Katar: Ein Land verändert die Fußballwelt

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Katar - ein Land mit gerade einmal 2,7 Millionen Einwohnern mischt seit etwas mehr als fünf Jahren die gesamte Fußball-Branche auf. Mit viel Geld und viel Engagement, sorgt Katar für eine Sensation nach der anderen.

Das Emirat am Persischen Golf hat seinen enormen Reichtum den unter der Erde schlummernden Erdgas- und Erdölvorkommen zu verdanken. Da diese Ressourcen jedoch endlich sind, investiert Katar bereits offensiv in die Zukunft. Das gestaltet sich nicht einfach, denn dem Wüstenstaat und Ausrichter der WM 2022 werden massive Verstöße gegen Menschenrechte und die Finanzierung von Terroristen vorgeworfen.

Um sich für die Zeit nach den fossilen Rohstoffen zu rüsten und sein Image in der Welt aufzupolieren, engagiert sich das Emirat seit einigen Jahren offensiv im Sport, insbesondere im Fußball. Diese globale Imagekampagne besteht aus vielfältigen Engagements. Versucht man das gesamte Bild zu skizzieren, ist es hilfreich, sich zunächst die einzelnen Puzzleteile anzuschauen.

Was ist die Qatar Sports Investments (QSi)?

Nasser Al-Khelaifi
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Über allem steht die Qatar Sports Investments - kurz QSi. Sie wurde 2005 vom heutigen Staatsoberhaupt Katars, Emir Tamim bin Hamad Al Thani, als Staatsfonds ins Leben gerufen. Das bedeutet, dass Kapital im Interesse des Staates Katar in den Sportsektor investiert wird.

Den Vorsitz hat seit 2011 Nasser Al-Khelaifi inne, der zudem nicht nur Klubpräsident von Paris St. Germain sondern auch CEO der "beIN Media Group", einem international agierenden, katarischen Medienkonzern, ist.

In dieser Rolle wurden kürzlich Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Er soll dem gesperrten Ex-FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke "nicht gebührende Vorteile" bei der Vergabe von Medienrechten für die Weltmeisterschaften 2026 und 2030 verschafft haben. Außerdem gilt er als enger Vertrauter des Emir von Katar.

Neben Großinvestitionen in Klubs wie dem FC Barcelona, Paris St. Germain und vielen anderen Beteiligungen, gehört der QSi auch die Spormarke "Burrda Sports", die unter anderem Trikotsponsor der belgischen Nationalmannschaft ist.

Paris St. Germain:

Im Mai 2011 sichert sich Qatar Sports Investments (QSi) 70 Prozent der Anteile am französischen Hauptstadtklub, 2012 wurde PSG dann vollkommen durch die Katarer übernommen.

Al-Khelaifi stellte nach seiner Ernennung zum Präsidenten im Oktober 2011 einen Fünf-Jahresplan vor, der Paris an die Spitze des französischen und europäischen Fußballs bringen sollte. Im Juli 2012 verpflichtete man Zlatan Ibrahimovic als Aushängeschild für das "neue" PSG.

Seither wurden die Pariser für rund 1 Milliarde Euro mit neuen Spielen verstärkt - die bald fälligen 180 Millionen für Mbappe nicht mitberechnet. Die UEFA ermittelt bereits wegen Verstoßes gegen das "Financial Fair Play". Die höchsten Wellen schlug bisher der Rekordtransfer des brasilianischen Superstars Neymar, für offiziell 222 Millionen Euro.

FC Barcelona:

Barca beim Qatar-Airways-Cup 2016
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Im Jahr 2010 war es soweit. Der große Traditionsklub bricht mit seiner vielleicht einzigartigsten Tradition. Nach 111 Jahren ohne (kommerziellen) Trikotsponsor, druckt sich der FC Barcelona den Schriftzug der "Qatar Foundation" auf die Brust.

Barcas enorme finanzielle Schwierigkeiten machten den bis dato größten Deal der Fußballgeschichte möglich: Gewaltige 165 Millionen Euro überwies "Qatar Sports Investments" für einen Sechs-Jahres-Vertrag an die Katalanen.

Die ersten zwei Jahre zierte das Logo der "Qatar Foundation" das blau-rote Trikot, zur Saison 2013/14 wurde das legendäre Jersey zum Plakat für "Qatar Airways", ebenfalls ein Staatskonzern der Katarer.

