"Ich wünsche Thiem zehn Grand Slams"

Aufmacherbild Foto: © GEPA
 

Thomas Muster stellt klar, dass er keinerlei Neid für die noch möglichen Erfolge von Dominic Thiem hegt. "Ich wünsche ihm zehn Grand Slams, 15 Jahre Nummer eins, es kann uns nix Besseres passieren", meint Österreichs erfolgreichster Tennis-Spieler gegenüber der APA.

"Ich bin sicher kein Mensch, der glaubt, er muss der Einzige bleiben, der das jemals erreicht hat", so der 49-Jährige.

Weiters nimmt er zur Diskussion rund um die Wahl zum Sportler des Jahres und zum Fördersystem Stellung:

Frage: Das Erste Bank Open war auch ohne Österreicher in der Endphase sehr erfolgreich. Ist das Turnier der Star oder hat auch Dominic Thiem einen Boom mitausgelöst?

Thomas Muster: Natürlich. Es ist eine Kombination aus dem Lokalmatador auf der einen Seite, dann das starke Starterfeld auf der anderen. Aber man muss auch schauen, dass man ein Turnier ein bisserl unabhängig macht. (...) Vielleicht funktioniert es nächstes Jahr mit Dominic, er ist ein junger Spieler und er hat seine Ups and Downs. Ganz nehme ich es ihm noch nicht ab, wenn er sagt, er hat keinen Druck, wenn er in Österreich spielt. Das wär' untypisch. Es ist automatisch so, jeder, mit dem man redet, hat Druck, wenn er in seinem Land spielt. Man will den Leuten zuhause ja auch zeigen, dass man gute Leistungen bringt."

Frage: Spielen Sie eigentlich noch selbst Tennis?

Muster: Ich spiele ab und zu, und wenn ich einmal ein Champions-Tour-Event habe, dann spiele ich zwei, drei Wochen vorher, aber in der Regel spielt wahrscheinlich jeder Hobbyspieler mehr.

Frage: Haben Sie - ähnlich wie Boris Becker oder Ivan Lendl - selbst Angebote erhalten, als Coach zu fungieren?

Muster: Ja, es war einmal Wawrinka ein Thema, dann Tomic und noch ein paar andere. Aber ich habe das dann verneint. Ich will kein Grand-Slam-Coach sein oder für die Sandplatz-Tournee. Wenn ich was mache, dann zu hundert Prozent. Nur für ein paar Wochen im Jahr nach dem Motto 'rent a coach' - da gibt es genügend davon.

Frage: Zudem wäre es wohl auch mit Ihrer Familie nicht leicht zu vereinbaren.

Muster: Wenn man Kinder hat, will man auch dort sein. Ich war eh lang genug unterwegs. Das führt meistens zuhause nicht zu guten Stimmungen, aber das ist bei allem so, wenn man zu viel unterwegs ist.

Foto: © GEPA

Frage: Spielen Sie immer noch Schlagzeug?

Muster (lacht): Nach wie vor, aber leider nicht besser.

Frage: Zurück zum Sportlichen: Stört es Sie eigentlich, dass aufgrund des Aufstiegs von Dominic Thiem immer mehr Menschen darüber sprechen, er könnte Ihre Fußstapfen füllen?

Muster: Ich wünsche ihm zehn Grand Slams, 15 Jahre Nummer eins, es kann uns nix Besseres passieren. Ich bin sicher kein Mensch, der glaubt, er muss der Einzige bleiben, der das jemals erreicht hat. Wie wir alle wissen, wenn wir nicht mehr sind, werden wir schnell vergessen. Ich habe meine Sache gut gemacht, ich habe einen Job gemacht, der in Ordnung war, ich habe eine gewisse Popularität im Land ausgelöst, was Tennis betrifft. Es gibt nichts Besseres wie jemand, der das verbessern kann, der größer, besser wird und verdient sich das. Ich finde das super positiv und würde mich sehr freuen, wenn das passiert. Ich kenne kein Neidgefühl. Es ist ein Krankheitsbild in Wahrheit, jemandem etwas neidig zu sein und nicht selber draufzuschauen, dass man es besser machen kann.

Frage: Was sagen Sie aktuell zur Arbeit im Österreichischen Tennisverband?

Muster: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass viele Leute in Österreich Tennis spielen, und das ist eine Verbandsaufgabe. Alles andere sind Individualisten. Selbst im Skisport, der eigentlich die Berechtigung hat, vom Jugendalter bis zum Weltcup alles zu managen, weil er die Ressourcen hat. Da finde ich es auch okay, aber selbst ein Hermann Maier oder ein Marcel Hirscher sind alles Individualisten, die selbst ihren Weg auch gefunden haben, was ja normal ist. Ich kann nur ein System haben, da kann ich alle noch einigermaßen über den Kamm scheren, aber bei den Besseren geht das nicht. Die müssen Individualisten sein, sonst werden sie nicht besser und anders. Das wird immer so sein."

Frage: Das gilt also für den gesamten Sport?

Muster: Man muss ein System finden, das eine gewisse Breite hat, um dann diese Individualisten zu finden, die sich dann weiterentwickeln können und dazu muss man die Ressourcen und die Gelder aufstellen. Und auch das Gießkannenprinzip vergessen. Auch in der Tierwelt bleiben die Schwächeren über. Man kann nicht für jeden einen Topf öffnen, da ein paar Euro und dort ein paar Euro, sondern man muss sich einfach deklarieren zu ein paar Sportarten. Die anderen müssen halt leider auf der Strecke bleiben. Das klingt zwar hart, aber es ist einfach so. Da wird zu viel gepokert und werden zu viele Seilschaften verbogen und verdreht und Gefälligkeiten getan, die am Ende des Tages keinen weiterhelfen.

