Pressing? "Braucht mehr dazu als leere Worthülsen"

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Es ist nicht lange her, da ging in Österreichs Bundesliga ein Pressing-Wahn um.

Salzburg marschierte mit furiosem Angriffspressing zum Meistertitel. Nicht weit dahinter sorgte Grödig mit einem ähnlichen Spielstil für Aufsehen.

Andere Klubs wollten das in dieser Saison nachmachen. Vor allem die Austria und Ried riefen im Sommer das aggressive nach vorne Verteidigen zur obersten Parole aus. Aus diesem Grund holte man sich die in Salzburg erprobten Trainer Gerald Baumgartner und Oliver Glasner in den Stall, um einen ähnlich erfolgreichen Weg einzuschlagen.

Bisher jedoch schlägt diese Strategie bei beiden Vereinen fehl. Auch Salzburgs Forechecking-Maschinerie läuft nicht mehr so geschmiert wie in der Meister-Saison.

 „Das Angriffspressing war in der letzten Saison eine Mode-Erscheinung. Jeder Trainer, der etwas auf sich gehalten hat, hat davon geredet. Aber es braucht mehr dazu, als nur leere Worthülsen“, erklärt Experte Martin Scherb im LAOLA1-Gespräch.

Austria-Kader für Angriffspressing geeignet?

„Die Mannschaft muss diese Spielanalage verinnerlichen. Man kann als Trainer keinem Team eine Spielanlage aufsetzen, von der es selbst – aus welchen Gründen auch immer – nicht überzeugt ist.“

Gerade bei der Austria würde dieser Aspekt zum Tragen kommen. „Trainer und Sportvorstand waren vor dieser Saison davon überzeugt, dass man mit diesem Kader dieses Spiel erfolgreich umsetzen kann. Scheinbar ist das aber nicht so“, hält Scherb fest.

Die Spieler am Verteilerkreis erlebten in den vergangenen eineinhalb Jahren vier verschiedene Trainer. Mit jedem Coach hielt eine neue Spielphilosophie Einzug. Das macht es für die Kicker nicht einfacher.

Von Salzburg wünscht sich Scherb mehr Flügelspiel

Mannschaften haben sich besser auf RBS eingestellt

 „Ihre Stärken sind die Kombinationen durch die Mitte. Aber das Spiel über die Flanken würde ihnen die Variabilität bringen, die sie brauchen. Ich würde mir wünschen, dass sie über die Seiten doppelt kommen“, meint Scherb.

Adi Hütters neuer Plan B sieht jedoch anderes vor. Wie in den Spielen gegen Ried und Dinamo Zagreb deutlich wurde, legt der Salzburg-Coach den Fokus mit seinem neuen 4-3-1-2-Rauten-System (LAOLA1-Kommentar) nun noch mehr auf das Zentrum. Die Seiten werden außen vor gelassen.

Schon unter Roger Schmidt griff Salzburg am liebsten durch die Mitte an. Insgesamt hat sich durch den Trainerwechsel bei den „Bullen“ puncto Taktik nur wenig geändert. Die Spielphilosphie blieb gleich, das System änderte sich jetzt aber.

„Adi hat gesehen, dass sich die Mannschaften besser auf das Angriffspressing einstellen. Dazu ist durch den Dämpfer in Malmö ein wenig die Leichtigkeit verloren gegangen. Deswegen haben sie in einigen Spielen ein bisschen weiter hinten attackiert und Mittelfeldpressing gespielt.“

WAC: Die Antithese zum Pressing-Wahn

Es passt zum Trend, dass sogar Liga-Krösus Salzburg zwischenzeitlich vom extremen Fore-Checking absah. Auf jede Maßnahme folgt eine Gegenmaßnahme. Statt des aggressiven Angriffspressings führt heuer bisher ein abwartender Spielstil zum Erfolg. Außenseiter wie der WAC und Altach sind dank einer kompakten Defensive und effektivem Konter-Spiel in der Tabelle vorne mit dabei.

„Natürlich haben sich die Gegner auf das Spiel von Salzburg eingestellt. Es wird drauf gepfiffen, den Ball von hinten rauszuspielen. Stattdessen wird sofort lang nach vorne gespielt“, erklärt Scherb. Auf diese Weise wird dem Fore-Checking der Garaus gemacht.

