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Ein bissl Tennisgeschichte, ein bissl Überlebenskampf!

Reportage von den Erste Bank Open: Der Kindheitstraum vom Center-Court ist wahr geworden. Die Stadthalle bebt, es wird Tennisgeschichte geschrieben und ich bin Teil davon - nur etwas anders.

Ein bissl Tennisgeschichte, ein bissl Überlebenskampf! Foto: © Rupert Malcher

Alexander Zverev könnte in wenigen Minuten die neue Nummer eins der Tenniswelt werden. Ich stehe wenige Meter von ihm entfernt auch am Platz, kann bei einem besonderen Moment Tennisgeschichte dabei sein.

Als kleiner Bursche wollte ich schon auf den Center-Courts dieser Welt stehen und Tennisgeschichte live miterleben. Zum Spieler hat’s nicht gereicht, aber das hier ist auch besonders. Ein lauter Knall reißt mich aus den Gedanken. Die gelbe Filzkugel rast mit 215 km/h auf mich zu. Die Gedanken wechseln in einem Augenblick von Kindheitsträumen zu Stoßgebeten.

Die beste Zeit im Jahr

Wenn in Wien die Blätter vom Himmel fallen, das Wetter zwischen Nieselregen und Hochnebel schwankt und man sich wie jedes Jahr fragt, ob die Uhr eine Stunde nach vorne oder nach hinten gestellt wird, finden die Erste Bank Open statt.

Für tausende begeisterte Tennisfans ein Fixpunkt im Kalender, für eine kleine Gruppe an Jugendlichen, jungen Erwachsenen und mich das Highlight des Jahres. Wir sind mittendrin im Geschehen und laufen mit den besten Tennisspielern der Welt am größten Center Court des Landes auf. Wir sind die spark7Ballcrew.

Das Turnier beginnt im Juni

Den Wunsch, in Halle D der Wiener Stadthalle gemeinsam mit Alexander Zverev oder Carlos Alcaraz den Tennisplatz zu teilen, haben sicherlich viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Damit dieser Traum Realität wird, muss ich mich allerdings in der Vorbereitung bewähren.

Bei über 40 Grad Celsius fand der Sichtungstag statt. Nicht die besten Bedingungen, um sich durch physische und psychische Leistungen zu empfehlen. Andererseits, am Center Court in der Stadthalle ist es durch die Scheinwerfer und tausenden Menschen auch sehr heiß – eigentlich ein guter Kreislauftest.

Über 200 Personen haben sich für die heißbegehrten Plätze beworben. Da ich schon in den vergangenen Jahren Teil des Teams war, wusste ich zum Glück, was auf mich zukommt. Nach mehreren Übungen, bei denen unter anderem Wurf-, Roll- und Sprintfähigkeiten ausgetestet worden sind, wurden alle Kandidat:innen bewertet. Einige Wochen später kam die erfreuliche Nachricht: Ich darf im Herbst wieder dabei sein.

"Smells like Stadthalle"

Jedes Jahr aufs Neue fühlen sich die Einsätze in der Turnierwoche wie ein nach Hause kommen an. Es beginnt bereits mit dem Verlassen der U6 Station, dem Weg durch den Märzpark und der Ankunft in der Wiener Stadthalle. Spätestens der ikonische Geruch im Gebäude, der nicht besonders gut ist und mit verbranntem Popcorn in der Luft ein ganz eigenes Klimasystem schafft, lässt das Herz höherschlagen und zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht.

In den verwinkelten Gängen des Backstagebereichs treffe ich auch auf die fünf weiteren Mitglieder der kommenden Schicht. Nachdem wir unsere von Kopf bis Fuß mit Sponsoren übersäte Ballcrew-Uniform angezogen haben, besprechen wir gemeinsam mit unseren Betreuer:innen, wie die kommenden Stunden ablaufen werden.

Auch wir wollen einnetzen

Insgesamt sind immer sechs von uns gleichzeitig am Platz. Jeder hat seine genau zugewiesene Position und Aufgaben. Zu Beginn ist es essenziell zu beachten, wo genau wir am Platz zu stehen haben. Dabei zählen Zentimeter. Kein Sponsor auf den Banden, vor denen wir stehen oder knien, darf verdeckt sein.

