Kapfenberg unter von Heesen in der Analyse

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„Auf Nummer sicher gehen“ lautete das Motto in der Kapfenberger Defensive bis vor kurzem noch. Über den Kampf wollte man die Spiele gewinnen.

Doch seit der Winterpause hat sich etwas geändert. Unter Thomas von Heesen regiert die spielerische Note beim Tabellenletzten.

57 Prozent Ballbesitz gegen die Admira, 55 Prozent gegen Meister Sturm – in jeder Frühjahrspartie, die die Obersteirer zu elft beendeten, hatten sie mehr vom Spiel.

Von Heesen setzt auf Ballkontrolle und Dominanz. Von hinten heraus sollen die Angriffe sauber aufgebaut werden.

Lovin macht den Busquets

Dabei bedient er sich eines Tricks, den auch der FC Barcelona anwendet

Im Spielaufbau lässt sich Florin Lovin, wie Sergio Busquets bei Barca, aus dem defensiven Mittelfeld zwischen die Innenverteidiger fallen. Das erlaubt den Außenverteidigern höher aufzurücken. So wurde im Spiel gegen Sturm aus der Grundformation 4-1-4-1 bei eigenem Ballbesitz ein 3-4-3 (siehe Grafik).

Dieses flexible Wechseln zwischen Vierer- und Dreierkette ist bei Barcelona seit Pep Guardiolas Amtsantritt Usus. Auch andere Teams, wie der HSV unter Thorsten Fink, haben sich diesen taktischen Kniff mittlerweile abgeschaut.

Das Kapfenberger 4-1-4-1-System gegen Sturm: Bei eigenem Ballbesitz wurde daraus ein 3-4-3, indem sich Lovin zwischen die Innenverteidiger fallen ließ und die Außenspieler aufrückten.


Haben Automatismen eingeführt“

Die Vorteile dieses Schachzugs sind vielfältig: Lovin kann dadurch aus einer tief liegenden Position seelenruhig die Bälle verteilen. Je über 120 Ballkontakte gegen Sturm und die Admira sprechen für sich.

Zudem wird das Spielfeld durch die offensiven Außenverteidiger breit gemacht. Sie sorgen über die Flügel für Druck, während die äußeren Mittelfeldspieler nach innen ziehen können.

Im Optimalfall bieten sich Lovin und den beiden Innenverteidigern auf diese Weise sieben Anspielstationen in der gegnerischen Hälfte. Über eingespielte Spielzüge wird dann der Weg nach vorne gesucht.

„Wir haben Abläufe hunderttausend Mal wiederholt und Automatismen eingeführt. Auch wenn es die Spieler ankotzt, aber im Spiel hilft es ihnen. Jeder weiß, was er zu tun hat. Es ist wichtig, das immer weiter zu verfeinern und zu intensivieren“, meint Coach von Heesen im Gespräch mit LAOLA1.

Problem gegen die Admira: Konteranfälligkeit

Kapfenbergs neue Spielstrategie hat aber auch ihre Schattenseiten, wie die Niederlagen in den letzten beiden Partien zeigen.

Beim 1:3 gegen die Admira offenbarte sich die Konter-Anfälligkeit des neuen KSV-Systems. Durch die offensiven Außenverteidiger ergeben sich Räume für Gegenstöße über die Flanken. 

Dies wussten die auf Konter spezialisierten Südstädter hervorragend zu nutzen. Sowohl das 1:1 durch Sabitzer (44.), als auch das 3:1 durch Schwab (75.) fielen nach solchen Situationen.

Die SV Ried fand bei ihrem 3:0-Sieg einen anderen Weg, Kapfenberg auszuhebeln. Schlüsselfigur dabei war Anel Hadzic.

Problem gegen Ried: Lovin abgemeldet

Der Mittelfeldspieler bekam vom Trainergespann Gludovatz/Schweitzer eine Spezialaufgabe zugeteilt: Er spielte ein Stück weiter vorne, als sonst, um Kapfenbergs tief liegenden Spielmacher Lovin permanent unter Druck zu setzen. So sollte der rumänische Stratege an der Spieleröffnung gehindert werden.

Dies gelang mit Bravour – Lovin hatte zwar wieder die meisten Ballkontakte (80), aber weit weniger als gegen Sturm und die Admira.

Neben Hadzic spielte auch das restliche Rieder Team ein erfrischendes Angriffspressing. Die Abwehr rückte hoch auf, der Raum im Mittelfeld wurde eng gemacht.

Auf diese Weise taten sich die Steirer schwer, ihr auf Ballkontrolle angelegtes Spiel aufzuziehen. Nur selten kombinierte sich die von-Heesen-Elf in die Nähe des Rieder Strafraums. Jämmerliche zwei Torschüsse produzierten die Kapfenberger in 90 Minuten.

Ried (3-3-3-1) gegen Kapfenberg (4-3-1-2): Die Innviertler verengen mit ihrem Angriffspressing das Spielfeld so sehr, dass Kapfenberg kein geordneter Spielaufbau gelingt. Hadzic setzt Lovin unter Druck. Dadurch fällt die Spieleröffnung den Innenverteidigern zu. Denen fehlen jedoch aufgrund der Rieder Überzahl im Mittelfeld die Anspielstationen. Somit hängen die Offensiven Elsneg, Nathan Junior und Babangida in der Luft.

Fazit: Mutig, aber noch nicht perfekt

Die Niederlagen gegen die Admira und Ried zeigen, dass Kapfenbergs neues System noch nicht ausgereift ist.

Spielzüge müssen besser abgestimmt werden, im letzten Angriffsdrittel fehlt oft die Genauigkeit und das Team braucht mehr Cleverness, wie zwei Ausschlüsse in vier Spielen beweisen.

Dennoch gebührt von Heesen Respekt. Mit einem Abstiegskandidaten auf spielerisch hochwertigen Fußball zu setzen, ist mutig und bemerkenswert. Gerade, wo doch bei den meisten Trainern in Österreich momentan eine sichere Defensive im Vordergrund steht.

Es wird sich weisen, ob dieser Mut am Ende belohnt wird.


Jakob Faber

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