Ganz nahe an den Stars
Es geht los. Der Puls steigt genauso in die Höhe wie die nervliche Anspannung. Beim nächsten Seitenwechsel betreten wir den Platz und lösen die vorherige Schicht ab. Von den Rängen aus schaut der Center Court schon imposant aus. Unten im Rampenlicht der Stars stehend wirkt alles noch einmal wesentlich größer, lauter und elektrisierender.
Wir reihen uns in der geplanten Formation auf. Letzte Unsicherheiten oder Unklarheiten werden beseitigt. Jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Im einstudierten Formationsflug laufen wir beim Stand von 3:2 für Zverev ein.
Ich darf heute eine der beiden Netzpositionen belegen. Zwar muss ich hier den Spielern keine Bälle zuwerfen, wenn sie zum Aufschlag kommen und bringe ihnen nicht die verschwitzten Handtücher, dafür muss ich andere Aspekte umso mehr beachten und bin vor allem läuferisch gefragt. Und ganz wichtig: Nicht von gelben Bällen getroffen werden, die mit über 200km/h auf Kopfhöhe durch die Gegend fliegen. Davon getroffen zu werden, ist alles andere als gesundheitsfördernd.
Wie ausgemacht, stelle ich mich an den Schnittpunkt von Aufschlag- und Seitenauslinie, mit Blick auf Alexander Zverev gerichtet.
Die Spieler erheben sich von den Bänken und betreten ihre Spielhälften. Der Moderator sorgt noch einmal für Stimmung, während ich meinen ersten Sprint zum am Boden liegenden "Polster" hinlege, auf dem wir uns hinzuknien haben. Im Fernsehen wirken sie bequemer, als sie in Wirklichkeit sind.
Die ersten Punkte werden gespielt, die ersten Sprints entlang des Netzes absolviert. Im Zentrum des Platzes haben mein Kollege und ich am Netz die Aufgabe, alle sechs Bälle, die sich am Platz befinden, im Auge zu haben und diese zu verteilen bzw. zu den richtigen Positionen zu rollen.
Präzision und Tempo sind gefragt. Sobald die Spieler zum Servieren bereitstehen, darf ich mich allerdings nicht mehr bewegen. Bereits eine kleine Bewegung könnte die Konzentration der Tennisstars stören. Der Kontrast zwischen Vollsprint zwischen den Ballwechseln und einer körperlichen Versteinerung während des Ballwechsels ist physisch auch eine Herausforderung.
Atemberaubendes Tennis - Wortwörtlich
Beim Stand von 4:3 der nächste Stresstest. Nach insgesamt sieben gespielten Games werden alle Bälle ausgetauscht und durch neue ersetzt. Im TV glaubt man das gar nicht, aber wenn man die Tennisbälle in der eigenen Hand hält, herrschen zwischen Game eins und Game sieben Welten.
Während es sich die Spieler auf den Bänken gemütlich machen, geht bei uns der Stress eben weiter. Alle sechs Bälle, die sich am Platz befinden, müssen in wenigen Sekunden eingesammelt werden und dem Schiedsrichterassistenten gebracht werden. Die nagelneuen Filzkugeln werden auf den Boden gelegt und von uns sofort im Vollsprint auf die Seite gerollt, wo als nächstes der Aufschlag stattfindet.
Geschafft – Durchatmen! Schnell zurück zur Position bei der Servicelinie, stramm stehen, Blick auf den Spieler! Endlich ein paar Sekunden verschnaufen. Im Game davor sind viele Bälle im Netz liegen geblieben, ich habe einige Sprints zurücklegen müssen und schließlich mit meinen Kolleg:innen im Eiltempo die Bälle ausgetauscht.
Näher geht nicht
Zu früh gefreut! Auf einmal winkt mir die künftige Nummer eins der Weltrangliste zu und bittet mich, zu ihm zu kommen. Wortwörtlich bin ich jetzt hautnah beim aktuell besten Spieler der Welt. Der "Starstruck-Moment" vergrößert sich, indem er mir seinen Schläger entgegenhält und das Kommando gibt: "Bringst du den bitte zu meinem Team!"
Zum Staunen bleibt keine Zeit, der Auftrag ist klar: Das Heiligtum des Spielers zur Trainerbox bringen. Erneut wird ein Vollsprint über den ganzen Platz hingelegt, mit dem Gedanken, jetzt auf keinen Fall zu stolpern. Ansonsten geh ich als "Ballkind" (etwas alt für Kind), das es mit Zverevs Schläger in der Hand auf den Boden legt, viral – nicht im guten Sinne – nicht der Ruhm, den ich mir wünsche!
Der Schläger wurde überbracht, alles ist gut gegangen. In meinem Rücken machen sich Zverev und Griekspoor allerdings schon wieder bereit, das nächste Game zu starten. In der erhofften Atempause wurde quasi durchgelaufen. Schnell zum Fangnetz und sofort wieder auf den Kniepolster hocken. Obwohl der Körper pulsiert und die Lunge nach Luft suchen muss, muss ich in meiner Position ruhig verharren.
Nach einer Reihe an packenden Games werden meine Ballcrew-Kolleg:innen von der nächsten Schicht abgelöst. Wir verlassen im Formationsflug wieder den Platz, schnappen unsere Akkreditierungen und watscheln mit müden Oberschenkeln in Richtung Garderobe. Jetzt habe ich Zeit bis der nächste Wechsel vonstatten geht und wir wieder auf den Center Court dürfen. Genug Zeit, um die Akkus wieder voll zu laden.
Und wo ist der Reiz an der stressigen Lauferei?
Wenn man Freunden und Bekannten von dem Job bzw. der Ehre erzählt, Teil der spark7Ballcrew zu sein, wird man manchmal belächelt, da oft falsche Eindrücke geweckt werden. "Da klaubt man ja nur Bälle auf", "so anstrengend kann das ja nicht sein".
Die Realität ist allerdings anders. Die Kombination aus dauerhafter, hoher Konzentration, ständiger Aufmerksamkeit und der körperlichen Belastung macht diese Aufgabe zu einer Herausforderung. Allerdings zu einer Herausforderung, die wahnsinnig viel Spaß macht, gerade weil die mentalen und physischen Aufgaben miteinander verknüpft werden müssen.
Dass man währenddessen mit den Tennisstars auf Tuchfühlung kommt und die Stimmung von tausenden Leuten in der Halle spürt, ist einzigartig und mit nichts vergleichbar. Mal sehen, ob ich im nächsten Jahr wieder dabei bin. Mit 25 Jahren und nach insgesamt 13 Dienstjahren bei Stadthallen-Turnieren ist man für ein "Ballkind" dann doch schon recht alt (aber noch nicht der Älteste).
Spätestens wenn wieder der Aufruf kommt, sich für die spark7Ballcrew-Challenge anzumelden und an der Sichtung teilzunehmen, wird das Kribbeln wieder größer werden, an eine ausverkaufte Stadthalle gedacht und die Sehnsucht steigen, wieder Teil dieses einzigartigen Teams zu sein und erneut eine Turnierwoche beim größten Tennisfest Österreichs zu erleben.