ÖFB-Team: Der ernüchternde Reality-Check

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Am Tag vor dem Polen-Spiel hat LAOLA1 einige Fragen gestellt, deren Beantwortung für den Erfolg oder Nicht-Erfolg dieser EM-Qualifikation von Relevanz sein werden.

Der Plan war, diese "Zielvereinbarung" im Laufe der Qualifikation zu überprüfen. Damit, dass bereits nach zwei Spielen ein Reality Check von Nöten ist, der noch dazu in allen Punkten unerfreulich ausfällt, war so nicht zu rechnen.

Nach dem 0:1 gegen Polen und dem 2:4 in Israel sind Konsequenzen gefordert, wie ÖFB-Präsident Leo Windtner vehement fordert. Teamchef Franco Foda wiederum will sich ohne Populismus Maßnahmen überlegen.

Es gibt diverse kleine und größere Rädchen an denen man drehen kann - beim nächsten Lehrgang und jenen danach.

Die Bestandsaufnahme anhand der exakt gleichen Fragen wie vor dem Match gegen Polen:

WIE GUT GREIFEN FODAS IMPULSE?

Wenn man Foda zum Teamchef bestellt, hat man sich sicherlich genau überlegt, was man haben will. Der Deutsche ist als Trainer seit Jahren bekannt - mit all seinen Vor- und Nachteilen.

Dass nach Ergebnissen wie diesen auf den 52-Jährigen eingeprügelt wird, ist der in diesem Geschäft logische Reflex - so weit, so normal. Auch dass dies teilweise etwas unreflektiert geschieht, kommt nicht komplett unerwartet.

Was sind die Impulse, die von Foda erwartet wurden und wegen denen er den Job bekam? An allererster Stelle stand der Wunsch nach flexiblerem Auftreten, und dieses Versprechen löst er bedingungslos ein. Vielleicht sogar übertrieben bedingungslos.

Auch hier wieder mit allen Vor- und Nachteilen. Man kann nicht behaupten, dass Foda zum Beispiel gegen Polen das komplett falsche Rezept gewählt hätte, so wie Österreich den Gegner in der Anfangsphase an die Wand spielte und auch im weiteren Spielverlauf zeitweise besser war.

Der Nachteil dessen, dass Foda von Spiel zu Spiel eine mal mehr, mal weniger veränderte Variante auspackt, ist jedoch ebenso offenkundig - und das gerade in Notsituationen wie in Israel. Dieses Team scheint inzwischen keine Variante mehr in petto zu haben, in der es sich bedingungslos wohl fühlt, in der ein Rädchen ins andere greift, auf die man sich gerade in schwierigen Phasen verlassen konnte.

Marcel Kollers lange Zeit praktiziertes 4-2-3-1 wurde ausrechenbar, aber jeder Spieler hatte in Fleisch und Blut, was er zu tun hat, wie und wann er einen Gegner anlaufen muss, wie der Laufweg in der Offensive ist. Derzeit wirkt vieles zu improvisiert.

Dass Foda als Trainer dafür steht, kompakt aufzutreten, kann auch niemanden überraschen. Gerade in Haifa hätte es sich jedoch angeboten, die anfangs nur bedingt sattelfeste Defensive der Gegner mit dem unter Koller praktizierten Angriffspressing von Beginn an zu überrollen und so vielleicht frühzeitig alles klar zu machen. Und dass es richtig mühsam wird, wenn das eigene Auftreten nicht kompakt genug ist, ist logisch.

Das Kuriose an der Situation ist, dass Foda seinen Variantenreichtum erst relativ spät für sich entdeckt hat. Bei Sturm war er lange Zeit ein Coach, der relativ stur sein System durchzog.

Beim Nationalteam funktionierte die flexible Herangehensweise zu Beginn seiner Ära derart gut, dass er sich womöglich ein wenig täuschen ließ und seine Spieler inzwischen auch ein Stück weit überfordert. Ob es helfen würde, wieder einen Schritt zurück zu den Basics zu machen? Eine gute Frage.

Fest steht nur, dass auf Nationalteam-Ebene schlichtweg zu wenig Trainings zur Verfügung stehen, um jede Variante ausreichend zu verfeinern. Möglicherweise liegt es auch daran, warum das ÖFB-Spiel derzeit phasenweise einen unausgegorenen Eindruck macht.

Gleichzeitig gab es jedoch sowohl gegen Polen als auch in Israel zu gute Phasen, um es alleine darauf zurückzuführen. Das simpelste Beispiel: Ein wenig mehr Kaltschnäuzigkeit im Verwerten der Chancen und Foda dürfte sich wohl gerade als Meister-Taktiker feiern lassen. Aber dazu in weiterer Folge mehr.