Frage: Was sagen Sie zu den Diskussionen um den Sportler des Jahres?

Muster: Natürlich kann ich damit leben, dass Marcel Hirscher Sportler des Jahres geworden ist - weil er sich's verdient hat. Ich sage auch, dass der super trainiert. Aber wo sonst fährt man Ski außer in der Schweiz, Italien, Frankreich, Österreich, ein bisserl in Deutschland? Selbst alle, die in Amerika etwas können, trainieren in Österreich oder haben einen österreichischen Trainer. Das können wir uns auf die Fahnen heften, dass wir da super sind. Aber man muss auch sehen, dass es Sportarten gibt, die weltweit gespielt werden, wo Millionen versuchen, dorthin zu kommen, wo ein Aufwand betrieben wird, das kann der Skisport nicht bieten. Solche Leistungen werden oft auch nicht so anerkannt. Ich war auch Nummer eins der Welt und bin nicht Sportler des Jahres geworden, weil es Andi Goldberger wurde (1996, Anm.). Da verschieben sich für mich Relationen, das ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber es ist auch so, dass der Skiverband eine große Lobby hat, und natürlich kann der Schröcksnadel das besser vermarkten mit einem Sportler des Jahres. Österreich lebt vom Tourismus und lebt vom Skisport. Ein Skiverband kriegt so viele Millionen, und ein Tennisverband muss mit ein paar 100.000 Euro auskommen. Da kann ich nichts bewegen, da stimmen die Relationen nicht.

"Auch in der Tierwelt bleiben die Schwächeren über. Man kann nicht für jeden einen Topf öffnen, da ein paar Euro und dort ein paar Euro, sondern man muss sich einfach deklarieren zu ein paar Sportarten."

Thomas Muster über das Gießkannenprinzip

Frage: Abseits von diesem Turnier hört man während des Jahres wenig über Sie.

Muster (lacht): Das ist auch gut so. Grundsätzlich kümmere ich mich das ganze Jahr ein bisserl um das Turnier mit, aber Herwig (Straka) ist als Turnierdirektor viel mehr eingeteilt. Ich spiele selbst ein paar Schaukämpfe, kümmere mich aber auch sehr gern um die Familie, bin gern zu Hause, mache auch gern die Wege in die Schule und sehe die Entwicklung meiner Kinder.

Frage: Leben Sie in der Steiermark?

Muster: In Velden. Unsere Tochter geht dort in eine internationale Schule, in Graz gibt es das nicht. Hauptwohnsitz ist nach wie vor Leibnitz. Wir verbringen aber doch sehr viel Zeit aufgrund der Schule in Kärnten. Der Wörthersee ist sehr schön, also es gibt schlechtere Plätze auf der Welt.

Frage: Haben Sie immer noch das Anwesen in Noosa Heads in Australien?

Muster: Ja, sicher. Es gibt in Australien einige Immobilien. Mein Sohn lebt ja auch in Australien, er ist mittlerweile 15. Dadurch verbringe ich selbstverständlich auch Zeit in Australien und Neuseeland.

Frage: Auch in Neuseeland?

Muster: Dort sind ein bisserl meine Immobilien-Interessen auch. Ich bin gern weit weg manchmal - das sind sehr tolle Länder. Für mich sind solche Dinge eine Horizonterweiterung, ich bin viel auf der Welt herumgekommen. Dadurch schätze ich auch diese Ausflüge in verschiedene Länder und Kulturen, weil man da immer was mitnehmen kann. Ich mag eigentlich nicht immer am selben Platz sein, aber ich komme immer sehr gerne nach Hause.

Frage: Ist Österreich einfach nicht so ein Sportland wie zum Beispiel Australien?

Muster: Man muss schon sagen, in Österreich gibt es Tourengehen, Skifahren, Laufen, Radfahren, das hat an Popularität gewonnen. Es passiert ja auch was, es gibt schon Verbesserungen, es ist ja auch so, dass man versucht, die Turnstunden anzupassen, mehr Sport betrieben wird. Ich kann es vergleichen, weil unser Kind in Australien in die Schule gegangen ist. Es fängt beim Purzelbaum, dem Handstand an. Bei uns gibt es Kinder, die können das nicht. Das ist ein Wahnsinn, dass ein 5,6,7-jähriges Kind keinen Purzelbaum kann und du glaubst, der bricht sich das Kreuz. Das ist wirklich schlimm anzuschauen, dass diese natürlichen Bewegungsformen, die Kinder haben sollen, nicht da sind. Da müsste man ansetzen. Man darf aber auch nicht nur der Politik die Schuld geben. Das fängt bei den Eltern an, wenn die Eltern mit den Kindern das nicht machen, wer soll es dann tun?

Frage: Wie kann man das beeinflussen?

Muster: Man muss dieses Bewusstsein bei den Eltern steigern. Kein System ist perfekt, keine Gesellschaft ist perfekt. Es muss eine Ebene geben, die politisch verankert ist, aber es muss nicht in allen Regionen, Dachverbänden usw. so tief verwurzelt sein, bis hin zu den ganzen Landessportstellen und in die untersten Vereinsebenen. Es muss nicht jeder eine Förderung haben und jeder Verein noch ein paar Euro rausgequetscht kriegen.


Textquelle: © LAOLA1/APA Zum Seitenanfang »

LAOLA Meins - Tags folgen

COMMENT_COUNT Kommentare