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AC Milan: Der Absturz eines Giganten

Mitte der 2000er-Jahre war der AC Milan eines der größten Teams Europas. Fast 20 Jahre später sind sie nur noch Mittelmaß. Wie konnte es dazu kommen?

AC Milan: Der Absturz eines Giganten Foto: © IMAGO/Colorsport/Insidefoto/KI

Am 23. Mai 2007 erklomm der AC Milan den Thron des europäischen Fußballs. 

Dank eines Doppelpacks von Filippo Inzaghi konnten die von Carlo Ancelotti gecoachten "Rossoneri" das Champions-League-Finale gegen den FC Liverpool mit 2:1 für sich entscheiden. 

Damit streckte die Truppe rund um Spieler wie Kaka, Paolo Maldini und Andrea Pirlo zum siebten Mal in der Vereinsgeschichte den Henkelpott in die Höhe. Gleichzeitig gelang den Mailändern die Revanche für das legendäre Finale von Istanbul, als man gegen die "Reds" eine 3:0-Halbzeitführung herschenkte.

Doch während Milan Mitte der 00er-Jahre eine der dominantesten Mannschaften Europas war, bedeutete der Triumph 2007 gleichzeitig das Ende einer Ära.

Jetzt, fast 20 Jahre nach dem letzten Sieg in der Königsklasse, trifft Milan am Donnerstag in der Europa League auf den FC Salzburg (18:45 Uhr im LIVE-Ticker>>>).

Der siebenfache Champions-League-Sieger ist zwar weiterhin einer der großen Namen des europäischen Fußballs, sportlich ist der Klub von seiner einstigen Vormachtstellung jedoch weit entfernt

Erster Umbruch war erfolgreich

Beim Triumph 2007 waren einige Schlüsselspieler der "Rossoneri" eigentlich schon am Zenit bzw. hatten diesen schon überschritten.

Dennoch gelang zunächst noch ein Umbruch. Mit neuen Spielern wie Thiago Silva, Kevin-Prince Boateng oder Zlatan Ibrahimovic konnten die Mailänder in der Saison 2010/11 noch einmal den Scudetto holen.

Der schleichende Abstieg von Milan setzte dennoch ein, denn dieser hatte vor allem mit einer Personalie zu tun, die nicht auf dem Feld stand: Silvio Berlusconi.

Berlusconis sportliche Revolution

Berlusconis sportliche Revolution
Marco van Basten, Arrigo Sacchi, Franco Baresi, Silvio Berlusconi, Frank Rijkaard und Ruud Gullit
Foto: ©imago / Buzzi

"Es war Berlusconis AC Milan. Er war ein wahrer Revolutionär, der die Spielregeln durch eine unternehmerische Führung des Vereins veränderte und den Fußball zu einem Spektakel machte", sagt der italienische Journalist Valentino Beccari gegenüber LAOLA1.

Berlusconi, der im Juni 2023 verstarb, übernahm den Verein erstmals 1986 und führte ihn bis 2004 und von 2006 bis 2008 als Präsident. Unter seiner Führung erlebten die Rot-Schwarzen die erfolgreichste Zeit. Sieben Meisterschaften und fünf Champions-League-Titel holte Milan unter Berlusconi.

Neben der Zeit Mitte der 2000er-Jahre waren vor allem die Ära der späten 1980er-Jahre eine goldene Zeit beim AC Milan. Spielerisch wurde diese Zeit von den drei niederländischen "Tulpen" geprägt.

"Die Idee bestand darin, drei niederländische Ausnahmespieler wie Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard zu verpflichten und auf einen visionären Trainer wie Arrigo Sacchi zu setzen, der das Pressing, das extreme Abseits und die Austauschbarkeit der Rollen einführte", sagt Beccari.

"Mit Berlusconi war vieles einfacher"

Unter Berlusconi hatte Milan neben der sportlichen Klasse auch die finanzielle Schlagkraft, um mit den europäischen Spitzenteams mitzuhalten. 

Beccari meint dazu: "Mit Berlusconi war vieles einfacher, auch weil er persönlich eingriff, um das Gesellschaftskapital zu erhöhen. Dadurch hatte Milan auf dem Transfermarkt mehr Gewicht."