WER HEIZT DEN KONKURRENZKAMPF ERFOLGREICH AN?

Das ernüchternde Fazit nach diesen beiden Lehrgängen? Kaum jemand. Und das ist nach einem Camp, bei dem der Kader verletzungsbedingt ohnehin schon geschwächt war, eine Enttäuschung. Schließlich bot die Personalsituation die Gelegenheit, seinen Platz entweder zu festigen oder sich aufzudrängen.

Ein wenig in den Vordergrund gespielt, und das unerwartet, hat sich Maximilian Wöber, der gar nicht im Ursprungsaufgebot stand und seine Sache gegen Polen gut gemacht hat. In Israel ging er im Sog des kollektiven Versagens mit unter. Der Sevilla-Legionär ist dennoch eine Personalie, die man im Hinblick auf die Startelf nun im Blick haben muss.

Und sonst? Von jenen Akteuren, die sich nicht als absolut gesetzt betrachten dürfen, kam zu wenig. Warum gelingt es Marcel Sabitzer nicht und nicht, seine Leipzig-Leistungen im ÖFB-Dress abzurufen? Wo blieb in Israel, als er die Chance bekam, die Unbekümmertheit von Xaver Schlager?

Auch Peter Zulj musste gegen Polen zusehen und bekam in Haifa wieder eine Gelegenheit - wo blieben abseits vom frühen Assist seine guten Ideen? Andreas Ulmer hat mit David Alaba den vielleicht schwierigsten teaminternen Konkurrenten, aber warum gelingt es dem Routinier im Nationalteam selten bis gar nie sein Können abzurufen, wenn man ihn braucht?

Warum gelingt es Florian Grillitsch nicht, sich so unverzichtbar zu machen, dass er gegen Israel wieder aus der Startelf fliegt? Warum münzt Valentino Lazaro seine guten Ansätze nicht wesentlich konsequenter in Scorer-Punkte um - sein Tor in Nordirland ist nach 21 Länderspielen nach wie vor sein einziger?

Natürlich darf man auch die langgedienten Mitglieder der Startelf nicht aus der Pflicht nehmen. Alle Alarmglocken schrillen müssen, wenn ein langjähriger Nationalspieler wie Marc Janko, der ob seines Standbye-Status vielleicht auch ein wenig freier sprechen kann, folgendes von sich gibt: "Es gilt sich bewusst zu machen, was es bedeutet, Nationalspieler zu sein."

Wer dies nicht versteht, sollte hinterfragen, ob er die Nationalteam-Pause nicht an einem anderen Ort sinnstiftender nützen könnte. Und wer dazu nicht in der Lage ist, muss wohl mit einer Nichtnominierung zwangsbeglückt werden.

Konkurrenzkampf ist etwas Gutes und Belebendes, aber momentan kann man nur schwer den Eindruck gewinnen, dass allzu viele Kadermitglieder den nächsten Schritt machen wollen - was ein fließender Übergang zum nächsten Punkt darstellt.

BILDET SICH EINE GUT FUNKTIONIERENDE HIERARCHIE?

Das Thema Hierarchie in der Mannschaft ist eines, das stets nebenher ein wenig mitschwingt, aber nicht allzu intensiv diskutiert wird. Man muss auch hinterfragen, wie intensiv es intern behandelt wird.

Es ist nicht so, dass Foda dem keine Bedeutung beimisst. Schließlich ist dies der einzige Grund, warum Sebastian Prödl diesmal nominiert wurde. Und bei den Nachnominierungen von Marc Janko spielt dieser Aspekt eine gewichtige Nebenrolle.

Die übrigen Führungsspieler? Marko Arnautovic ist eine Stratege auf dem Platz, aber bestimmt nicht abseits davon. Das gab er rund um die leidige Kapitäns-Debatte im vergangenen Herbst auch zu. David Alaba könnte von dem, was er im Weltfußball erlebt hat, die wertvollsten Inputs geben. Inzwischen ist er bereits 26 Jahre alt - es wird zunehmend unwahrscheinlicher, dass er noch für konstruktive Hinweise in der Öffentlichkeit in die Geschichte eingehen wird.

Bleibt Kapitän Julian Baumgartlinger, der in Sachen Verantwortung abseits des Platzes die Hauptlast tragen muss. Bei diesem Lehrgang schien er sehr mit seiner eigenen Leistung beschäftigt. Wer springt dann ein?