FC Bayern:

"Wir würden uns mit diesem Thema nur dann auseinandersetzen, wenn so ein Partner perfekt zu dem FC Bayern passen würde. Also kein Scheich aus Dubai, kein Russe aus Moskau", meinte Karl-Heinz Rummenigge noch 2009, damals kursierten Gerüchte um einen neuen Megasponsor – Kategorie 100 Millionen Euro.

Seit 2016 ist nun der "Hamad International Airport" sogenannter "Platinsponsor" des FC Bayern. Der Flughafen ist Eigentum von Qatar Airways, einem direkten Staatsunternehmen Katars. Seit dieser Saison ziert das Logo des Flughafens auch die Trikotärmel der Münchner Kicker.

Nachdem sich Katar als Investor des FC Barcelona zurückgezogen hat, intensiviert das Emirat sein Engagement beim FC Bayern. Nach den Anteilseignern Audi, Adidas und Allianz sind die Katarer bereits größter Finanzier des Rekordmeisters.

"Wir als FC Bayern müssen eine andere Philosophie fahren", mahnt Rummenigge nun, als es um den Rekordwechsel von Neymar zu PSG ging. Doch die Vergangenheit zeigt, die Prinzipien des Vorstandsvorsitzenden sind dehnbar. Später wird es dann wohl heißen, man müsse "mit der Zeit gehen".

Übrigens: Seit 2011 absolvieren die Münchner ihre Wintervorbereitung schon im Wüstenstaat. Genauer gesagt in der "Aspire Academy", ein weiterer Big Player in Katars Sportoffensive.

Aspire Academy for Sports Excellence:

Hauptstandort der Aspire Academy, Doha
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Langfristig solle die Aspire Academy als "weltweit führendes Sportinstitut im Bereich Sichtung, Auswahl, Erziehung und Entwicklung von Champions" etabliert werden, schwärmt der Sportdirektor der Academy, Andreas Bleicher. Er trägt die Hauptverantwortung für den sportlichen Erfolg Katars bei der WM 2022.

Es handelt sich dabei um eines der größten Sportzentren der Welt. In ar-Rayyan, westlich der Hauptstadt Doha, für über eine Milliarde Euro gebaut, wurde sie im Jahr 2004 eröffnet und bietet unter anderem sieben immergrüne Fußballfelder, die weltgrößte Sporthalle, olympische Schwimmbahnen, Laufbahnen, Krafträume und Unterkünfte für über 1000 Athleten.

Einen interessanten Ableger der Akademie gibt es im Senegal: Dort werden ausgewählte Jung-Spieler aus ganz Afrika ausgebildet und zu unterschiedlichen Partnervereinen geschickt, sobald sie volljährig sind. Gerüchte, die ausgebildeten Spieler würden eingebürgert, um 2022 bei der Heim-WM für Katar aufzulaufen, weisen die Verantwortlich klar zurück. "Das ist ein komplett uneigennütziges Angebot des Staates Katar", rühmt sich Generaldirektor Christoph Henkel.

2008 startete die Academy ein Mega-Casting: Über 400.000 afrikanische Jung-Kicker wurden gescoutet, die besten 24 nach Katar zum Finale eingeladen. Am Ende durften sich ganze vier über ein Stipendium freuen.

Die Academy sah sich in der Vergangenheit häufig heftiger Kritik ausgesetzt: 2011 sagte die deutsche Stabhochspringerin Ariane Friedrich ihren Trainingsbesuch in Katar ab, da ihr Aufenthalt in der Wohnanlage als weibliche Athletin nicht erwünscht gewesen sei. Zudem sollen rund um die WM-Vergabe an Katar 2022 Bestechungsgelder in Form von Pseudo-Kooperationen über die Aspire Academy abgewickelt worden sein.

KAS Eupen:

Testspiel in der Aspire Academy: Arturo Vidal gegen Eupens Odeni George
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Ein Verein aus dem belgischen 20.000 Seelen-Örtchen Eupen, nahe der deutschen Grenze, stand 2012 praktisch vor der Insolvenz. Zur Rettung kam ein Investor und übernahm den Klub samt seiner vier Millionen Euro Schulden. Der Retter hieß: Aspire Zone Foundation. Der sportliche Leiter des KAS Eupen ist seitdem ein alter Bekannter: Daniel Bleicher, Leiter der Aspire Academy.

Seit November geht auch von der Trainerbank eine gewisse Strahlkraft aus. Der ehemalige französische Nationalspieler Claude Makelele soll das kriselndene Team wieder auf die Erfolgsspur lenken.