Auch die Geschwindigkeit, in der wir die Bälle holen sollen, der richtige Umgang mit den Spielerhandtüchern, sowie dem Fangnetz, das uns zur Hilfe kommt, muss gekonnt sein. Dieses Fangnetz ist eigentlich ein Kinderschläger, der mit lockeren Stoffmaschen bespannt ist. Nur hier bei den Erste Bank Open bekommt die Ballcrew diese zur Hilfe – Wien ist anders.

Nach mehreren Aufwärmrunden, die mich bereits außer Atem bringen und daran erinnern, an meiner Kondition zu arbeiten, gehen wir zu unserem heutigen Arbeitsplatz. Alexander Zverev und Tallon Griekspoor haben soeben begonnen.

Ganz nahe an den Stars

Ganz nahe an den Stars
Foto: ©Rupert Malcher

Es geht los. Der Puls steigt genauso in die Höhe wie die nervliche Anspannung. Beim nächsten Seitenwechsel betreten wir den Platz und lösen die vorherige Schicht ab. Von den Rängen aus schaut der Center Court schon imposant aus. Unten im Rampenlicht der Stars stehend wirkt alles noch einmal wesentlich größer, lauter und elektrisierender. 

Wir reihen uns in der geplanten Formation auf. Letzte Unsicherheiten oder Unklarheiten werden beseitigt. Jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Im einstudierten Formationsflug laufen wir beim Stand von 3:2 für Zverev ein.

Ich darf heute eine der beiden Netzpositionen belegen. Zwar muss ich hier den Spielern keine Bälle zuwerfen, wenn sie zum Aufschlag kommen und bringe ihnen nicht die verschwitzten Handtücher, dafür muss ich andere Aspekte umso mehr beachten und bin vor allem läuferisch gefragt. Und ganz wichtig: Nicht von gelben Bällen getroffen werden, die mit über 200km/h auf Kopfhöhe durch die Gegend fliegen. Davon getroffen zu werden, ist alles andere als gesundheitsfördernd.

Wie ausgemacht, stelle ich mich an den Schnittpunkt von Aufschlag- und Seitenauslinie, mit Blick auf Alexander Zverev gerichtet.

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Foto: ©Rupert Malcher

Die Spieler erheben sich von den Bänken und betreten ihre Spielhälften. Der Moderator sorgt noch einmal für Stimmung, während ich meinen ersten Sprint zum am Boden liegenden "Polster" hinlege, auf dem wir uns hinzuknien haben. Im Fernsehen wirken sie bequemer, als sie in Wirklichkeit sind.

Die ersten Punkte werden gespielt, die ersten Sprints entlang des Netzes absolviert. Im Zentrum des Platzes haben mein Kollege und ich am Netz die Aufgabe, alle sechs Bälle, die sich am Platz befinden, im Auge zu haben und diese zu verteilen bzw. zu den richtigen Positionen zu rollen.

Präzision und Tempo sind gefragt. Sobald die Spieler zum Servieren bereitstehen, darf ich mich allerdings nicht mehr bewegen. Bereits eine kleine Bewegung könnte die Konzentration der Tennisstars stören. Der Kontrast zwischen Vollsprint zwischen den Ballwechseln und einer körperlichen Versteinerung während des Ballwechsels ist physisch auch eine Herausforderung.

Atemberaubendes Tennis - Wortwörtlich

Beim Stand von 4:3 der nächste Stresstest. Nach insgesamt sieben gespielten Games werden alle Bälle ausgetauscht und durch neue ersetzt. Im TV glaubt man das gar nicht, aber wenn man die Tennisbälle in der eigenen Hand hält, herrschen zwischen Game eins und Game sieben Welten.

Während es sich die Spieler auf den Bänken gemütlich machen, geht bei uns der Stress eben weiter. Alle sechs Bälle, die sich am Platz befinden, müssen in wenigen Sekunden eingesammelt werden und dem Schiedsrichterassistenten gebracht werden. Die nagelneuen Filzkugeln werden auf den Boden gelegt und von uns sofort im Vollsprint auf die Seite gerollt, wo als nächstes der Aufschlag stattfindet.

