Eigenlob stürmt

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Der SK Sturm stellt sich bei der Generalversammlung selbst ein perfektes Zeugnis aus. Die gelebte Mittelmäßigkeit geht unter dem Namen Agenda 2020 nahtlos weiter.

Am Montag ist also nach vier Jahren „Sturm neu“ die Generalversammlung des SK Sturm über rund 300 anwesende Mitglieder hereingebrochen. „Agenda 2020“ heißt das Programm der Schwarz-Weißen für die nächsten vier Jahre laut dem alten und neuen Präsidenten Christian Jauk. Das komplette Vorstandsteam mit einigen neuen Gesichtern wurde von den Anwesenden fast einstimmig unterstützt. Warum man die Anzahl der Vorstandsmitglieder gleich verdoppeln musste, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Da gab es wohl einige Netzwerkinteressen zu befriedigen. Was mit dem Aufsichtsrat passiert, wird sich wohl erst in der konstituierenden Sitzung zeigen, die innerhalb von zwei Wochen stattfinden muss. Dort werden auch die Funktionen vom Präsidenten abwärts endgültig festgelegt. 

Wie auch immer. Trotzdem man auf die abgelaufenen vier Jahre unter Jauk blickend, beileibe nicht nur Glanzlichter findet, war von einer reflektierten Rückschau bei der Generalversammlung nicht die Rede. Alles ist super, man sei bankschuldenfrei, der neue Vertrag mit Puntigamer wäre nahezu unterschriftsreif und im Vergleich zu den „Wienern“ sei man außerdem von der Politik unabhängig. Die „Wiener“, zu denen sollten wir im Laufe des Abends noch öfter kommen.

"Sich so ungeniert einen Persilschein für das eigene Schaffen auszustellen, ist aber schon durchaus an der Realitätsverweigerung entlangschrammend."

Zudem hätte Gerhard Goldbrich den Verein optimal aufgestellt und das Interesse am Verein sei so hoch wie nie, man hätte nämlich die höchste Mitgliederzahl in der Vereinsgeschichte mit rund 2.000 erreicht, erklären Jauk und Vorstand Ernst Wustinger. Die Dinge auf der Habenseite sind schön und gut, sie sollen auch ihren Platz haben. Sich so ungeniert einen Persilschein für das eigene Schaffen auszustellen, ist aber schon durchaus an der Realitätsverweigerung entlangschrammend. Inwiefern nämlich der Verein „optimal aufgestellt“ sei, wurde nicht erklärt. Dass die höchste Mitgliederzahl nur einer sehr aufwendigen PR-Offensive geschuldet ist, verschwieg man auch. Und dass man das mit so hohem Interesse am Verein wie noch nie gleichsetzt, ist angesichts der letzten Monate wirklich nur noch ein müder Schmäh.

Die hartgesottenen Fans sind nur noch lethargisch, die Schwarz-Weißen locken kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor (Zuschauerminusrekord) und das Ganze wird vom Klub mit einer gelinde gesagt mehr als merkwürdigen Medienpolitik noch verstärkt. Seit Jahren verweigert man als einziger Klub der Liga gewissen Medien nahezu alles, was abseits der offiziellen Termine stattfindet. Mit dem Argument man wolle die hauseigenen Kanäle besser positionieren. Von Multiplikatoren haben die „PR-Profis“ im Verein wohl noch nichts gehört. Dass von den 2.000 Mitgliedern nur 300 den Weg zur „Weichenstellung für die Zukunft“ gefunden haben, spricht für sich selbst.

"Den Scheinen der „Osteuropäer“ würde man widerstehen, populisiert er ins Publikum. Die Scheine von Frank Stronach, hinsichtlich Mäzenatenmentalität den „Osteuropäern“ sicher um nichts nachstehend, hat man allerdings in den letzten Jahren nur zu gern genommen."

Nichtsdestotrotz gehöre der SK Sturm den Mitgliedern, sagt Christian Jauk. Den Scheinen der „Osteuropäer“ würde man widerstehen, populisiert er ins Publikum. Die Scheine von Frank Stronach, hinsichtlich Mäzenatenmentalität den „Osteuropäern“ sicher um nichts nachstehend, hat man allerdings in den letzten Jahren nur zu gern genommen. Bei Dietrich Mateschitz wird man auch regelmäßig bittstellend vorstellig. Ein bisschen mehr Objektivität und Seriosität würde man sich vom honorigen Vorstandsvorsitzenden einer Bank schon erwarten.

Auch die kleingeistigen Attacken gegen die „Wiener“ sind nur billige Effekthascherei vor einem zugeneigten Publikum und schlichtweg peinlich. Die wahre „Haberer-Partie“ sei nämlich dort zu Hause und die Differenz der Sponsoringsumme zwischen Rapid und Sturm sei nur in der größeren Zuwendung des Hauptsponsors Wien Energie geschuldet, der im Besitz der Stadt sei. „Es wird dort sehr gerne gesagt, dass sie unabhängig sind. Ich sage Ihnen, sie sind abhängig von der Politik. Das sind wir in Graz nicht. Wir stehen für Unabhängigkeit“, eifert Christian Jauk aufgeregt am Rednerpult. Nur zu gern würde sich der Präsident in dieselbe Anhängigkeit begeben, nur zahlt ihm eben das steirische Äquivalent, die Holding Graz, nicht so viel.

Und Stichwort Unabhängigkeit: Der SK Sturm kann nicht einmal unabhängig von der Politik über sein Stadion entscheiden. Und das bleibt wohl auch so. Alle Pläne über eine Pacht scheinen vom Tisch und als Mieter ist man den Budgetbeschlüssen der Politik ausgeliefert. Ein bisschen was scheint Bürgermeister Siegfried Nagl aber zumindest locker zu machen. 12 Millionen sind in Aussicht, die eine oder andere Behübschung und Adaption von Liebenau wird damit möglich sein. Die größer werdende Kluft zu den „Wienern“ wird man damit aber wohl nicht kleiner machen können. 

Und schließlich beinhaltet die ominöse Agenda 2020 noch die Kombination 17+8. Damit verpackt man den bisher geläufigen Begriff „Karriereplattform“ neu. Acht Potenzialspieler sollen immer im Kader aufscheinen, von denen die Mehrheit aus dem eigenen Nachwuchs kommen muss. Konkreter wird es leider nicht. Welches Alter Potenzialspieler haben, wird nicht definiert. Und was passiert und inwiefern man sich dazu „verpflichten“ will, ebenfalls nicht. Die Integration der Jugend als gelebte Praxis wäre ein wirklich wichtiger Schritt. Nicht irgendwelche Absichtserklärungen, für die bei Nicht-Einhaltung keine Konsequenz möglich ist. 

Alles in allem bleibt alles wie es ist. Daraus macht auch niemand einen Hehl. „Wir haben mit den Geschäftsführern Gerhard Goldbrich und Daniela Friedl sowie unserem Meistermacher Franco Foda wieder Kontinuität in den Betrieb Sturm Graz einziehen gesehen", nennt es Jauk. Man hat sich die Mittelmäßigkeit auf allen Ebenen als langfristiges Konzept verordnet, mit dem man selbst sehr zufrieden ist, könnte man auch sagen.

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 verfasst er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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