Die Judo-Gräfin leidet leise

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Die verborgenen Leiden der Judo-Gräfin

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Vier Jahre auf ein Turnier hintraineren.

Und dann stehst du am Tag X auf und denkst dir, eigentlich würdest du lieber im Bett bleiben, als die Welt zu zerreißen.

Bernadette Graf ist es am Mittwoch so ergangen. Kränkelnd mühte sich die Innsbruckerin aus den Federn, um in Rio bei ihren ersten Olympischen Spielen auf die Matte zu gehen.

Vom Plan, die Welt zu zerreißen, ließ sich die 24-Jährige aber dennoch nicht abbringen. Mit einem Freilos sowie zwei Siegen und Niederlagen wurde sie in der Klasse bis 70 kg Fünfte, was im Judo „Blech“ bedeutet.

„Wenn man sich eine Medaille vornimmt und es schlussendlich so knapp nicht klappt, dann ist die Enttäuschung riesengroß“, ist sie nicht zufrieden.

Und ihr Kränkeln? Das habe sie während der Kämpfe einfach ausgeblendet. „Ich hätte mir nicht gedacht, dass es mir mit der Luft so gut geht.“ Dabei hatte das am Morgen noch ganz anders ausgesehen.

Das Minimal-Programm genügt

Grafs Erkältung kam keineswegs aus dem Nichts. „Es hat sich in den vergangenen zwei Tagen abgezeichnet“, bestätigt sie. Mit Medikamenten hatte man noch versucht, gegenzusteuern. Der Erfolg hielt sich in Grenzen.

„Bei der Erwärmung war schon nach fünf Minuten ihr Puls hochgeschossen“, schwante Damen-Nationaltrainer Marko Spittka zunächst Übles. Ein paar Übungen zum Reinkommen und ein kurzes taktisches Einstellen – mehr war angesichts ihrer Verfassung nicht drinnen. Und es sollte reichen.

Achtelfinalgegnerin Maria Portela (BRA) rang sie erst in der Verlängerung nieder. Und das ohne ein Anzeichen, zu wenig Luft zu bekommen. Dass sich die Halle gegen Graf stellte, war ihr egal. „Wenn ich sie gehört habe, habe ich mir vorgestellt, dass sie für mich klatschen“, so die Projekt-Rio-Athletin, die der besiegten Lokalmatadorin beim Shakehands noch etwas zuflüsterte.

„Was das genau war, weiß ich gar nicht mehr. Ich versuchte sie zu trösten, weil ich sie doch sehr gern habe“, kennt sie die Brasilianerin von der World Tour gut.

Beinahe bewusstlos geworden

Kaum schien das Problem mit der Luft als nicht so schlimm, poppte nach der Viertelfinalniederlage gegen Laura Vargas-Koch (GER) in der Trostrunde gegen Kelita Zupancic (CAN) eine neue Schwierigkeite auf: Ihre Schulter.

Bei der beinah verhängnisvollen Umdreh-Technik, welche die Kanadierin in der letzten Minute ansetzte, bekam Grafs Schulter schwer etwas ab. „Sie konnte anfangs den rechten Arm nicht einmal mehr anheben. Wir mussten sie tapen“, erzählt Spittka.

Wie brenzlig die Situation gegen Zupancic tatsächlich war, wird aber erst aus Grafs Schildungen erkennbar. Zur Erklärung: Ihre Gegnerin presste den Kopf und die rechte Schulter der Tirolerin mit einer Beinklammer zusammen und versuchte, sie auf den Rücken in den Festhalter zu drehen.

„Ich habe nur noch gebetet, dass die Zeit bald aus ist, weil ich kurz davor war, dass mir schwarz vor Augen wird, da ich keine Luft mehr bekommen habe.“ Während die Schulter schon sehr geschmerzt hat, drückte ein Bein von Zupancic auf ihr Gesicht, weshalb sie kurz vor der Ohnmacht stand.

Ein Aufgeben kam jedoch nicht infrage, mitunter weil sie im Augenwinkel die letzten Sekunden des Kampfes auf der Uhr herunterticken sah.

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Adrenalin und Schmerztabletten sei dank

Im Bronze-Kampf gegen Sally Conway (GBR) ließ Graf von einer lädierten Schulter allerdings nichts erkennen. Im Gegenteil: Sie agierte sogar griffdominanter als in den Runden zuvor, wenngleich der rechte Arm für ihre Kampfanlage die untergeordnete Rolle spielt.

„Dank dem ganzen Adrenalin und den Schmerztabletten habe ich die Schulter gegen Sally überhaupt nicht gespürt“, meisterte sie auch die zweite Problematik an ihrem Tag X souverän.

Nicht meistern ließ sich jedoch Conway, der mit einem Beinwurf die entscheidende Yuko-Wertung gelang. „Da war sie mit den Füßen einmal einen Tick schneller, das hat im Endeffekt die Medaille gekostet“, spricht sie lieber über Techniken als über Krankheiten oder Verletzungen. Wahrscheinlich, weil diese von außen schnell als Ausreden abgetan werden, hält sie Derartiges sogar meist geheim.

So wollte sie schon vor zwei Tagen nicht, dass Medien über ihr Kränkeln berichten. Dass sie sich in der Olympia-Vorbereitung einen Bänderriss im Knöchel zuzog, blieb der Öffentlichkeit sogar gänzlich verborgen.

Schließlich zählt für Graf nur das Ergebnis am Tag X. Und nach diesem überwiegt für sie im Augenblick die Enttäuschung. „Aber mit einem fünften Platz kann ich – glaube ich – auch ein wenig zufrieden sein. Irgendwann.“

 

Aus Rio berichtet Reinhold Pühringer


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