Geschafft – Durchatmen! Schnell zurück zur Position bei der Servicelinie, stramm stehen, Blick auf den Spieler! Endlich ein paar Sekunden verschnaufen. Im Game davor sind viele Bälle im Netz liegen geblieben, ich habe einige Sprints zurücklegen müssen und schließlich mit meinen Kolleg:innen im Eiltempo die Bälle ausgetauscht.

Näher geht nicht

Zu früh gefreut! Auf einmal winkt mir die künftige Nummer eins der Weltrangliste zu und bittet mich, zu ihm zu kommen. Wortwörtlich bin ich jetzt hautnah beim aktuell besten Spieler der Welt. Der "Starstruck-Moment" vergrößert sich, indem er mir seinen Schläger entgegenhält und das Kommando gibt: "Bringst du den bitte zu meinem Team!"

Zum Staunen bleibt keine Zeit, der Auftrag ist klar: Das Heiligtum des Spielers zur Trainerbox bringen. Erneut wird ein Vollsprint über den ganzen Platz hingelegt, mit dem Gedanken, jetzt auf keinen Fall zu stolpern. Ansonsten geh ich als "Ballkind" (etwas alt für Kind), das es mit Zverevs Schläger in der Hand auf den Boden legt, viral – nicht im guten Sinne – nicht der Ruhm, den ich mir wünsche!

Der Schläger wurde überbracht, alles ist gut gegangen. In meinem Rücken machen sich Zverev und Griekspoor allerdings schon wieder bereit, das nächste Game zu starten. In der erhofften Atempause wurde quasi durchgelaufen. Schnell zum Fangnetz und sofort wieder auf den Kniepolster hocken. Obwohl der Körper pulsiert und die Lunge nach Luft suchen muss, muss ich in meiner Position ruhig verharren.

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Foto: ©Rupert Malcher

Nach einer Reihe an packenden Games werden meine Ballcrew-Kolleg:innen von der nächsten Schicht abgelöst. Wir verlassen im Formationsflug wieder den Platz, schnappen unsere Akkreditierungen und watscheln mit müden Oberschenkeln in Richtung Garderobe. Jetzt habe ich Zeit bis der nächste Wechsel vonstatten geht und wir wieder auf den Center Court dürfen. Genug Zeit, um die Akkus wieder voll zu laden.

Und wo ist der Reiz an der stressigen Lauferei?

Wenn man Freunden und Bekannten von dem Job bzw. der Ehre erzählt, Teil der spark7Ballcrew zu sein, wird man manchmal belächelt, da oft falsche Eindrücke geweckt werden. "Da klaubt man ja nur Bälle auf", "so anstrengend kann das ja nicht sein".

Die Realität ist allerdings anders. Die Kombination aus dauerhafter, hoher Konzentration, ständiger Aufmerksamkeit und der körperlichen Belastung macht diese Aufgabe zu einer Herausforderung. Allerdings zu einer Herausforderung, die wahnsinnig viel Spaß macht, gerade weil die mentalen und physischen Aufgaben miteinander verknüpft werden müssen.

Dass man währenddessen mit den Tennisstars auf Tuchfühlung kommt und die Stimmung von tausenden Leuten in der Halle spürt, ist einzigartig und mit nichts vergleichbar. Mal sehen, ob ich im nächsten Jahr wieder dabei bin. Mit 25 Jahren und nach insgesamt 13 Dienstjahren bei Stadthallen-Turnieren ist man für ein "Ballkind" dann doch schon recht alt (aber noch nicht der Älteste).

Spätestens wenn wieder der Aufruf kommt, sich für die spark7Ballcrew-Challenge anzumelden und an der Sichtung teilzunehmen, wird das Kribbeln wieder größer werden, an eine ausverkaufte Stadthalle gedacht und die Sehnsucht steigen, wieder Teil dieses einzigartigen Teams zu sein und erneut eine Turnierwoche beim größten Tennisfest Österreichs zu erleben.

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