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Ursachenforschung in der "Liga der Nullen"

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Wenn der Kick im Land der Berge interessant genug wäre, gebe es in England seit diesem Wochenende einen neuen Torres-Witz:

Fernando Torres ist genauso torgefährlich wie die gesamte österreichische Bundesliga.“

Zugegeben, dieser Seitenhieb ist beiderseits ein bisschen unfair. Denn der Chelsea-Star hat ja erst zwei Liga-Treffer zu Buche stehen…

Fakt ist: Zum Spaßen ist dem rot-weiß-roten Fußball-Publikum nach drei Frühjahrs-Runden definitiv nicht zumute.

Ganze drei Treffer brachten die zehn Bundesligisten am Wochenende zustande. Passend zur Diskussion über das dürftige Liga-Niveau, die wohlgemerkt schon längst vor dem Ankick zum 22. Spieltag eröffnet wurde. Im Prinzip unterbietet eine Woche die jeweils vorige.

„Wenn Mattersburg eine Siegesserie startet…“

Schlagworte wie „verrückte Liga“ oder „jeder kann jeden schlagen“ sind bei derartiger Schonkost freilich eine unbefriedigende Analyse.

14 Runden vor Schluss (exklusive der drei Nachtragsspiele) spiegelt die Tabelle die aus allen Fugen geratene Bundesliga-Hackordnung wider, was man auch mit Galgenhumor nehmen kann.

So begrüßt Rapid-Innenverteidiger Mario Sonnleitner etwa einen gänzlich unerwarteten Kandidaten im Titelkampf: „Es ist brutal eng. Wenn die Mattersburger eine Siegesserie starten, kommen die auch noch hinzu.“

Ein Sager mit Augenzwinkern. Aber bei gerade einmal zwölf Punkten Rückstand des burgenländischen Abstiegskandidaten auf den Tabellenführer aus Hütteldorf bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Ähnlich wie bei einigen anderen Zahlenspielen, die bestens ins Bild passen:

  • Lediglich 35 von 66 möglichen Punkten reichen Rapid, um die Tabelle anzuführen. Den acht Siegen der Hütteldorfer stehen sage und schreibe 14 nicht gewonnene Partien gegenüber – davon elf Remis.
  • Das erfolgreichste Team ist Salzburg mit neun Siegen am Konto. Dies setzt einen Trend fort. Schon vergangene Saison konnte nur Meister Sturm mehr als die Hälfte seiner Spiele gewinnen – und das nur knapp (19 Siege). Salzburg und die Austria gewannen 17 Mal.
  • Bereits 17 Begegnungen endeten in dieser Saison 0:0 (darunter fünf von zwölf Frühjahrs-Matches). In der kompletten Spielzeit 2010/11 gab es nur 13 Nullnummern.
  • Darko Bodul (Sturm) und Stefan Maierhofer (Salzburg) führen nach 22. Spieltagen mit nur jeweils neun Treffer ex aequo die Torschützenliste an.
  • 14 Treffer gab es in diesem Frühjahr bislang zu bestaunen – mit deren sieben hat Ried davon die Hälfte kassiert.

Letztere Statistik verwundert. Denn gerade die Innviertler genießen für gewöhnlich den Ruf, solide nach hinten zu arbeiten.

„Mit Ried aus den Herbst-Tagen, wo wir pro Match nur einen Gegentreffer entgegen nehmen mussten, hat das nichts zu tun“, schüttelte Trainer Paul Gludovatz nach dem 0:1 gegen Salzburg bei „Sky“ den Kopf. Jene „Bullen“ wiederum, denen gegen Metalist Kharkiw schonungslos die Grenzen aufgezeigt wurden.

Gludovatz ernüchtert: „In dieser Runde ist einerseits die Torverhinderungs-Maschinerie der gestrigen Mannschaften mit nur zwei Treffern eingetreten, andererseits hatten wir es heute mit zwei Mannschaften zu tun, die insgesamt in den letzten zwei Partien – sowohl international als auch national – 14 Tore erhalten haben. Was soll man jetzt dazu sagen?“

Kuriose Tabellensituation verleitet zu Defensive

Sagen kann man, dass zumindest auf nationaler Ebene vielerorts die Defensive funktioniert. Dies mag auf der einen Seite eine Folge der kuriosen Tabellensituation, die nicht gerade zu Risiko verleitet, sein.

„Die Liga ist sehr eng, keiner darf sich in dieser Phase große Ausrutscher erlauben. Das weiß natürlich jede Mannschaft, insofern wird auch sehr viel Wert auf Defensive gelegt“, analysiert Meister-Trainer Franco Foda.

Sturm wäre bei einer Pleite gegen Rapid bereits sechs Punkte hinter den Wienern gelegen. „Das hat man natürlich im Hinterkopf. Wenn wir verloren hätten, wäre der Rückstand auf Rapid schon enorm gewesen. Man hat versucht, dass die Null steht“, gibt Jürgen Säumel zu.

Und auch andernorts heiligt der Zweck die Mittel. Mattersburg ging gegen die Admira früh in Führung – quasi eine Einladung, um die Südstädter vergeblich anrennen zu lassen und sie ohne eine echte Torchance in die Kabine zu schicken.

