Offener Brief von Andy Marek an die Rapid-Familie

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Liebe Rapidfans,

dieses Schreiben ist mir ein ganz persönliches Bedürfnis. Es ist mein aufrichtiger Versuch, das zu erklären, was unsere Rapidfamilie in den letzten Monaten entzweit hat. Und es drückt meinen derzeit dringendsten Wunsch aus: fassen wir uns alle ein Herz und rücken wir wieder zusammen, zeigen wir, was uns Rapidler immer ausgemacht hat: der Zusammenhalt!

Dieses Schreiben richtet sich deshalb an alle von Euch, vom jüngsten Greenie über den Ultra bis zum Mitglied, VIP und den Fanklubs, vom Allesfahrer bis zum Sympathisanten. Euch allen will ich meine Sicht der Dinge, meine Enttäuschungen und Lehren daraus, was aber noch viel wichtiger ist, auch meine Hoffnungen und Wünsche näher bringen.

Zum besseren Verständnis möchte ich etwas ausholen. Am Anfang war fraglos der Platzsturm, den ich auch heute noch genauso verurteile wie am 22. Mai. Ich stehe dazu, dass die Verursacher mittels Stadionverbot zur Rechenschaft gezogen werden müssen, in erster Linie jene, die Pyrotechnika warfen oder schossen. Dessen sind sich die meisten von ihnen aber auch bewusst. Ungeachtet dessen hat so mancher „Mitläufer“ aber auch mein persönliches Mitgefühl, denn natürlich sind wir Rapidler allesamt Gefühlsmenschen, und der über eine ganze Seuchensaison aufgestaute Frust hat sich eben bei vielen ein Ventil gesucht, und im Platzsturm spontan auch eines gefunden.

Was aber auf den Platzsturm folgte, überraschte mich in Ausmaß, Heftigkeit und Dauer, und bewegt mich noch immer. Ausgehend von einer, auch dass muss einmal gesagt sein, oft hetzerischen Medienberichterstattung, in der Rapidfans pauschal beleidigt, beschimpft und kriminalisiert wurden, entstand ein aufgeheiztes Klima, in dem sogar Hausdurchsuchungen möglich wurden. Durch übereilte Aussagen haben wir  von Vereinsseite leider auch nicht zur Deeskalation beigetragen, was ich natürlich im Nachhinein  zutiefst bedaure. Die Exekutive, die ich insgesamt als professionellen Partner sehe, geht nun mit bisher ungeahnter Härte, und, auch das will ich hier festhalten, manchmal sehr überraschend streng gegen Rapid-Fans vor. So wurden im Vorfeld des Derbys vom 21. August Alkotests bei den Eingängen durch die Polizei durchgeführt, von denen wir gar nichts wussten.

Anfang Juni wurde die Faninitiative „United we stand“ gegründet, und der Mannschaft bis auf Weiteres die Unterstützung versagt. Aus Fansicht kann ich diesen Schritt teilweise verstehen, denn Stimmung ist keine Pflicht, sondern ein zumeist wirkungsvolles Geschenk der Fans an Mannschaft und Verein. Trotzdem entsteht durch den Boykott eine für alle Rapidler bedrückende Situation: Für die Mannschaft, die den Support braucht, um Alles und noch mehr geben zu können, für uns beim SK Rapid, die wir stolz sind auf unsere auch international einzigartige Fankultur, für viele Stadionbesucher, die nicht nur wegen des Spiels, sondern auch wegen dem „Gesamterlebnis Rapid“ kommen, und schließlich für den Block West und die Ostkurve selbst, die sich bis dahin Woche für Woche die Seele aus dem Leib schrien und, wie das Derby vom Sonntag zeigte, sogar dem Erzrivalen das gesangliche Feld überlassen mussten.

