Aus dem Schatten des großen Bruders

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Die Jungs aus der Nachbarschaft haben fast jeden Tag an die Türe der Inzaghis geklopft. Die Bitte war jedes Mal dieselbe: „Magst du mit uns Fußballspielen, Pippo?“

Und wenn die Mama das Okay gegeben hat, war die Antwort auch jedes Mal dieselbe: „Nur, wenn Simone auch mitspielen darf.“

Am guten Verhältnis der Inzaghi-Brüder hat sich nie etwas geändert. Noch heute lassen sie keine Möglichkeit ungenutzt, sich gegenseitig zu unterstützen und öffentlich zu loben.

Mittwoch, 20:45 Uhr, Lazio-Roma im LIVE-Stream

Dass das brüderliche Konkurrenzdenken nie sonderlich ausgeprägt war, war Simones Glück. Er ist rund zweieinhalb Jahre jünger als Filippo und stand immer im Schatten seines großen Bruders. Während Pippo im Trikot von Juventus und vor allem Milan zur Legende wurde, praktisch alles gewann, was es zu gewinnen gab, war Simone zwar eine ganz gute, aber vergleichsweise recht glanzlose Karriere vergönnt (2 Länderspiele, 1x UEFA-Cup-Sieger, 1X Meister und 3x Coppa-Sieger mit Lazio).

Im Alter von 40 Jahren ist Simone Inzaghi aber plötzlich obenauf. Während sein Weltmeister-Bruder nach einem eher missglückten Engagement beim AC Milan in der dritten Liga bei Venezia ein eher tristes Trainer-Dasein fristet, überrascht er als Lazio-Coach.

Der Papa wusste es sofort

Der Weg dorthin hat einige Zeit gedauert. Sechs Jahre lang hat der Ex-Stürmer das Trainer-Handwerk im Lazio-Nachwuchs von der Pike auf gelernt. Regelmäßig holte er Titel mit dem Römer Nachwuchs.

Und dann kam das Derby Anfang April 2016. Papa Giancarlo erzählt die Geschichte nur zu gerne: Als Diego Perotti in der 87. Minute zum 4:1 für die Roma einschoss, drehte er sich im heimischen Wohnzimmer zu seinem ältesten Sohn und sagte: „Dein Bruder ist gerade Lazio-Trainer geworden.“

Wenige Stunden später erklärte der Klub tatsächlich die Trennung von Coach Stefano Pioli und die Einsetzung Inzaghis als Interimstrainer. Vier Siege in sieben Spielen holte der Novize bis zum Saisonende, die Kritiken waren gut. Doch die Klub-Führung hatte andere Pläne.

Er solle doch bitte in der kommenden Saison bei Salernitana in der Serie B – Lazio-Eigentümer Claudio Lotito besitzt auch diesen Verein – verbringen. Inzaghi nahm die Herabstufung hin, ohne in der Öffentlichkeit auch nur ein böses Wort zu verlieren.

Der Irrsinn mit Bielsa

Immerhin hatte es Lotito auf einen Großen seines Fachs abgesehen: Marcelo Bielsa sollte die hohen Erwartungen der Römer erfüllen. Doch „El Loco“ machte seinem Spitznamen wieder einmal alle Ehre. Denn in den Wochen darauf ging alles schief, was nur schiefgehen konnte.

Bielsa einigte sich mit dem Klub und unterschrieb einen Vertrag, als er das erste Training leiten sollte, war er aber einfach nicht da. Was folgte, waren absurde Anschuldigungen beider Seiten.

Bielsa behauptete, Lazio habe ihm Neuverpflichtungen versprochen, mit den Spielern dann aber gar keine Gespräche geführt. Lazio behauptete, der Neo-Coach wollte das Geld für Neuzugänge selbst verwalten, habe absurde Forderungen gestellt und außerdem habe Roma-Sportdirektor Walter Sabatini dazwischengefunkt und dem Argentinier falsche Geschichten über Lazio aufgetischt.

Was von dieser wenig ruhmreichen Episode blieb, war eine Mannschaft, die praktisch ohne Trainer in die Vorbereitung gestartet war, Fans, die wüst gegen Klub-Eigentümer Lotito protestierten und völlige Unklarheit in der Kaderplanung.

"Ich kenne die Herausforderungen bei Lazio"

Der Klub-Boss sprach von einem „vergifteten Umfeld“ und dass nun endlich wieder Normalität hergestellt werden müsse. Und er rief Inzaghi an, um ihm zu erklären, er sei jetzt doch wieder Cheftrainer. Er sei der Trainer, an den man immer geglaubt habe, verkündete Lotito.

„Das ist alles sehr plötzlich passiert. Zuerst habe ich geglaubt, ich bleibe, dann hat mir der Klub gesagt, ich solle zu Salernitana und dann hat sich das Schicksal doch anders entschieden“, sagte der Doch-wieder-Trainer damals. Einige Wochen später erklärte er vielsagend: „Ich bin seit 17 Jahren in diesem Verein, ich kenne die Herausforderungen.“

Der 40-Jährige hat diese Herausforderungen gemeistert, das Team schnell wieder in die Spur gebracht und blieb von Ende September bis Ende November sogar neun Spiele in Folge ungeschlagen.

Aktuell liegt Lazio auf dem fünften Platz, darf mit einer Europacup-Teilnahme spekulieren, ist in der Coppa Italia noch mit von der Partie und zählt auch wieder auf die Unterstützung seiner Ultras, die den wochenlangen Boykott im Herbst für beendet erklärt haben.

Lotito weiß das zu schätzen. Sollte Inzaghi am Ende der Saison einen internationalen Startplatz belegen, verlängert sich sein Vertrag automatisch, doch auch sonst will der Lazio-Boss seinem Trainer einen neuen Kontrakt anbieten. Und der wird bestimmt besser dotiert sein als die 800.000 Euro, die er aktuell pro Saison kassiert – damit schafft er es unter den Serie-A-Trainern gerade mal so unter die Top 10.

„Ich glaube nicht, dass irgendwer daran geglaubt hat, es war eine Mission Impossible, aber Simone hat es möglich gemacht. Was würden wir sagen, wenn Bielsa dort stehen würde, wo Simone jetzt steht? Wir würden ihn einen Zauberer nennen“, sagt Bruder Pippo über die bisherigen Leistungen seines Bruders.

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Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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