NEWS

Englands Nachwuchs-Wunder: Neue Könige der Löwen

LAOLA1 Foto: ©

England träumt wieder. 51 Jahre ist der größte Erfolg des Mutterlands mittlerweile her – der WM-Titel 1966.

Seither folgen praktisch im Zwei-Jahres-Rhythmus herbe Enttäuschungen. Nie wieder haben es die „Three Lions“ seither in ein WM- oder EM-Endspiel geschafft, die Semifinal-Teilnahmen 1968, 1990 und 1996 waren die Highlights.

Doch der Sommer 2017 schürt auf der Insel die Hoffnung auf eine goldene Zukunft. Die Nachwuchs-Teams der Engländer haben sensationelle Ergebnisse eingefahren. U17-Weltmeister, U19-Europameister und U20-Weltmeister. Geschlechterübergreifend waren nicht weniger als acht Nachwuchs-Nationalteams bei Endrunden vertreten.

"Wir haben eine neue goldene Generation"

Gary Lineker

"Du bist vielleicht der Beste in deinem Alter in diesem Land, aber für die Premier League musst du der Beste aus 70 Ländern in einer Altersbandbreite von 17 bis 35 sein"

Gary Iscott, Akademie-Direktor bei Crystal Palace
AlterEventErgebnis
U17EMFinalist
U17WMSieger
U19EMSieger
U20Toulon*Sieger
U20WMSieger
U21EMHalbfinalist

*Das Toulon-Turnier ist ein sehr angesehenes jährlich stattfindendes, nicht von der UEFA organisiertes U20-Turnier, an dem 2017 erstmals 12 Nationen teilgenommen haben


„Das ist der Beweis, dass wir die besten Nachwuchs-Entwickler der Welt in unserem Land haben und sie entwickeln die besten Spieler der Welt“, tönt Howard Wilkinson, einst Technischer Direktor des englischen Verbands FA.

Die Zahlen aus dem Jahr 2017 geben ihm Recht. Bisher gelang nur Brasilien 2003, in einem Jahr U17- und U20-Weltmeister zu werden. Keine andere Nation zuvor hat drei Endrunden in einem Jahr gewonnen. In den fünf Endrunden (U17-EM und -WM, U19-EM,  U20-WM, U21-EM) haben englische Teams 88,2 Prozent der 34 Spiel gewonnen, nur im Elferschießen Niederlagen kassiert und insgesamt eine Tordifferenz von +62 aufzuweisen.

„Wir haben eine neue goldene Generation“, jubelt Gary Lineker. David Beckham ist sich sicher: „Wir haben eine rosige Zukunft vor uns.“

Tatsächlich hat die FA in den vergangenen Jahren eine Menge Arbeit und Geld investiert, um die Lücke zwischen der Premier League und dem Nationalteam zu schließen. Während die englische Meisterschaft als kompetitivste und beste Liga der Welt angesehen wird, haftet den „Three Lions“ eher der Ruf des Mitläufers an – Nationen wie Deutschland, Spanien und Italien haben auf Nationalteamebene weitaus größere Erfolge aufzuweisen.

Experten und Fans sind von diesem Ziel inzwischen ein wenig abgerückt. Angesichts der jüngsten Erfolge im Nachwuchs rechnen Englands Medien, auch die seriösen, erst 2026 mit dem ganz großen Wurf, weil dann die Altersstruktur in der Mannschaft ideal dafür sei.

Der Knackpunkt dieses Unternehmens liegt jedoch nicht in der Hand der FA. Der Alltag der Talente findet bekanntlich auf Klub-Ebene statt. Und genau dort hat es in den vergangenen Jahren immer gehakt.

Von den 23 Spielern, die England zur U21-EM geschickt hat, hatten mit Nathaniel Chalobah (Chelsea), Jordan Pickford (Sunderland), Alfie Mawson (Swansea) und James Ward-Prowse (Southampton) lediglich vier Spieler bei ihren Stammvereinen regelmäßige Profi-Einsätze.

Nur 41 Engländer unter 22 Jahren durften in der Vorsaison zumindest ein Premier-League-Spiel bestreiten. Insgesamt brachten sie es auf 16.532 Einsatzminuten (im Schnitt 403). Zum Vergleich: In Frankreich waren es 98 Spieler mit 79.062 Spieminuten (Schnitt 806). Andere Statistiken schlagen in dieselbe Kerbe.

„Es ist schwierig, weil unsere Liga die beste ist. Das hilft unseren Spielern nicht, weil durch die Globalisierung ausländische Eigentümer, ausländische Trainer und ausländische Spieler kommen. Sie haben uns Trainern und unseren Spielern geholfen, aber der Fakt, dass englische Spieler deswegen nicht mehr spielen, ist ein Problem“, sagt U21-Teamchef Aidy Boothroyd.

Die Diskussion darüber, wie Englands Talente zu Spielzeit gelangen sollen – oder, ob sie das in jungen Jahren überhaupt müssen, ist längst entbrannt. Die auf der Insel obligatorischen Leihen in untere Ligen, der Umstand, dass Spieler so gut wie nie ins Ausland wechseln, das Argument, dass das Training mit den besten Spielern der Welt viel wert sei – all das wird ins Treffen geführt.

Manchester Citys Trainer Pep Guardiola kritisierte unlängst die neue Premier League II, faktisch eine U23-Meisterschaft, und schlug vor, B-Teams in den regulären Ligenverband aufzunehmen, wie das in seiner Heimat Spanien der Fall sei. Eine in England nicht mehrheitsfähige Meinung.

Die Lösung für Manchester City: La-Liga-Klub Girona, mit dem der Verein eng verstrickt ist und wohin im Sommer einige hoffnungsvolle Talente verliehen wurde, um Spielpraxis auf hohem Niveau zu sammeln.

Dass mit ein wenig Mut Talente auch in der Premier League reifen können, beweist Tottenham-Coach Mauricio Pochettino, der Spieler wie Harry Kane, Dele Alli und Eric Dier ins kalte Wasser geworfen hat – mittlerweile ist dieses Trio das Herz der englischen Nationalmannschaft.

Für Gary Iscott, Akademie-Direktor bei Crystal Palace, ist es Sache der Ausbildner, die vielversprechenden Youngster auf den Sprung vom Talent zum Profi vorzubereiten: „Man muss versuchen, sie am Boden zu halten. Jede Einberufung in ein Nachwuchs-Nationalteam hat einen Nebeneffekt. Es ist wie eine Alarmglocke, die alle Agenten und Groß-Klubs aufschreckt.“

„Ich erinnere mich an eine Zeit, als wir einige Spieler in der U19-Auswahl hatten und man hat ihnen richtig angesehen, wie sie dachten: ‚Ich bin der Beste auf meiner Position in England, ich werde es garantiert schaffen.‘ Wir nehmen sie dann zur Seite und sagen ihnen: ‚Du bist vielleicht der Beste in deinem Alter in diesem Land, aber für die Premier League musst du der Beste aus 70 Ländern in einer Altersbandbreite von 17 bis 35 sein!‘“

Der Hype rund um Phil Foden (Manchester City), Rhian Brewster (Liverpool), David Brooks (Sheffield United) und Co. ist da. Doch der Weg ist noch richtig weit. Bis dahin wird in England wie immer geträumt, und neuerdings auch sehr professionell gearbeitet.

Kommentare