Und genau das ist das Problem: Für intern wie extern meinungsstarke "Häuptlinge" wie Martin Harnik, Zlatko Junuzovic, Christian Fuchs oder Robert Almer, die auch am Platz vorangingen, haben sich nich nicht die entsprechenden Erben gefunden. Klar, das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht. Aber drängen sich genügend Kandidaten auf?

Grundvoraussetzung Nummer eins ist hier selbstverständlich, mit Leistung zu überzeugen. Momentan stehen zu viele "Indianer" im Kader, die nicht vehement genug die günstige Gelegenheit nützen wollen, in der Hackordnung zu steigen.

Im Idealfall sollte sich jetzt bereits klarer abzeichnen, wer dieses Team führen wird, wenn die aktuellen Führungsspieler wie Baumgartlinger oder Arnautovic einmal nicht mehr dem ÖFB-Aufgebot angehören. Und dieser Zeitpunkt wird alleine altersbedingt kommen.

Noch ein Gedanke zur Gruppendynamik: Dieser ÖFB-Kader gibt derzeit nicht das Wohlfühloasen-Bild ab wie lange Zeit unter Marcel Koller. Das ist erstens auch nicht unbedingt notwendig und zweitens deshalb auch ein wenig gewollt. Es soll ruhig intensiver um die Plätze gefightet werden, ein ÖFB-Camp muss nicht zwingend ein Familien-Treffen sein.

Aber man sollte den Punkt nicht übersehen, an dem man vielleicht nicht mehr füreinander durchs Feuer geht. Vom Spirit her gibt dieser Kader derzeit nicht das Bild ab, das einer alles für den anderen - und zwar für jeden - tun würde, dass jeder für den anderen läuft. Sollte dies in Wahrheit eh der Fall sein, sollte man sich eben Gedanken machen, warum dies nicht rüberkommt.

WER SCHIESST DIE TORE?

Eingeleitet haben wir diesen Punkt vergangene Woche denkbar simpel: "Die Beantwortung dieser an sich banalen Frage ist im Laufe dieser Qualifikation besonders wichtig."

Ja eh. Leider.

Man kann Mentalität oder Leidenschaft dieser Mannschaft bashen so viel man will, aber niemand würde diese Worte auch nur in den Mund nehmen, hätte man die Chancen, die zu Genüge da waren, ähnlich effizient verwertet wie Polen und Israel. Denn eines muss man auch festhalten: Eine komplett leidenschaftslose und untalentierte Mannschaft würde sich diese Gelegenheiten erst gar nicht erarbeiten.

Das Talent, diese Chancen zu verwerten, ist jedoch derzeit nicht gut genug ausgeprägt. Abseits von Arnautovic befindet sich kaum ein Akteur im Kader, dem man das Attribut Goalgetter verleihen könnte.

Im Laufe des Lehrgangs wurde es bereits thematisiert, es sei jedoch noch mal festgehalten: Diese Frage darf keinesfalls alleine auf die - zugegeben riesige - Stürmer-Problematik reduziert werden.

Richtig ist, dass selbst Israel mit Munas Dabbur und Eran Zahavi in diesen Duellen im Angriff quantitativ besser aufgestellt war, von der Qualität der polnischen Weltklasse-Stürmer ganz zu schweigen.

Aber es bleibt auch anderen Spielern nicht verboten, Tore zu erzielen - beginnend bei Aleksandar Dragovic, der sich seine Chancen löblich erkämpfte, aber zeigte, warum er kein Stürmer ist, über Akteure wie Lazaro, Sabitzer, Zulj, und und und. Ohne den bedingungslosen Willen, den Ball in aussichtsreicher Position über die Linie zu drücken, wird es in diesem Qualifikations-Jahr schwierig.

AGIERT MAN WIEDER GNADENLOS ERGEBNISORIENTIERT?

Schauen wir uns bei diesem Gedankenspiel einige Schnittpartien beginnend mit der EURO 2016 an:

  • Nach dem 0:2 zum Auftakt gegen Ungarn fragte man sich im ÖFB-Team, ob es angesichts des Spielverlaufs nicht klüger gewesen wäre, mit weniger Risiko das durchaus mögliche Unentschieden mitzunehmen anstatt sich in eine gehörige Drucksituation zu bringen. Diese wurde letztlich nicht bewältigt.

  • Kommen wir zur folgenden WM-Qualifikation. Beim 2:3 in Serbien war es löblich, dass man unbedingt noch den Sieg einfahren wollte, nachdem man in einer verrückten Partie zwei Mal den Ausgleich geschafft hat. Aber wäre es im Nachhinein nicht klüger gewesen, den Punkt mitzunehmen? Auch mit dieser Niederlage begann der Faden zu reißen.