Investmentfonds wollen natürlich mit dem Fußball Geld verdienen. Deshalb steht die Gewinnlogik über allem.

Valentino Beccari

Obwohl die "Rossoneri" unter dem ehemaligen italienischen Premierminister unzählige Erfolge feierten, gab es am Ende dennoch Probleme. Zwar schied er 2008 aus dem Präsidentenamt, aber auch danach war er als Ehrenpräsident noch weiter tief im Verein verwurzelt. 

Sportlich stagnierte der Klub in den 10er-Jahren immer mehr. Nach der Meisterschaft 2011 rutschte der Verein von Saison zu Saison immer weiter ins italienische Mittelmaß ab. 2015 beendete der Verein eine Saison erstmals im neuen Jahrtausend nicht auf einem einstelligen Tabellenplatz.

Komplizierte Übernahme

Zwei Jahre später war die Ära Berlusconi bei Milan dann endgültig zu Ende. Der Verkauf des Vereins im Jahr 2017 sollte einen Neuanfang ermöglichen. Berlusconis Holding Fininvest übergab Milan an den chinesischen Geschäftsmann Yonghong Li. Der Kaufpreis lag bei rund 740 Millionen Euro, doch die Finanzierung der Übernahme sorgte für erhebliche Diskussionen.

Bereits 2018 übernahm der US-Investmentfonds Elliott Management die Kontrolle über den Klub, nachdem Li seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte. Für Milan begann damit eine weitere Phase des Umbruchs.

Wie wenig die hohen Investitionen zunächst bewirkten, zeigte eine Bilanz der italienischen Sportzeitung "La Gazzetta dello Sport" vom Jänner 2020. Demnach hatte Milan innerhalb von rund 30 Monaten etwa 467 Millionen Euro ausgegeben, ohne sportlich entscheidend voranzukommen. Allein Elliott hatte davon knapp 240 Millionen Euro investiert.

Gleichzeitig wechselten Trainer und Verantwortliche, während eine klare sportliche Linie nur schwer zu erkennen war.

Der Markt diktiert die Regeln

Der Markt diktiert die Regeln
Foto: ©IMAGO / Buzzi

Das Problem bestand also nicht einfach darin, dass Milan zu wenig Geld zur Verfügung hatte. Vielmehr gelang es dem Verein nicht, seine Ausgaben in nachhaltigen sportlichen Erfolg umzuwandeln. Neue Spieler sollten den nächsten Schritt ermöglichen, doch die Mannschaft blieb hinter den Erwartungen zurück.

Für Beccari markiert der Übergang von Berlusconi zu Investmentfonds einen entscheidenden Einschnitt.

"Milan hat seinen Abstieg mit dem Ende der Berlusconi-Ära und dem Übergang zu Investmentfonds begonnen", erklärt der Journalist. 

Mit ihnen änderte sich auch die wirtschaftliche Ausrichtung. Statt persönlicher Kapitalzufuhr stand zunehmend die finanzielle Nachhaltigkeit im Mittelpunkt. "Mit dem Aufkommen der Investmentfonds diktierte der Markt die Regeln. Der Verein gibt nur noch schwer mehr aus, als er einnimmt", sagt Beccari.

Gewinnmaximierung

Unter Elliott wurde die finanzielle Stabilisierung zur zentralen Aufgabe. Der Verein musste seine Kosten kontrollieren, die Einnahmen verbessern und seine wirtschaftliche Grundlage festigen. Gleichzeitig sollte Milan wieder eine konkurrenzfähige Mannschaft aufbauen.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Strategie war die Verpflichtung junger Spieler, deren Marktwert durch sportliche Entwicklung gesteigert werden sollte. Bei passenden Angeboten konnten sie später mit Gewinn verkauft werden.

Der Meistertitel von 2022 hätte der Beginn eines neuen Zyklus sein können.

Valentino Beccari

Beccari sieht darin ein grundsätzliches Risiko: "Investmentfonds wollen natürlich mit dem Fußball Geld verdienen. Deshalb steht die Gewinnlogik über allem."

