic etwa hat doppelt so viele Torschussvorlagen bei wesentlich mehr Einsatzzeit (2.105 Minuten), aber ebenfalls "nur" drei Assists zu Buche stehen.

Und in puncto Tore steht er teamintern an der Spitze. Nach dem Abgang von Marco Djuricin ist Piesinger die Nummer eins vor Roman Kienast (7) und Donis Avdijaj bzw. Thorsten Schick (5). All das sind Zahlen, die ihn aber nicht großartig beschäftigen.

"Auf Statistiken schaue ich nicht so oft. Eher auf die Videoanalysen, die der Trainer am Tag nach dem Spiel macht. Da gibt er sofort Tipps, was wir besser machen können. Und das nehme ich mir dann zu Herzen", gibt Piesinger Coach Franco Foda einen entscheidenden Anteil an seinem persönlichen Erfolg.

Spezial-Training zahlt sich aus

Vorgänger Darko Milanic hatte den elffachen U21-Nationalteamspieler kaum eingesetzt, während ihn der Deutsche sukzessive in der ersten Elf etablierte.

Der Dank folgte auf dem Fuß beziehungsweise dem Kopf. Besonders nach Standards, wie beispielsweise beim Last-Minute-Sieg gegen die Wiener Austria, zeigte Piesinger seine Klasse.

Der Erfolg der Grazer bei ruhenden Bällen ist jedenfalls kein Zufall. "Ein, zwei Tage vor dem Match werden immer speziell Standards trainiert. Da studieren wir mehrere Variationen ein und freuen uns besonders, wenn es dann sofort funktioniert", erklärt der Top-Torjäger.

Seine eigene Ausbeute sorgt auch bei ihm selbst für Verwunderung: "Bei Standards war ich früher auch schon gefährlich, aber ich habe noch nie so oft getroffen wie jetzt."

Bleibt er seiner aktuellen Quote treu, wird früher oder später auch der eine oder andere Verein auf ihn aufmerksam werden. Piesinger hat aber Vertrag bis 2016 plus Option und denkt derzeit nicht an eine Zukunft außerhalb von Graz.

 

Simon Piesinger

Stefan Schwab

Gespielte Minuten

1.516

1.796

Passquote

74,1%

72,1%

Zweikampfquote

49,7% (179/181)

50,9% (218/210)

Luft-Zweikampfquote

59,3% (83/57)

59,1% (94/65)

Erfolgreiche Tacklings

88,5% (54/7)

84,2% (48/9)

Schüsse aufs Tor

16

18

Tore

8

4

Torvorlagen

3

3

Torschussvorlagen

15

21

"Momentan schaue ich auf mich. Der Rest ergibt sich von selbst", sagt er und meint damit auch eine Berücksichtigung im Nationalteam.

Diesbezüglich kann er seine Situation realistisch einschätzen: "Es ist ein klares Ziel von mir, aber ich weiß, dass da noch ein weiter Weg vor mir liegt und ich mich in einigen Bereichen verbessern muss."

"Piesi", der Spitznamen-Kaiser

Das kann er derzeit in Graz am besten. In einem Team, das sich gefunden hat, in dem die Mischung stimmt und der Schmäh rennt.

"Maibaum" ist nämlich längst nicht der einzige Name, den ihm seine Kollegen gegeben haben: "Ich habe schon viel gehört. Einmal haben sie gesagt die Krake, dann die Spinne. Jetzt ist auch gerade 'No Piesi, no Party' modern."

Manchmal greift die "Spinne" auch von hinten an

Ein Motto, das es auch schon zum Fangesang und Doppelhalter geschafft hat. "Das ist schon extrem geil, wenn die Leute das singen. Das habe ich noch nie erlebt", kann man bei all der Unaufgeregtheit plötzlich ein wenig Stolz in seiner Stimme erkennen.

Die persönlichen Anfeuerungen der Fans erzielen offensichtlich auch den richtigen Effekt: "Da gebe ich nur weiter Gas, damit das auch so bleibt."

Mit dem Ist-Zustand kann man sich in der Murmetropole derzeit gut anfreunden. Abgesehen vom Tabellenplatz will in Graz niemand etwas ändern. Die Stimmung ist so gut wie schon lange nicht mehr, die UPC-Arena für das Spiel gegen Rapid (Sonntag, 16:30 Uhr im LAOLA1-LIVE-Ticker) erstmals seit dem CL-Playoff gegen BATE Borisov im August 2011 ausverkauft.

Daran war zu Beginn der Saison noch nicht zu denken. "Am Anfang war es immer so ein Auf und Ab. Wir haben ein Spiel gewonnen, dann wieder verloren. Jetzt haben wir eine Serie und man merkt sofort, dass die Erwartungshaltung größer wird. Auch bei den Fans", sagt Piesinger.

Die Anhänger der Schwarz-Weißen verzeihen aber auch. Zum Beispiel Phasen im Spiel gegen Wiener Neustadt (4:4) am vergangenen Samstag. "Sie haben uns nach dem Spiel gefeiert, als ob wir gewonnen hätten, das ist einfach überragend im Moment", lächelt der 1,92-m-Hüne.

Das hat aber auch seinen Grund: "Sie verzeihen uns deshalb, weil sie merken, dass wir bis zum Schluss gekämpft haben und nicht aufgeben. Wenn wir dann auch belohnt werden wie beim 4:4 mit dem Ausgleich, sind sie auch zufrieden."

Gegen Rapid könnte ein Punkt zu wenig sein. Von den bisherigen vier Begegnungen in dieser Saison (3x Liga, 1x Cup) konnte Sturm keine einzige gewinnen.

Schlager-Star ist kein Anreiz

"Sie sind spielerisch einfach sehr stark, aber wir waren in den bisherigen Spielen oft nicht die schlechtere Mannschaft", findet Piesinger.

Am Ende können Kleinigkeiten entscheiden, auch wenn danach im Kampf um Platz zwei, bei dem auch der SCR Altach noch ein gewichtiges Wort mitredet, noch fünf weitere Spiele zu absolvieren sind:

"Das Spiel am Sonntag wird nicht entscheidend sein, aber es ist unser großes Ziel und das muss es auch sein. Es wird eine knappe Geschichte bis zum Schluss."

Als "Belohnung" für Endrang zwei wurde den Sturm-Spielern vor nicht allzu langer Zeit ja ein Besuch von Schlager-Sängerin Helene Fischer in Aussicht gestellt. Ein Anreiz, mit dem Piesinger aber nicht viel anfangen kann:

"Nein, das ist eigentlich nicht wirklich mein Geschmack. Ich will einfach nur unser Ziel erreichen. Dafür muss jeder arbeiten, egal ob Helene Fischer kommt oder nicht."

 

Andreas Terler

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