Absurdes Verbot des IOC

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Gladiatoren fressen Staub

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Kennst du Martina Ritter?

Laurence Baldauff?

Oder Sargis Martirosjan?

Da das hier keines unserer Quizes ist, lösen wir rasch auf: Es handelt sich um österreichische Olympia-Starter.

Also Sportler, die – zugegeben – keine große Bekanntheit genießen, die in den nächsten Tagen jedoch vermehrt in den Medien auftauchen. Auch in Medien, in denen sie für gewöhnlich nicht vorkommen. Sprich: Sie rücken mit einem Mal in den Fokus.

Was die drei abgesehen ihrer Olympia-Ehren noch gemeinsam haben? Sie verdienen mit dem, was sie tun und lieben, keine Millionen. Im Gegenteil: Eigene Investitionen gehören zur Tagesordnung.

Sponsoren? Meist schwer zu lukrieren. Zu wenig mediale Aufmerksamkeit als Ursache.

Eigentlich käme da der Fokus der Olympischen Spiele, der größten Bühne, die die Sportwelt für sie zu bieten hat, gerade recht.

Denkste.

Das IOC vebannt fünf Wochen rund um die Spiele alle Sponsoren, welche nicht zum hauseigenen Unterstützer-Pool gehören. Überspitzt könnte deshalb das Geschäftsmodell des IOC wie folgt zusammengefasst werden: Du, lieber Athlet, darfst mitmachen, wir zahlen dir kein Preisgeld, kassieren dafür aber das ganze Sponsoren- und TV-Geld.

Der Blickwinkel vom Olymp

Wobei obige Formel freilich nur eine Außenansicht ist. Ein anderer Standpunkt bedingt naturgemäß auch einen anderen Blickwinkel. Einen solchen hat Karl Stoss. Der ÖOC-Präsident wurde am Donnerstag in das IOC gewählt. Der Vorarlberger ist nun eines von insgesamt 98 Mitgliedern im höchsten Gremium des Weltsports.


Alexander Horst und Clemens Doppler im Wordrap:


Jenes Gremium, welches besagten Passus 40 der IOC-Charta zuletzt sogar noch einmal verschärft hat. So ist es IOC-fremden Sponsoren nun nicht einmal mehr erlaubt, sich auf Social Media mit Olympia-Erfolgen ihres Marken-Botschafters zu rühmen. Begriffe wie „Rio“, „Leistung“ sowie Hashtags wie #Rio2016 oder #Olympia sind asap verboten. Bei Verstoß soll der Athlet belangt werden. Rechts-Experten laufen dagegen Sturm.

Doch wie sieht das Neo-Olympier Stoss? „Ich finde es gut, weil die Athleten außerhalb der Olympischen Spiele genug Möglichkeiten haben, mit ihren Sponsoren aufzutreten“, so der 59-Jährige. Auch wenn er es über die Sportarten hinweg nicht pauschalisieren wolle, würden Welt- und Europameisterschaften seiner Ansicht nach genügend Sponsoren-Fläche abgeben.

Ein Eindruck, der sich in Gesprächen mit den Sportlern jedoch nicht verhärtet. „Ich hatte vor Olympia Auftritte bei gleich drei TV-Sendern, so etwas hatte ich überhaupt noch nie“, kannte Florett-Fechter Rene Pranz ein derartiges Maß am medialer Aufmerksamkeit bislang nicht. Wenngleich der 31-Jährige relativiert, dass er das Glück hatte, dass fragliche Auftritte gerade noch vor die Ende Juli beginnende Sperr-Zeit fielen.

Die Kernfrage ist, ob den Sportlern durch die Olympia-Sperre Sponsoren entgehen. „Konkret ist das nicht einfach zu beantworten, weil in der Regel schon jeder Sponsor von vorneherein über diese Sperre Bescheid weiß“, spricht Turmspringer Constantin Blaha von einer Erfahrung, die viele seiner Kollegen teilen. „Aber bestimmt würde mich ein Sponsoring während der Olympischen Spiele für Firmen noch attraktiver machen“, kommt er nicht umher einzuräumen.

„Jede TV-Sekunde ist enorm wertvoll für Sportler wie mich“, bestätigt Corinna Kuhnle. Die Wildwasser-Kanutin wird unter anderem von „Sky“ gesponsert. Dass der Sportsender einen etwaigen Olympia-Erfolg Kuhnles aufgrund des Passus 40 nicht vermelden dürfte, wäre an Absurdität nicht zu überbieten.

Für die schlechten Zeiten

Auf den Punkt bringt es 49er-Segler Nico Delle Karth: „Schau dich um! Überall sind Sponsoren. Die Letzten, die keine eigenen haben dürfen, sind die Sportler.“

Der Schluss liegt nahe, dass es bei der Verschärfung der Sponsoren-Regelung nur noch um den Schutz der wirtschaftlichen Interessen des IOC geht. Ein Eindruck, den Stoss jedoch explizit negiert.

Zumal das IOC stets öffentlich beteuert, dass das Geld in den Sport zurückfließe. „Was leicht übersehen wird, ist, dass ein wesentlicher Teil unserer Beschickungskosten für die Olympischen Spiele vom IOC abgedeckt wird“, wirft ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel ein, dass die Entsendungen schon lange nicht mehr nur mit Staatsmitteln und ÖOC-Sponsoren möglich sind. Die Reise nach Rio kommt für die 71 Sportler und deren Betreuer laut dem Vorarlberger auf 2,1 Mio. Euro.

Dass besagter Rückfluss in den Sport angesichts der 686 Millionen Euro Rücklagen (Stand 31. Dezember 2013) des IOC jedoch unverhältnismäßig geschehe, kommentiert Mennel mit dem Argument, dass schließlich Reserven für schlechte Zeiten gebildet werden müssten.

Etwas, das Sportler wie Larence Baldauff oder Sargis Martirosjan nur mithilfe ihrer sportlichen Leistungen allerdings nicht können. „Jedoch werden Olympia-Medaillengewinner von uns noch lange in einen medialen Mittelpunkt gestellt“, versucht Mennel zu entkräften.

Doch Passus 40 hin oder her – ist das prekärste Ungleichgewicht wahrscheinlich ganz woanders angesiedelt. Zumindest wenn man es nach Delle Karth geht: „Für mich ist der Kern der Debatte vielmehr, warum das IOC immer mehr Gewinn macht und die Veranstalter immer mehr ins Minus rutschen.“

Offenbar fressen nicht nur Gladiatoren Staub. 


Kreative Reaktion des deutschen Sprinters Sven Knipphals auf die Verbote:

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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