Vor allem Didi Kühbauers Wolfsberger setzen dieses destruktive, aber effektive Spiel eiskalt um. „Didi hat auf die individuellen Stärken seiner Spieler Rücksicht genommen. Er setzt auf eine stabile Abwehr, die Sechser räumen alles weg. Dazu hat er vorne Spieler, die ins System passen: Einerseits Stürmer, die den Ball mit dem Rücken zum Tor behaupten können. Andererseits schnelle Flügelspieler.“

„Da sieht man, wie wichtig es ist, dass der Verein eine Spielphilosophie vorgibt. Daraus sollte die Trainingsarbeit und Kaderzusammenstellung resultieren. Denn so etwas kann man nicht von heute auf morgen verändern, das sind mittelfristige Prozesse“, erklärt der ehemalige Coach des SKN St. Pölten.

Rieder Fortschritte gegen Salzburg

Ebenso wie die Austria muss sich nun auch Ried an den vor der Saison ausgegebenen Maßstäben bewerten lassen. Die Innviertler spielen mit einer jungen Mannschaft, die die von Coach Glasner vertretenen Prinzipien bisher noch nicht perfekt umsetzt.

Immerhin waren zuletzt Fortschritte festzustellen. Weniger beim 0:0 gegen die Admira, mehr beim 2:4 gegen Salzburg vor einer Woche. „Sie haben das Zentrum verdichtet, sich gut den Salzburgern angepasst und müssen nach der ersten Hälfte schon 3:1 vorne liegen“, so Scherb. Letztendlich hätte im Angriff jedoch die Effektivität gefehlt, um den schlauen Machtplan in Punkte umzumünzen.

Glasner stellte extra für dieses Spiel auf eine Dreierkette um. Ein Mittel, das in den vergangenen Monaten oft gegen Salzburg angewandt wurde. Denn damit wird die Schwäche der RBS-Spielanlage aufgedeckt. Wird das Zentrum dicht gemacht, dann tun sich die „Bullen“ schwer.

Altach zeigt variablen Defensiv-Fußball

Insgesamt sei Wolfsberg jene Mannschaft, die ihr Potenzial am besten nütze, meint Scherb. „Ob das eine dauerhafte Entwicklung sein wird, steht in den Sternen. Wie man in den letzten Spielen gesehen hat, brauchst du für diese Spielweise auch eine gewisse Portion Glück beim Spielverlauf. Auch die Gegner haben sich nun besser auf die Wolfsberger eingestellt.“

Im Schatten des WAC hat sich Aufsteiger Altach bis auf Platz 4 vorgearbeitet. Die Vorarlberger haben einen bemerkenswerten Reifeprozess hinter sich. Vergangenes Jahr spielten sie als dominierendes Team der Ersten Liga einen proaktiven Fußball, heuer setzen sie als Außenseiter auf eine reaktive Spielweise.

„Ich kenne Damir Canadi schon lange. Er bereitet sich sehr penibel auf jeden Gegner vor und versucht die Schwachpunkte auszunützen“, lobt Scherb Altachs variable Spielweise. Im Vergleich dazu sei der WAC einfacher zu durchschauen. „Aber ich will die Leistung der Wolfsberger keinesfalls gering schätzen. Sie sind momentan erfolgreicher.“

Flexibilität ist in Österreich angekommen

Insgesamt zeigt sich, dass alle Bundesliga-Trainer flexibler agieren, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. So haben mit Ried, der Admira und Wr. Neustadt auch schon mehrere Teams eine Dreierkette ausprobiert.

„Außer Salzburg muss jede Mannschaft in Österreich ihre Spielanlage an den Gegner anpassen“, sagt Scherb. Auf Trends wird reagiert, die Coaches überlegen sich Gegenmaßnahmen. Deswegen hat es das Angriffspressing nicht mehr so leicht, wie noch vor einem Jahr."

Trotzdem wird auch diese Spielweise wieder zu mehr Erfolg führen. Vor allem, wenn den Trainern bei der Austria und Ried noch mehr Zeit gegeben wird, ihre Philosophie umzusetzen.

Der Pressing-Wahn ist also nicht vorbei. Er kann jederzeit wieder ausbrechen.

 

Jakob Faber

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