NHL: Die Probleme der Corona-Saison

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Noch steht für die NHL als inoffizieller Starttermin der 1. Jänner 2021. Doch dieser von Ligaboss Gary Bettman angestrebte Tag wurde schon vor Wochen von mehreren Eigentümern angezweifelt und ist mittlerweile fast nicht mehr realisierbar. Neben logistischen Problemen ist in Corona-Zeiten auch wieder ein Streit ums liebe Geld ausgebrochen.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller wirft einen analysierenden Blick hinter die Kulissen:

Geschlossene Grenzen: Noch sind die Grenzen zwischen Kanada und den USA nicht frei passierbar, auch wenn die USA hier eher zur Normalität zurückkehren dürfte. Als Lösung dieses Problems dürften die Divisions umgestaltet werden. In einer reinen kanadischen Division würden alle sieben kanadischen Teams zusammengefasst. Zumindest zu Beginn der Saison würden die Teams in diesen Divisions nur untereinander spielen, lange Reisen damit ausgeschlossen werden.

"Semi-Bubbles": Klar, eine Lösung wie für die Playoffs der Vorsaison, als die Teams in Toronto bzw. Edmonton kaserniert wurden, ist über eine ganze Saison natürlich nicht machbar. Der Plan für die ersten Saisonwochen: Teams fliegen (wie immer per Charter) in eine Stadt und spielen dort mehrere Spiele gegen einen oder mehrere Gegner (wie etwa in New York).

Das Team bewegt sich dabei nur zwischen Halle und Hotel, womit das Infektionsrisiko zumindest in dieser Zeit reduziert werden soll. Nach einem solchen Trip würden die Spieler zu ihren Familien zurückkehren, ehe sie dann einige Heimspiele bestreiten.

Doch wie in Europa – etwa in der ICE Hockey League – bereits als Erfahrung gemacht: So gut kann man Hallen gar nicht abschirmen und desinfizieren, dass sich Spieler nicht anstecken, schließlich haben die meisten von ihnen Familie.

Zuschauer in den Hallen: Dass zunächst keine Fans zugelassen sind, liegt auf der Hand, so schnell kann die USA ihre Impfwelle gar nicht vorantreiben. Doch Bettman hofft, dass im Laufe der Saison Zuschauer sukzessive wieder zugelassen werden. Ein frommer, aber verständlicher Wunsch, keine andere nordamerikanische Liga ist so von den Zuschauereinnahmen abhängig wie die NHL: Die Differenz zwischen einer Saison mit vollen Hallen und einer ohne Fans liegt etwa zwischen fünf und einer Milliarde Dollar.

Kein Wunder, dass einige Eigentümer mit dem Gedanken spielen, die Saison ganz ausfallen zu lassen. Allerdings: Nächsten Sommer müssen neue TV-Verträge ausgehandelt werden und Partner, denen zuvor gar kein Produkt angeboten wurde, werden sicher nicht mit den Dollarscheinen herumwedeln.

Der Kampf um das liebe Geld

Soweit zu den logistischen Problemen und da ist noch gar nicht besprochen, in welchem Format die Playoffs gespielt werden könnten. Doch in den letzten Tagen ist wieder ein Streit zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft ausgebrochen, wo es um zwei Punkte geht:

"Salary Deferrals": Die Liga und die Gewerkschaft einigten sich im Frühjahr auf einen neuen Rahmentarifvertrag bis 2026, unter dem Druck der Pandemie verzichteten beiden Seiten auf die üblichen Machtspiele und Posen in der Öffentlichkeit und arbeiteten im Stillschweigen einen Deal aus.

Im Memorandum zum neuen CBA wurden auch die durch Corona nötigen finanziellen Maßnahmen festgehalten. Dazu gehörten "Salary Deferrals", also zurückgehaltene Gehälter, die dann später ausbezahlt würden. Das wären für die nächste Saison zehn Prozent, die dann auf die darauffolgenden Spielzeiten aufgesplittet würden.

"Escrow": Im Gegensatz zu den Deferred Salaries ist Escrow schon ein alter Hut. Jedes Jahr wird ein Teil der Spielergehälter einbehalten, bis im Sommer die Gesamteinnahmen der Liga ("Hockey Related Revenue") berechnet werden können. 50 Prozent davon stehen den Spielern zu, durch die Endsumme kann der Escrow (=einbehaltene Gelder) dann teilweise, vollständig oder gar nicht zurückbezahlt werden.