  • Ein weiteres Beispiel aus der Nations League. In Bosnien-Herzegowina war für alle Beteiligten zu spüren, dass es im Spiel nach vorne nicht nach Wunsch lief. Defensiv ließ man lange Zeit jedoch recht wenig zu. Auf das Auwärts-Remis zu spielen, wäre wohl kein Fehler gewesen, so kassierte man das späte 0:1.

  • Israel ist eine andere Baustelle, aber gerade das 0:1 gegen Polen fällt in die Kategorie Spiel, in dem es in allen Belangen an Cleverness fehlte. Jedes Spiel gewinnen zu wollen, ist sicherlich kein falscher Zugang. Noch falscher ist es jedoch, am Ende mit leeren Händen dazustehen.

Im ÖFB-Team muss man sich schon fragen, woher die Tendenz rührt, in jüngerer Vergangenheit gerade Schnittpartien entweder nicht auf seine Seite zu ziehen oder nicht einmal zumindest das Minimalziel zu erreichen. Fehlende Abgezocktheit? Fehlendes Kalkül?

Gerade diese Niederlagen waren es, die in den vier jeweiligen Wettbewerben früh für eine gehörige Drucksituation sorgten und dem Nachteil, dass man hinterherlaufen musste.

Vier Mal in Folge ist ohne jeden Zweifel zu viel und lässt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich nur um Zufall handelt, gehörig sinken.

Anderes Beispiel: Die erfolgreiche Quali für die EURO 2016 begann mit einem 1:1 im Heimspiel gegen Schweden. Dies wurde damals als Enttäuschung wahrgenommen. Sicher wäre ein Sieg schöner gewesen. Die Realität war jedoch auch, dass ein direkter Konkurrent schon mal nicht um drei Punkte enteilt war.

In einer Qualifikation steht genau eines über allem anderen: Das Ergebnis. Aktuell ist das Nationalteam ohnehin wieder in einer Situation, in der man selbigem in den kommenden acht Spielen alles unterordnen muss. Allerdings ist dies zum wiederholten Male mit mehr Druck, als einem lieb sein kann, garniert.

GELINGT ES, WIEDER EINE EINHEIT MIT DEN FANS ZU BILDEN?

So ganz sicher nicht.

Man darf jetzt schon gespannt sein, wie der Support beim nächsten Heimspiel gegen Slowenien in Klagenfurt aussehen wird - das Wörthersee-Stadion gilt ja bekanntlich ohnehin nicht als Arena, in dem bei Länderspielen gnadenlos gute Heimspiel-Athmosphäre herrscht.

Die Problematik ist jedoch weitreichender. Dass die Niederlagen gegen Polen und Israel das Band zwischen Mannschaft und Fans nicht gerade stärken, ist ohnehin klar.

Man sollte diesbezüglich jedoch auf das Polen-Spiel, als man von diesen Pleiten noch nichts wissen konnte, zurückblenden. Erstens war dieses Match zwar gut besucht, aber nicht ausverkauft - und das gegen den Favorit in dieser Gruppe.

Zweitens war von jenen, die den Weg ins Happel-Oval gefunden haben, ein mehr als respektabler Anteil im Lager der Polen. Vorsichtig formuliert.

Dass Publikumszuspruch in Österreich erfolgsabhängig ist (oder durch attraktive Gegner gefördert wird), ist nichts Neues. Damit hat man auch beileibe kein Alleinstellungsmerkmal. In Haifa wurde uns am Tag vor der Partie erklärt, dass das Österreich-Spiel bei einem Sieg gegen Slowenien wohl ausverkauft gewesen wäre. So war das Sammy Ofer Stadion eher kein Hexenkessel.

Aber man sollte sich im ÖFB-Team fragen, warum man sich derzeit so schwer tut, die eigenen Anhänger zu erreichen, sie zu berühren und zu bedingungsloser Unterstützung zu motivieren. 2018 waren die Ergebnisse noch gut genug, dennoch herrschte im Herbst kein Ansturm auf die Tickets. Warum?

Koller erkannte dieses Problem früh und unternahm alles, um seine Elf so volksnah wie möglich zu platzieren. Der Gunst um Publikums-Stimmen erinnerte teilweise schon an Wahlkämpfe. Manchmal hatten gerade unscheinbare Schachzüge wie einst das Gruppenfoto mit Fans in Seefeld eine nicht zu unterschätzende Wirkung.

Jetzt sind in erster Linie Ergebnisse gefragt. Wenn diese wieder stimmen, wird man sich beim ÖFB aber auch auf diesem Gebiet wieder mehr einfallen lassen müssen.

Textquelle: © LAOLA1.at

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