Das sogenannte Trading-Modell ist im modernen Fußball weit verbreitet und kann durchaus erfolgreich sein. Es setzt allerdings voraus, dass ein Verein Talente frühzeitig erkennt, ihre Entwicklung richtig einschätzt und sie in eine funktionierende Mannschaft integriert.

"Dieses Modell setzt ein starkes Scoutingnetzwerk voraus und erlaubt es nicht, viele Fehler zu machen", warnt Beccari.

Maldini, Massara und Pioli

Maldini, Massara und Pioli
Frederic Massara, Stefano Pioli und Paolo Maldini
Foto: ©imago images / LaPresse

Trotz Kritik an der neuen Investorengruppe ging es ab 2019 wieder bergauf für die "Rossoneri". Mit Frederic Massara als Sportdirektor, Paolo Maldini als Technischem Direktor und Stefano Pioli als Trainer wurden drei ganz entscheidende Personalien installiert. 

2021 wurde Milan Vizemeister und schloss damit erstmals seit acht Jahren wieder eine Saison auf einem Champions-League-Platz ab. In der darauffolgenden Spielzeit gelang dann der ganz große Coup: Erstmals seit 2011 holte Milan wieder den Scudetto.

"Der Meistertitel von 2022 hätte der Beginn eines neuen Zyklus sein können – mit einem erfahrenen Trainer wie Pioli, zwei zuverlässigen Führungskräften wie Maldini und Massara sowie hochkarätigen Spielern wie Rafael Leao, Theo Hernandez und Mike Maignan. Doch dann beschloss der Verein, das Management auszutauschen, und machte damit einen Rückschritt", sagt Beccari.

In der folgenden Saison kam das Team von Pioli zwar sensationell bis ins Halbfinale der Champions League, wo es sich aber dem Stadtrivalen Inter geschlagen geben musste. Am Ende der Saison mussten Maldini und Massara dennoch gehen.

Teure Flops

Teure Flops
Goncalo Ramos und Diego Moreira
Foto: ©IMAGO / Gribaudi / ImagePhoto

Für Beccari eine klare Fehlentscheidung: "Meiner Meinung nach war es ein schwerwiegender Fehler, zwei Führungskräfte aus dem Spielbetrieb wie Maldini und Massara zu entlassen und stattdessen auf Ibrahimovic zu setzen, dem die nötige Erfahrung fehlte."

In den vergangenen Spielzeiten investierte Milan immer über 100 Millionen Euro in neue Transfers, doch so richtig geht die neue Transferstrategie noch nicht auf. Stars wie Theo Hernandez und Rafael Leao wurden unter Marktwert verkauft und Neuzugänge - vor allem Offensivspieler - entpuppten sich meist eher als Flops.

Diesen Sommer verpflichteten die "Rossoneri" mit Diego Moreira und Gonçalo Ramos ihre bisherigen Rekordzugänge. Dabei hat vor allem Ramos mit ziemlichen Startschwierigkeiten zu kämpfen. Der Portugiese, der für 74 Millionen Euro von Paris nach Mailand wechselte, konnte bisher erst einen Treffer erzielen.

Auch auf der Trainerbank herrscht nach dem Abschied von Pioli Inkonstanz. Der aktuelle Trainer Ruben Amorim ist nun bereits der vierte Trainer innerhalb von zwei Jahren.

Langfristiger Plan

Für Beccari ist daher klar, was anders laufen muss: "Es müssen Manager gefunden werden, die sich besser mit Fußball als mit Finanzen auskennen."

Der Scudetto 2022 hat gezeigt, dass Milan auch unter den veränderten Bedingungen wieder Titel gewinnen kann. Mit Maldini, Massara und Pioli hatte der Klub eine Konstellation gefunden, die sportlich funktionierte. Dass diese nach dem größten Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte aufgebrochen wurde, steht sinnbildlich für das Problem der "Rossoneri".

Der Weg zurück an die Spitze führt deshalb nicht allein über teure Neuzugänge oder den nächsten prominenten Trainer. Entscheidend wird sein, ob Milan endlich wieder eine sportliche Vision entwickelt, an der die Verantwortlichen langfristig festhalten.

UEFA Europa League: FC Salzburg - AC Milan, Donnerstag, ab 18:45 Uhr im LIVE-Ticker >>>

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