„Der heutige Fußball hat sich dahingehend entwickelt, dass die Null stehen muss. Das zeigen auch die Ergebnisse in der Bundesliga. Mattersburg ist der Prototyp für defensives Auftreten. Wir haben derzeit kein Rezept, um ein Tor zu erzielen“, gesteht Admira-Coach Didi Kühbauer.

Ergebnisorientierte Zugpferde

Auf der anderen Seite ist der nüchterne Spielstil mancherorts durchaus auch gewollt – aktuell vor allem bei einigen Zugpferden der Liga, was die Gesamtoptik zusätzlich trübt.

Sturm präsentierte sich schon im Meisterjahr ergebnisorientierter als in den Saisonen zuvor und achtet aktuell nach 28 Gegentoren im Herbst vermehrt auf kompaktes Auftreten in der Defensive. Letzteres gilt auch für Rapid unter Peter Schöttel, wo das geschickte Abwehrverhalten die Torflaute zumindest ein wenig kaschiert.

Die Austria wiederum leidet nicht nur unter den Abgängen der Kreativköpfe Nacer Barazite und Zlatko Junuzovic, sondern Neo-Coach Ivica Vastic hat das Defensivverhalten (30 Gegentreffer) als Hauptproblem für den schwachen Herbst ausgemacht und legt dementsprechend viel Wert auf eine gesicherte Abwehr. Die Zeiten, als man unter Coach Karl Daxbacher auf Teufel komm‘ raus gestürmt hat, sind vorerst vorbei.

Eine Frage der Qualität

Mehr als alles andere ist es aber wohl eine Qualitätsfrage. Und dies betrifft nicht nur die Großklubs, die in den vergangenen zwei, drei Jahren einige etablierte Leistungsträger ins Ausland abgegeben haben, sondern auch klassische Mittelständler.

So klagte Wacker-Trainer Walter Kogler nach der Nullnummer in Wiener Neustadt über die klägliche Offensiv-Performance seiner Elf:

„Ich bin nicht sauer, sondern ernüchtert, dass meine Mannschaft so viele Mängel und Defizite hat. Wenn man so viele Fehler in der Ballannahme macht, im Erfassen von Situationen und das einfachste Handwerk nicht beherrscht, kann man keine Chancen herausspielen. Von dem Anspruch, dass wir uns weiterentwickeln, sind wir weit weg. Das ist absolut enttäuschend.“

Entlarvender Nachsatz: „Aber wenigstens sind wir in der Defensive brav gestanden.“

Verteidigen können in der „Catenaccio-Liga“ also inzwischen die meisten Teams. Mit Kapfenberg präsentierte sich bei der 1:0-Sensation bei der Austria sogar die Herbst-Schießbude wie ausgewechselt, und das eine Halbzeit lang mit einem Mann weniger.

Ruttensteiner: „Trainer leisten in Defensive hervorragende Arbeit“

Dies mag wenig attraktiv sein, verdient als nicht unwesentlicher Bestandteil des Fußballs aber durchaus auch lobenswerte Erwähnung, wie ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner („Torabschluss ist für mich Teil der Qualität“) in der Sky-Sendung „Talk und Tore“ hervorstrich:

„Die Trainer leisten vor allem in der Defensive, in der Raumdeckung, im Organisieren der Mannschaft hervorragende Arbeit. Diese Ergebnisse, die wenigen Tore, sind ein Produkt davon. Es fehlt eher an Kreativität im Spiel nach vorne. Da leidet die Liga darunter, wenn man die Besten immer abgibt.“

Dass es unsere Besten dorthin zieht, wo sie sich mit den Besten der Welt messen können, liegt auf der Hand. Und von denen ist man hierzulande auch messbar meilenweit entfernt.

Ruttensteiner: „Im Umschaltverhalten der Bundesliga-Vereine sieht man einen großen Unterschied. Da spricht man international von sechs bis acht Sekunden, die heute noch Zeit sind, um einen schnellen Gegenangriff zu spielen oder formiert zu sein, um kein Gegentor zu bekommen. Auch in der Ballkontrolle sehe ich einen qualitativen Unterschied. Jogi Löw führt seine Spieler auf Weltklasse-Niveau auf eine Ballkontaktzeit von 1,1 Sekunden, Spanien liegt bei einer Sekunde. Schaue ich mir den Durchschnitt bei uns an, bin ich wesentlich höher. Umso qualitativer der Fußball, desto besser die Kennzahlen.“

Kein Liga-Primus

Derartige Kennzahlen erwartet man hierzulande auch nicht. Befriedigend ist die Situation aber allemal nicht. Als Trost bleibt im heimischen Einheitsbrei die große Spannung. Denn dass sich kein Team absetzen konnte, verspricht bei mangelndem Offensiv-Niveau wenigstens lange andauernden Nervenkitzel im Titelkampf.

Dass diesbezüglich vor allem der von den Ressourcen her logische Liga-Primus Salzburg den Erwartungen nicht gerecht wird, liegt auf der Hand.

Weit ist es gekommen, dass „Bullen“-Coach Ricardo Moniz inzwischen nicht einmal mehr vor dem anstehenden Heimspiel gegen Mattersburg die Favoritenrolle annimmt:

„Niemand ist Favorit, weil Mattersburg ein sehr guter Gegner ist. Wir haben auswärts 0:3 verloren. Es wird nicht einfach.“

Also, ganz offiziell: Willkommen im Titelkampf, liebe Mattersburger…!


Peter Altmann/Alexander Karper/Harald Prantl/Martin Wechtl

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