Alles, was seit dem Platzsturm passiert ist, hat dazu beigetragen, dass die Rapidfamilie heute uneins ist. „United we stand“ steht auf der einen Seite, eine große Anzahl von Rapidanhängern auf der anderen, der SK Rapid, und vor allem meine Person, dazwischen. Jeder kleine Fehler, egal von welcher Seite, wird sofort aufgebauscht oder zerpflückt, und die Gräben weiten sich dadurch nur noch tiefer. Die einen meinen, die Zugeständnisse des SK Rapid an „United we stand“ seien nur Lippenbekenntnisse, ihrer Meinung nach spielt der Verein ein doppeltes Spiel. Die anderen laufen wieder Sturm, weil wir uns mit „United we stand“ überhaupt an einen Tisch setzen.
Wer mich kennt, weiß, dass ich immer den Dialog suche, so auch jetzt. Auch wenn es mir diesmal schwerer gefallen ist, und ich aufgrund persönlicher Enttäuschungen in den ersten Tagen nach dem Platzsturm sogar ernsthaft daran dachte, alles hinzuschmeißen. Das habe ich überwunden, als echter Rapidler bin ich kämpferisch und suche eine Lösung, die uns alle wieder vereint und den SK Rapid wieder zu dem macht, was er vor kurzem noch war: ein offener Verein, ein Verein zum Anfassen, ein Verein für Alle.

Wie können wir aber gemeinsam diesen einen wichtigen Schritt nach vorne machen, um aus der für uns alle unbefriedigenden Situation herauszukommen? Eines ist klar: Der 22. Mai und seine Folgen lassen sich nicht mehr ungeschehen machen. Und ich gebe zu bedenken, dass wir heute in einer Medien- und Sicherheitsgesellschaft leben, deren Kontrolle auch wir, der SK Rapid, unterliegen. Was es aber ungeachtet dessen meiner Meinung nach braucht, ist ein Neuanfang, der auf gegenseitigem Respekt und auf Fairness fußt!

Der SK Rapid ist willig, diesen Neuanfang zu tätigen, was ich mit diesen Zeilen auch bekräftigen möchte. Wir haben Vertreter von  „United we stand“ zu Gesprächen geladen und zu den vielversprechenden Ergebnissen auch offiziell Stellung bezogen. So manche Maßnahme schien uns in den heißen Wochen nach dem Platzsturm notwendig. Wir haben den Katalog nun mit dem nötigen Abstand evaluiert. Die Aboweitergabe wird wieder möglich sein und das Training ist an drei Tagen wieder frei zugänglich. Obwohl die Sicherheitsfirmen nach wie vor angehalten werden, genauestens zu kontrollieren, wollen wir uns bemühen, dass dies auf eine menschliche und würdige Art passiert.
Zu guter Letzt will ich auch noch zum Thema Happel-Stadion eingehen: Das Hanappi-Stadion ist unsere Heimat, und wir werden alles Mögliche daran setzen, dass wir unsere Heimderbys ab der nächsten Saison wieder in Hütteldorf austragen können. Dazu bedarf es allerdings auch einiger sicherheitstechnischer Veränderungen.

Abschließend bleibt mir nur noch, meinen innigsten Wunsch auszusprechen: Ziehen wir alle wieder an einem Strang! Während ich diesen Appell formuliere, muss ich an das uralte Rapid-Lied denken, dass mir Alfred Körner oft  vorsingt: "Wir halten fest und treu zusammen..." heißt es da, und dieser Zusammenhalt ist es, der Rapid geprägt hat und uns zu jener Familie macht, als die wir berühmt sind. Ich habe dabei Verständnis dafür, dass viele immer noch unter Schock und Zweifel stehen, und dass es deshalb vielen schwer fallen mag, Rapid mit dem gewohnten Enthusiasmus zu leben. Trotzdem bitte ich Euch alle, in Euch zu gehen, und zu bedenken, dass wir diese schwierige Phase nur gemeinsam überwinden können. Was mich betrifft, so werde ich alles dafür unternehmen, dass unsere Fanszene wieder dort hinkommt, wo sie in den letzten Jahren war. An die aktive Fanszene appelliere ich, den Support wieder aufzunehmen - auch, wenn es nicht gleich so sein wird, wie es früher war. Wir haben eine neue, noch nicht eingespielte und derzeit verunsicherte Mannschaft, die gerade jetzt Eure Unterstützung benötigt!

Seit fast 15 Jahren versuche ich an einem grün-weißen Haus zu bauen, das für alle offen steht. Das Letzte was ich will ist, dass dieses, unser gemeinsames Haus einstürzt. Bauen wir gemeinsam weiter.

Mit grün-weißen Grüßen,

Euer,
Andy Marek

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