Bis zum Kauf des KAS durch die Katarer bestand das Team überwiegend aus belgischen und aus angrenzenden Ländern stammenden Spielern. Seit 2012 änderte sich das Mannschaftsgefüge: Mehr und mehr Spieler aus Afrika, auch drei Katarer finden sich nun in den Reihen Eupens. So gut wie alle Youngster rekrutieren sie aus der Fußball-Akademie im Senegal.

Ein ähnliches Konstrukt existiert in Spaniens zweiter Liga. Cultural Leonesa heißt der Klub, den die Foundation 2015 vor dem Bankrott rettete. Doch auch in Österreich kooperiert ein Klub, neben den Salzburgern, die in Katar ihr Wintertraining absolvieren, mit der Aspire Academy.

LASK:

Im November 2014 gab der LASK seine Kooperation mit der Aspire Academy bekannt. Einen "Koffer voller Geld" werde nicht nach Linz geschickt, wohl aber Talente. "Wir wollen auch im Nachwuchs internationaler werden", sagt LASK-Sportberater Jürgen Werner. Im darauffolgenden Winter durften auch die Athletiker die Annehmlichkeiten der Aspire Academy genießen.

Assim Omer Al Haj Madibo:

Ein Paradebeispiel für den Werdegang eines Spielers aus den Fittichen der Aspire Academy ist Eupens Neuzugang Assim Madibo.

Der gebürtige Katarer wurde in der Aspire Academy Doha ausgebildet und fand von dort aus den Weg zum LASK nach Linz.

Ein Jahr später wechselte er zu Cultural Leonesa in Spanien. Nach einem kurzen Gastspiel in Katar bei Al-Duhail Sports Club (deren Vorsitzender auch Eigentümer des FC Malaga und ein Verwandter von Katars ehemaligen Emir Sheik Hamad ist), ging es ins beschauliche Eupen.

WM 2022:

Baustelle des Al Bayt Stadium in Doha
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Bisher größter Coup der Sport-Image-Offensive: Der Zuschlag für die Fußball-WM 2022. Bei diesem Thema weiß man nicht, wo man überhaupt anfangen soll:

Ein ganz offensichtlicher Kritikpunkt ist natürlich, dass das Klima im Wüstenstaat die Athleten und Zuschauer an ihre Grenzen bringen wird. Als Lösung wurde das Turnier in die Wintermonate verlegt, was weitreichende Konsequenzen für die Vereinswettbewerbe weltweit hat. Selbstverständlich sind trotzdem alle Stadien vollklimatisiert. Rund 200 Milliarden Dollar investiert der Wüstenstaat bis 2022 in die Infrastruktur.

Jedoch ist das Klimaproblem völlig marginal gegen die immer wiederkehrenden Medienberichte über die hohe Todesrate unter den Bauarbeitern. Unter sklavenähnlichen Umständen bauen Gastarbeiter (deren Pass einbehalten wird, sodass eine Ausreise unmöglich wird) Stadien, die nach der Weltmeisterschaft wieder leer stehen werden.

Franz Beckenbauer resümierte seinen Katar-Besuch und stellte fest: "Ich habe in Katar nicht einen einzigen Sklaven gesehen. Die laufen alle frei rum, weder in Ketten, gefesselt oder mit Büßerkappe am Kopf", eine Aussage die entweder an Naivität oder an Dreistigkeit nicht zu überbieten ist.

Die Skandale rund um die WM sind so zahlreich, dass die völlig offensichtlich korrupte Vergabe beinahe zu einem unwichtigen Detail verkommt.

Was tun?

Dass sich der Fußball bald endgültig von seinen moralischen Werten verabschiedet, hat auch mit der wachsenden Rolle Katars zu tun. Der Golfstaat pumpt noch mehr Geld in einen ohnehin schon völlig aufgeblasenen Markt. Institutionen, die diese Entwicklung einschränken könnten, wie die UEFA oder die FIFA, schauen entweder weg oder sind selbst eng mit Katar verbandelt und hängen tief drin im Korruptionssumpf.

Eindeutige Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen und Unterstützung des islamistischen Terrorismus schrecken die Fußball-Granden nicht davor ab, zu kooperieren, zu groß ist die Angst aus dem Hamsterrad geschleudert zu werden.

Katars fortlaufendem Bestreben, seine Rolle als Big-Player in der Sportwelt auszubauen, wird also vorerst keine Hürde in den Weg gebaut. Die WM in fünf Jahren samt ihrer Nachwehen wird für die Verantwortlichen wie Bleicher oder dem spendablen Emir Al Thani zum Gradmesser für die bisherigen Investitionen. Ein Etappenziel auf dem Weg zur Sport-Großmacht.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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