Raffls Dallas Stars: Letzte Stanley-Cup-Chance?

Raffls Dallas Stars: Letzte Stanley-Cup-Chance? Foto: © getty
 

Tief im Herzen von Texas findet Michael Raffls NHL-Karriere ihre Fortsetzung. Der Villacher hat in der vergangenen Woche einen Einjahres-Vertag bei den Dallas Stars unterschrieben.

Obwohl Raffl der erste Österreicher sein wird, der für die Texaner in einem NHL-Spiel auf dem Eis steht, ist er nicht der erste rot-weiß-rote Crack, der eine Verbindung zu den Stanley-Cup-Champions von 1999 hat.

Just in dem Jahr, in dem die Stars ihren größten Triumph der Franchise-Geschichte bejubeln durften, wurde der damals noch 19-jährige Gregor Baumgartner in der fünften Runde vom 1993 nach Dallas ausgewanderten Team gedraftet.

Für den heutigen GM der Black Wings aus der ICE Hockey League, der zwei Jahre zuvor an Position 37 von den Montreal Canadiens ausgewählt wurde, war die AHL das Limit. Doch in Dallas hat sich seit dem Draft Baumgartners und der Akquirierung Raffls viel getan, auch wenn das Meiste abseits des Hockey-Mainstreams geschah.

Die ganz fetten Jahre sind lang vorbei

Für knapp zehn Jahre zwischen 1996 und 2006 waren die Stars eine veritable Macht in der NHL. In den neun gespielten Saisons (2004-05 fiel dem Lockdown zum Opfer) gewannen die Texaner siebenmal die eigene Division.

1999 und 2000 standen die Stars im Stanley-Cup-Finale, in der letzten Ausgabe vor der Jahrtausendwende waren es Brett Hull und sein Schlittschuh, die für den bisher einzigen Cup in einem epischen sechsten Spiel gegen die Buffalo Sabres sorgten. Im Jahr darauf ging die begehrteste Trophäe im Eishockey nach New Jersey.

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Stars nach dem Triumph von 1999
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Das Stanley-Cup-Team war mit ganz großen Namen gespickt, allen voran Mike Modano. Der Center gilt als der wohl beste US-amerikanische Spieler aller Zeiten. Der heute 51-Jährige hält mehrere Tor- und Punkt-Rekorde in der NHL, die noch kein anderer US-Crack knacken konnte.

Doch nur den leuchtenden Stern im damaligen Kader der Stars herauszupicken, wäre zu kurz gegriffen. Joe Nieuwendyk, der 1995 im Tausch für einen gewissen Jarome Iginla aus Calgary nach Dallas kam, spielte 1999 famose Playoffs und wurde mit der Conn Smythe Trophy für den Playoff-MVP ausgezeichnet.

Bei den Namen Brett Hull, Jere Lehtinen, Sergei Zubov, Darryl Sydor, Kapitän Derian Hatcher und Torhüter Ed Belfour wird Stars-Fans noch bis heute warm ums Herz. Zubovs Nummer 56 wird im Jänner 2022 in einer Zeremonie gegen die Capitals in Pension geschickt.

Der Russe ist erst der vierte Spieler, der in Dallas auf diese Art und Weise geehrt wird. Modano, Lehtinen und Neal Broten - der 1993 nach 12 Jahren mit den damaligen Minnesota North Stars nach Texas übersiedelt ist und insgesamt 16 Spielzeiten für die Franchise absolviert hat – wurden in Dallas auf diese Art verewigt. Die Banner von Bill Goldsworthy und dem 1968 in einem tragischen Zwischenfall verstorbenen Bill Masterton wurden einfach aus Minnesota mitgenommen.

Rettung nach Bankrott

Dass auch die Nummer von Raffl einmal unter dem Dach des American Airlines Centers hängen wird, darf Stand heute ausgeschlossen werden. Dass er in jener Arena überhaupt auf das Eis gehen kann, war über die Jahre nicht immer in Stein gemeißelt. Mit dem Ende der kompetitiven Zeit der Stars brachen finanzielle Probleme über die Franchise herein.

