"Er ist einer der wenigen, der auch ein Typ ist"

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Wäre Wiener Neustadt gegen den WAC ein Spielfilm gewesen, hätte Christoph Martschinko zweifellos den Hauptdarsteller gemimt.

Mit katastrophalen Stellungsfehlern, die Manuel Kerhe das Blitztor nach 33 Sekunden sowie eine weitere Hundertprozentige ermöglichten, der Flanke, die zum Elfmeter und schließlich zum Ausgleich führte, und letzten Endes dem 2:1-Siegtreffer stand der 19-Jährige bei allen wichtigen Szenen im Mittelpunkt.

Da Wiener Neustadt gegen den WAC aber eine Bundesliga-Partie der 3. Runde war, kann der Protagonist sogleich in die Rolle des Erzählers schlüpfen.

„Am Anfang bin ich defensiv überhaupt nicht gut gestanden, da ist mir mein Gegenspieler vier Mal im Rücken weggelaufen“, zeigt sich der Linksverteidiger im Gespräch mit LAOLA1 durchaus selbstkritisch.

Das kurze Resümee nach zwei groben Patzern, einem Assist und einem Tor: „Im Angriff war es gut, aber defensiv war heute nicht mein Tag.“

„Es hat weh getan“

Der Youngster gibt zu, nach dem 0:1 „etwas unsicher“ und angeschlagen gewesen zu sein: „Es hat weh getan, dass ich am Tor schuld bin.“ Doch nichts beruhigt den Geist mehr, als noch im selben Spiel seinen ersten Treffer in der Bundesliga zu markieren.

Ohnehin ist dem Salzburg-Leihspieler, der die zweite Saison in Folge in Wiener Neustadt verbringt, mentale Labilität ein Fremdwort. Pfiffe oder Schmähungen von den Rängen, die man als Außenspieler gut hören kann, werden einfach ausgeblendet. „Sicherlich bekomme ich Sprüche wie ‚Martschinko, du Pfeif’n!’ oder ‚Martschinko, du Blinder!’ mit. Aber so etwas darf nicht anschlagen.“

Der Südsteirer gibt sich abgebrüht und akzeptiert die Kritik als Teil des Business. „Wenn es gut läuft, sind die Fans für einen. Wenn man schlecht spielt, sind sie gegen einen. Mich macht so etwas nur stärker“, betont der Außenverteidiger und erinnert an frühere Zeiten: „Als kleiner Bauernbub habe ich so einiges weggesteckt.“

Ein Typ, der nicht einzuspannen ist

„Er hat es faustdick hinter den Ohren, aber er steht seinen Mann“, attestiert Neustadt-Trainer Heimo Pfiefenberger seinem jüngsten Kadermitglied, auf das er große Stücke hält: „Er ist einer der wenigen der 94er-Generation, der als Fußballer auch ein Typ ist.“

Die Wertschätzung für Martschinko lässt sich auch in dessen Einsatzstatistik ablesen. Seit er sich Ende August 2012 aus der Mozartstadt verabschiedet hat, absolvierte der „Leih-Bulle“ 29 Bundesliga-Partien, 27 davon von Beginn an.

„Er weiß, dass ich ihn forciere, auf ihn vertraue und hinter ihm stehe“, bestätigt Pfeifenberger. Zusatz: „Wenn er Gas gibt.“ Denn die Handhabung des Riesen-Talents ist mitunter nicht einfach, wie der Neustadt-Übungsleiter versichert: „’Tschinki’ ist ein Typ, der sich nicht entfalten kann, wenn man ihn zu viel einengt. Bei ihm braucht man ein besonderes Gespür. Manchmal muss man die Zügel etwas lockerer lassen und dann wieder anziehen.“

„Der Druck des Abstiegskampfes prägt“

Auch durch seine Art konnte der ehemalige Teamspieler Martschinko überzeugen, weiter in Niederösterreich zu bleiben. Eine Entscheidung, die beide Seiten nicht bereuen. „Ich bin froh, hier das zweite Jahr angehängt zu haben. Der Trainer baut auf mich, er lässt mich spielen“, weiß der technisch beschlagene Flügelspieler und ergänzt: „Ich habe mich gut weiterentwickelt.“

Dieser Einschätzung kann sein Förderer nur zustimmen. „Er hat schon im letzten Jahr viel gelernt. Den Druck eines Abstiegskampfes zu erleben, prägt einen Spieler sehr. Er muss jetzt den nächsten Schritt machen, muss einfach in gewissen Situationen etwas cleverer und vernünftiger werden.“

Was Pfeifenberger damit meint? „Er macht noch ein wenig zu viele Übersteiger. Das sagen wir ihm eh immer wieder. Da muss er selbst noch draufkommen, wann er die macht oder nicht.“

Rückkehr zu RBS?

Von einer erfolgreichen Zukunft des sowohl in der Viererkette als auch davor im Mittelfeld einsetzbaren Linksfußes ist der Salzburger überzeugt.

„Ich gehe nicht davon aus, dass er lange hierbleibt. Genauso wie es bei Offenbacher (Anm.: wechselte im Sommer zu Sturm Graz) der Fall war. Ich sehe 'Tschinki' weiterhin als Alternative bei Salzburg für die linke Außenverteidigerposition.“

„Vielleicht habe ich das Glück, dass sie mich wieder zurückholen“, wünscht sich auch der U19-Internationale, der 2008 vom SV Lebring in die „Bullen“-Akademie übersiedelt ist. „Ich habe dort viel gelernt. Ein bisschen werde ich immer Salzburger sein, habe ich doch fünf Jahre dort verbracht.“

In erster Linie bleibt Martschinko aber Steirer, „ein Typ“ und eines der größten Talente der Bundesliga.


Christian Eberle

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