Für die Saison 20/21 einigten sich beide Seiten darauf, Escrow auf den Rekordwert von 20 Prozent zu schrauben, eine Marke, die dann im Laufe der nächsten Jahre sukzessive auf sechs Prozent absinken sollte.

Die Spieler verzichteten damit für die nächste Saison (vorläufig) auf 30 Prozent ihrer Gehälter, Freude hatte daran natürlich niemand, aber die Notwendigkeit für solche unpopuläre Maßnahmen durch Corona lag auf der Hand.

Besitzer vs. Spieler

So weit, so schlecht, dachten sich die Cracks, ehe sie vor knapp zehn Tagen mit einer neuen Forderung der Teams konfrontiert wurden. Zurück an den Start, die Salary Deferrals sollen nicht zehn, sondern 26 (!) Prozent betragen. Und der bei Spielern unpopuläre Escrow soll in den letzten Jahren des Deals nicht auf sechs, sondern acht bis neun Prozent absinken.

Ein gewaltiger Schuss vor den Bug, schließlich hatten beide Seiten die neue Abmachung schon in Covid-Zeiten ausgehandelt. Kein Wunder also, dass die Gewerkschaft auf diesen Zug bis jetzt nicht aufsprang. Knicken die Spieler doch noch ein? Trifft man sich irgendwo in der Mitte? Beharrt die Gewerkschaft auf dem in gutem Glauben ausgehandelten Deal? Was den Spielern auch sauer aufstößt: Die Expansion-Gebühr des neuen NHL-Teams, der/die Seattle Kraken, von 650 Millionen Dollar wird (wie immer) nicht als "Hockey Related Revenue" betrachtet, d. h. die Spieler bekommen davon nichts ab.

Fronten scheinen verhärtet zu sein

Die Begründung der Liga: Die Eigentümer tragen alle Risiken, daher steht ihnen dieses Geld zu. Das Gegenargument der Gewerkschaft: Wenn ihr alle Risiken trägt, wieso sollen wir da jetzt schon wieder einen Teil unserer Gehälter vorschießen?

Das Gute an der derzeitigen Lage: Seit die Liga am 18. November mit diesem Vorschlag an die Spieler herangetreten ist, wurde in der Öffentlichkeit nicht viel Porzellan zerschlagen. Nichts käme in Corona-Zeiten wohl schlechter bei den Fans an, als wenn sich Millionäre mit Multi-Millionären kabbeln.

Das Schlechte an der derzeitigen Lage: Seit dem 18. November soll nicht nur nach außen, sondern auch nach innen Funkstille herrschen, es gab keine Verhandlungen über diesen neuen Vorschlag.

Wie viel Saison bleibt am Ende?

Und ein weiterer bis jetzt noch nicht besprochener Punkt birgt auch Zündstoff: Was ist, wenn die Liga auch noch darauf besteht, dass bei einer verkürzten Saison (und die kommt sicher) die Spieler auch nur für den aliquoten Teil der Spiele (also etwa 60 statt der üblichen 82) bezahlt werden?

Anwälte suchen inzwischen auch im CBA und Memorandum nach Schlupflöchern – gäben diese etwa die Möglichkeit eines Lockouts (wenn auch unter einem anderen Namen) her, wenn die Spieler nicht einknicken?

Noch kann man hoffen, dass beide Seiten einen Deal finden, mit dem sie leben können. Allerdings: Der im Juli ausgehandelte Vertrag hat offenbar nicht einmal bis November Bestand gehabt.

Fix ist: Die Liga muss die Spielergewerkschaft spätestens ein Monat zuvor über den Termin des Saisonstarts informieren. Beim 1. Jänner – ein Datum, das schon aufgrund der Tatsache, dass die Camps in die Weihnachtszeit fielen, nicht optimal war – wäre das also spätestens morgen und das erscheint aufgrund der letzten Entwicklungen unmöglich. Als spätestes Enddatum für die Saison wird der 22. Juli gehandelt, dann steigen die TV-Sender auf die Übertragung der Olympischen Sommerspiele um.

Es sieht also ganz danach aus, dass die Teams in Europa – wie etwa der VSV mit Michi Raffl – sich noch länger an ihren NHL-Leihgaben erfreuen können…

Textquelle: © LAOLA1.at

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