Die NHL musste 2010 eingreifen, um das Team vor dem Kollaps zu bewahren. Im September 2011 erzwangen die Kreditoren der Franchise den Bankrott und anschließenden Verkauf des Teams. Zwischen 2009 und 2011 schrieben die Texaner einen Verlust von 92 Millionen Dollar.

Der Kanadier Tom Gaglardi übernahm daraufhin das Team um 240 Millionen Dollar. Mit ihm kam die Franchise wieder aus mehr als schwierigen finanziellen Fahrwassern heraus. Die wichtigste Entscheidung der Gagliardi-Ära kam wohl am Ende der Saison 2012-13, als Joe Nieuwendyk, der die Wandlung vom Spieler zum GM gelinde gesagt mäßig vollzogen hat, entlassen und durch Jim Nill ersetzt wurde. Der heute 63-Jährige war während der goldenen Jahre der Detroit Red Wings für die Franchise tätig.

Unglückliche Trainer-Entscheidungen

Nill wurde gleich tätig und holte Tyler Seguin per Trade, in dem die Stars eindeutig das bessere Ende für sich behalten haben, aus Boston. Der heute 29-Jährige schaffte in Texas den langersehnten Sprung zum Franchise-Center, der neben Jamie Benn das Rückgrat des Teams bildet.

Unter der Ägide von Nill fanden auch Ben Bishop, Alexander Radulov, Joe Pavelski und erst kürzlich Ryan Suter den Weg nach Dallas. Jungstar Miro Heiskanen wurde 2017 an dritter Stelle gedraftet.

Alle Entscheidungen des GMs der Stars waren aber nicht von Erfolg gekrönt. Teure Free Agents wie Ales Hemsky und Martin Hanzal verbrachten mehr Zeit bei den Physios als auf dem Eis. Auch bei den Head Coaches bewies Nill nicht immer ein glückliches Händchen.

Lindy Ruff und die Rückhol-Aktion von Meistercoach Ken Hitchcock brachten nicht den erhofften Sprung nach vorne. Hitchcocks Nachfolger Jim Montgomery, der in der Mannschaft hohes Ansehen genoss, musste Nill nach eineinhalb Jahren wegen eines Alkoholproblems entlassen.

Rick Bowness (im grauen Anzug) führte die Stars ins erste Finale seit 20 Jahren.
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Der aktuelle Head Coach Rick Bowness fungierte ursprünglich als Assistent, nach der Entlassung Montgomerys - der nach einem Entzug bei den St. Louis Blues untergekommen ist - rückte der heute 66-Jährige als Interimslösung ins erste Glied. Nachdem Bowness mit den Stars 2020 das Stanley-Cup-Finale erreichen konnte, wurde der Kanadier endgültig zum Chef befördert.

Shopping-Tour nach Enttäuschung

Doch in der Vorsaison krachten die Sterne wieder zurück auf die Erde, eine Fülle von Verletzungen bei Stammspielern wie Seguin, Radulov und Bishop war einer der Faktoren dafür, dass die Stars nur ein Jahr nach dem Einzug ins Finale die Playoffs ganz verpassten.

Nill in dieser Offseason als aktiv zu bezeichnen, wäre bestenfalls ein Euphemismus. Der General Manager der Stars rüstet groß auf.

Nachdem die zweite Amtszeit von Verteidiger Jamie Oleksiak im Expansion Draft endete, sicherten sich die Stars die Dienste von Ryan Suter. Der Verteidiger, der mit Saisonende per Buyout vier Jahre vor Vertragsende aus seinem teuren Arbeitspapier entlassen wurde, unterschrieb in Texas für vier Jahre zu einem Gesamtwert von 14,6 Millionen Dollar. Kein Pappenstiel für einen 36-Jährigen, der trotz seiner evidenten Klasse in den vergangenen Jahren eine deutliche Leistungsregression vorgenommen hat.

