Die Opfer der neuen Fußball-Welt

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Die glorreichen Tage der Rieder sind vorbei

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Vorzeigeverein. Als solcher wurde die SV Ried viele Jahre lang völlig zu Recht bezeichnet. Selbst in jenen Tagen, in denen öffentlich lauthals gegen die Aufstiege der Dorfklubs gewettert wurde, war der Klub aus der 11.000-Einwohner-Stadt über jeden Zweifel erhaben.

Kein Wunder, gehören die „Wikinger“ doch seit 1995 – mit zwei Saisonen Unterbrechung – zum Inventar der Bundesliga, holten sogar zwei Cup-Titel und wurden einmal Vizemeister. Obwohl die SV Ried nie mit großzügigen finanziellen Mitteln gesegnet war, hat sie sich Nischen gesucht, diese erfolgreich besetzt und sich deshalb nicht nur über Wasser gehalten, sondern meistens sogar am Plafond bewegt.

Nach und nach sind diese Nischen aber verschwunden. Und das Leben der SV Ried ist immer komplizierter geworden. Dass sich daran etwas ändert, ist nicht absehbar. Die Oberösterreicher müssen sich künftig Jahr für Jahr auf einen beinharten sportlichen Überlebenskampf einstellen – seltene Ausreißer nach oben freilich nicht ausgeschlossen.

Stefan Reiter darf sich mit diesen Problemen nicht mehr herumschlagen. Künftig ist Franz Schiemer für das verantwortlich, wofür Reiter stets bewundert wurde – das Finden von Spielern, die Ried weiterhelfen. Andreas Ulmer, Daniel Royer, Stefan Lexa, Hamdi Salihi, Thomas Murg – stellvertretend für viele gute Transfers seien diese fünf Namen genannt, die Reiter ins Innviertel locken konnte.

Heute scheint kaum einer dieser Transfers mehr möglich. Das Scouting vieler internationaler Klubs ist mittlerweile so flächendeckend, die Transfersummen, die an Klubs vom Balkan überwiesen werden müssen, vergleichsweise so gering, dass definitiv ein anderer Verein das Risiko genommen hätte, Salihi zu verpflichten. Und der Stürmer hätte sich dann auch gegen Ried entschieden, weil er sonstwo mehr verdient hätte.

Das führt uns direkt zu Stefan Lexa – eine Spezialität Reiters war es, Österreicher aus dem Ausland zurück zu holen. Doch namhafte Legionäre haben sich inzwischen so sehr an das Gehaltsniveau in z.B. Deutschland gewöhnt, dass Ried ihnen im Jahr 2017 nie und nimmer eine Summe bieten kann, für die sie noch einmal in der Bundesliga ihre Schuhe schnüren würden. Die SVR konkurriert gehaltstechnisch mit der dritten deutschen Liga! Aber natürlich nicht nur Ried.

Der Spielerpool, in dem die „Wikinger“ fischen können, ist also maximal noch ein Planschbecken

Auch sonstwo in Österreich müssen Klubs einsehen, dass sie finanziell nicht mehr in der Lage sind, mit Vereinen aus der zweithöchsten deutschen, englischen oder italienischen Spielklasse zu konkurrieren. Das führt dazu, dass die Top-Klubs des Landes direkt auf junge Talente setzen, die vor einigen Jahren noch ohne weiteres Zwischenstation in Ried gemacht hätten.

Rapids Manuel Thurnwald und Max Wöber, Austrias Dominik Prokop und Marko Kvasina wären vor nicht allzu langer Zeit noch klassische Ried-Spieler gewesen. Vom Jugendwahn, der durch Ralf Rangnicks Ankunft in Salzburg ausgebrochen ist, ganz zu schweigen. Der Spielerpool, in dem die „Wikinger“ fischen können, ist also maximal noch ein Planschbecken.

Die naheliegende Lösung dieses Problems: Einfach selbst Spieler ausbilden, die weiterhelfen. Das klappt in Ried aber seit geraumer Zeit auch nicht mehr so recht. Anel Hadzic, Franz Schiemer, Peter Hackmair, Philipp Huspek, Marcel Ziegl – sie alle sind Vorzeige-Absolventen der Rieder Akademie. Seit 2000 hat die Ausbildungsstätte der „Wikinger“ Akademie-Status und nimmt damit eine der Vorreiterrollen in Österreich ein.

Doch die Konkurrenz hat aufgeholt und überholt. Auch das ist eine Frage des Geldes, aber nicht nur. Rund 700.000 Euro Budget hat die Rieder Akademie und damit mindestens ein Viertel weniger als jene der Großklubs.

Und die geographische Lage erschwert die Arbeit der AKA Ried zusätzlich. Nur rund 60 Kilometer entfernt betreibt Red Bull eine der besten Ausbildungsstätten Europas, rund 80 Kilometer entfernt sammelt Lokalrivale LASK seine Talente. Angesichts dieser Konkurrenz ist die Rieder Attraktivität freilich überschaubar.

Wer bezahlt noch 18 Euro für einen oftmals eher mäßigen Kick bei ungemütlichen Temperaturen, wenn er für etwas mehr als die Hälfte einen Monat lang die europäischen Topligen bequem von der Couch aus verfolgen kann?

Apropos Attraktivität: Während sich der Zuschauerschnitt in Ried vor zehn Jahren bei rund 5.000 bewegte, beträgt er aktuell nur noch 3.500, ein Rückgang von rund 30 Prozent. Der Fußball-Overkill, der in jüngerer Vergangenheit über sämtliche Kanäle vertrieben wird, hinterlässt seine Spuren. Wer bezahlt noch 18 Euro für einen oftmals eher mäßigen Kick bei ungemütlichen Temperaturen, wenn er für etwas mehr als die Hälfte einen Monat lang die europäischen Topligen bequem von der Couch aus verfolgen kann? Zum Glück doch noch einige, aber keine Massen mehr.

Der Infrastruktur-Bonus, den die Rieder durch ihren Stadionbau 2003 erlangt haben, ist längst verwirkt. Aber freilich waren und sind diese Investitionen nicht umsonst. Wenn 2018 die Ligareform greift, sollte die SV Ried nicht zuletzt deswegen in der höchsten Spielklasse mit von der Partie sein.

Ein Abstieg in dieser Saison könnte dahingehend allerdings verheerende Folgen haben – immerhin werden in der kommenden Spielzeit zumindest drei Klubs aus dem Quartett LASK, Austria Lustenau, FC Wacker und SV Horn mit dem Bundesliga-Absteiger 2017 um zweieinhalb freie Plätze in der Zwölferliga kämpfen.

Sollte es Ried aber im Sommer 2018 in die quasi geschlossene Gesellschaft schaffen, wird der Verein dort keine Führungsrolle einnehmen, sondern ums nackte Überleben kämpfen. Es sei denn, es wird eine neue Nische gefunden. Sofern es diese für ehemalige Vorzeigevereine wie die SV Ried überhaupt noch gibt.

Textquelle: © LAOLA1.at

Schlusslicht SV Ried: Es wird ungemütlich im Innviertel

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