Billiger gab es dafür Goalie Braden Holtby, der einen Einjahres-Vertrag um zwei Millionen Dollar ergattert hat. Holtby wechselte im Oktober 2020 mit großen Hoffnungen aus Washington nach Vancouver. Bei den Canucks spielte der 31-Jährige die schlechteste Saison seiner Karriere, den Stammplatz im Tor verlor der ehemalige Stanley-Cup-Champion während der Saison an Thatcher Demko. Vancouver hatte genug und so widerfuhr auch Holtby das Buyout-Schicksal.

Anton Khudobin (l.) herzt Jake Oettinger (r.)
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Das geringe Gehalt und die durchaus ansprechende Vergangenheit Holtbys lassen diesen Deal als wahres Schnäppchen erscheinen. Das Problem, das sich nun aber bietet: Die Stars haben vier potenzielle Torhüter für das NHL-Team, also ungefähr zwei zu viel.

Stau im Stars-Tor

Der 34-jährige Ben Bishop galt bis 2020 als Nummer eins im Tor der Stars. Unglücklicherweise ist der 2,01 Meter große Hüne verletzungsanfällig. In der vergangenen Saison war der Kanadier gar nicht im Einsatz. In der Zwischenzeit hat Anton Khudobin das Zepter als Starter übernommen. Der Russe hatte durch seine unzähligen Glanzparaden großen Anteil am Final-Einzug der Stars.

In der vergangenen Saison gehörten einem anderen Goalie die Schlagzeilen: Jake Oettinger.

Der 2017 in der ersten Runde gedraftete US-Amerikaner war vor Saisonbeginn eigentlich für das Farmteam in Cedar Park eingeplant, fungierte zu Saisonbeginn aufgrund der Zwangspause Bishops zunächst als Backup. Dies sollte sich schnell ändern. Khudobin fiel bei Head Coach Bowness für einige Spiele in Ungnade, Oettinger übernahm das Tor und brillierte. In 56 Saisonspielen kam Khudobin 32-mal zum Einsatz, Oettinger 29-mal. Statistisch behält der 22-jährige Amerikaner die Oberhand.

Nun gesellt sich also Holtby zu diesem Triumvirat auf NHL-Ebene hinzu. Was Nill mit seinem Goalie-Quartett anstellt, wird mit Spannung erwartet. Oettinger zurück in die AHL zu stecken, würde dessen Entwicklung bremsen. Bishop wurde im Expansion Draft nicht geschützt, um Khudobin behalten zu können. Seattle hat aber nicht zugeschlagen.

Neben Raffl, Holtby und Suter schlossen sich weitere Spieler den Stars an. Darunter Luke Glendening kommt von den Red Wings, Verteidiger Jani Hakanpää stockt die ohnehin schon große finnische Fraktion im Kader der Stars nocheinmal auf. Insgesamt zählt die "Finnish Mafia", so die Bezeichnung unter den Fans, sechs Akteure, darunter die Leistungsträger Heiskanen, Esa Lindell und Roope Hintz.

Free Agents mit Cup-Hoffnungen

Die Aktivität der Stars auf dem Free-Agent-Markt lässt darauf hindeuten, dass man auf Management-Ebene das Gefühl hat, dass sich das Titel-Fenster schließt. Stützen wie Jamie Benn, Joe Pavelski, Anton Khudobin und Alex Radulov befinden sich jenseits der 30-Jahre-Marke. Seguin erreicht diese im Jänner 2022.

Joe Pavelski hätte 2020 beinahe den großen Wurf geschafft.
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Mit Jason Robertson, Heiskanen, Hintz und Oettinger befinden sich aber auch einige Zukunftshoffnungen im NHL-Kader.

Das wiederholte Verpassen der Playoffs darf für die Stars in dieser Saison keine Option sein. Ryan Suter hat sich den Stars angeschlossen, um nach dem Stanley Cup zu greifen, auch Joe Pavelski hat sich diesem Unterfangen 2019 nach 13 Spielzeiten bei den San Jose Sharks verschrieben.

Dieser Mission wird Michael Raffl durchaus einiges abgewinnen können. Möglicherweise wird der Villacher der erste Österreicher, der den Stanley Cup gewinnen kann. Dazu muss bei den Stars die vergangene Saison aber so schnell wie möglich abgeschüttelt werden.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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