Das Erfolgsgeheimnis von Adi Hütter

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Der 19. Mai 2018 wird wohl für alle Ewigkeit in den Köpfen der Fans des deutschen Traditionsvereins Eintracht Frankfurt bleiben.

Im Finale des DFB-Pokals besiegt Frankfurt den Favoriten Bayern München mit 3:1 und feiert damit den größten Vereins-Erfolg seit 1988. Als Trainer Niko Kovac sein Team dann ausgerechnet in Richtung Bayern verlässt, glauben nur die wenigsten an eine neuerliche Erfolgssaison.

Und doch sieht es ein halbes Jahr später ganz danach aus, als würde die laufende Spielzeit der letzten in keiner Hinsicht nachstehen. Im Mittelpunkt: der Österreicher Adi Hütter. Der 48-Jährige ist seit Juli 2018 Trainer der Eintracht und liegt mit seiner Mannschaft nach 16 Bundesliga-Spieltagen auf Rang fünf.

Im Vorfeld des Topspiel gegen Bayern München am Samstag (ab 18:30 im LIVE-Ticker) spricht LAOLA1 mit dem Frankfurt-Coach sowie mit Young-Boys-Bern-Profi Thorsten Schick über Hütters erfolgbringende Philosophie.

Hütter will "den Menschen hinter dem Spieler kennenlernen"

"Ich bin ein Teamplayer, sehr kommunikativ, versuche auch den Menschen hinter dem Spieler kennenzulernen – das ist für mich sehr wichtig, dass man ein gutes Gefühl zusammenbekommt." Diese drei Eigenschaften, mit denen sich Adi Hütter bei der Vorstellungs-Pressekonferenz am 30. Mai selbst beschreibt, sind es auch, die fünf Monate später den derzeitigen Erfolg erklären.

Denn Eintracht Frankfurt gilt seit jeher als bunt zusammengemischte Truppe mit Spielern aus vielen verschiedenen Nationen. Hütter gelingt es in Frankfurt jedenfalls bereits früh, als Trainer für ein ruhiges Miteinander zu sorgen und ein starkes Teamgefüge zu schaffen.

Fans äußern früh Unmut

Dennoch sieht es zu Beginn der "Ära Hütter" ganz und gar nicht gut aus: Es setzt eine 0:5-Klatsche im Supercup, darüber hinaus ein überraschendes Ausscheiden im DFB-Pokal gegen den Drittligisten SV Ulm. Bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt wird der 48-jährige angezählt. "Hütter raus" fordern zahlreiche Frankfurt-Anhänger nach nicht einmal fünf Bundesliga-Spieltagen.

"Ich habe schon zu Beginn gewusst, dass es nicht leicht wird."

Adi Hütter über den Start seiner Arbeit

Dass es für die Eintracht zu Beginn nicht unbedingt gut laufen würde, war Hütter bewusst: "Ich habe schon zu Beginn gewusst, dass es nicht leicht wird. Wir hatten im Sommer ja einen großen Umbruch, Stammspieler haben den Verein verlassen, viele Neue sind gekommen. Noch dazu kam, dass sehr wichtige Spieler bei der Weltmeisterschaft mit ihren Nationen lange dabei waren und dementsprechend spät in der Vorbereitung zu uns gestoßen sind. Dann noch ein neuer Trainer mit neuen Ideen, also da kann man sich vorstellen, dass es nicht von heute auf morgen perfekt laufen kann."

Tatsächlich herrschte in Frankfurt eine turbulente Sommer-Transferphase. Insgesamt zwölf Kaderspieler – darunter Führungsspieler wie Torhüter Lukas Hradecky und Kevin Prince Boateng – verließen den Verein, elf neue kamen hinzu. Darüber hinaus herrschte bis zum Schluss Unklarheit über einen möglichen Wechsel von Ante Rebic. Der Kroate konnte im Endeffekt jedoch gehalten werden – Rebic verlängerte seinen Vertrag.

Schick von Spielphilosophie überzeugt

Thorsten Schick, Mittelfeldspieler bei den Young Boys Bern und ebenso wie Ex-Coach Hütter Teil der Berner Meistermannschaft aus dem Vorjahr, erklärt: "Ich glaube, dass Adi mit seiner Art von Fußball sicher relativ schnell für Begeisterung sorgen kann, wenn es funktioniert. Das braucht manchmal eben ein bisschen eine Zeit. Er verlangt viel von den Spielern. Spätestens jetzt sieht man, dass seine Philosophie nicht verkehrt ist."

Auch die Fans sind international auf Top-Niveau
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Und so geschieht es, dass sich nach den ersten Spieltagen in Frankfurt langsam aber sicher etwas entwickelt. Die Bundesliga-Bilanz seit der 6. Runde: 7 Siege, zwei Remis, zwei Niederlagen. Zwischenzeitlich ist man bewerbsübergreifend sogar zehn Spiele am Stück ungeschlagen. Denn abseits der Liga beenden Hütter und Co. die Europa-League-Gruppenphase vor Lazio Rom, Limassol und Olympique Marseille mit sechs Siegen aus sechs Spielen auf Platz eins.

Damit gelingt Frankfurt außerdem ein deutscher Rekord: Noch nie zuvor konnte eine deutsche Mannschaft in der Champions-, oder Europa-League-Gruppenphase sechs Siege einfahren. "Die SGE rockt Europa" – so lautet der Slogan der Frankfurt-Fans.

Taktische Flexibilität als Schlüssel zum Erfolg

Doch wieso läuft es genau seit dem 6. Bundesliga-Spieltag plötzlich so gut? Es liegt wohl an einer der großen Stärken Hütters – der taktischen Flexibilität. Denn, spielt die Eintracht in den ersten Wochen meistens noch in Hütters klassischer 4-4-2-Formation, wechselt der Österreicher daraufhin auf ein offensives 3-4-3 – mit der Besonderheit, dass zum ersten Mal seit langer Zeit in Frankfurt wieder zu dritt gestürmt wird.

Denn Adi Hütter steht wie sonst nur wenige andere für Fußball mit knallharter Offensive. Bereits bei seinen Ex-Vereinen SV Grödig, Red Bull Salzburg und den Young Boys Bern zeichnete den 48-Jährigen sein Powerfußball aus. Mit Erfolg – denn alle drei Vereine führte der 48-Jährige zu Meistertiteln in der jeweiligen Liga. Darüber hinaus erreichte Hütter mit dem damaligen Aufsteiger Grödig sensationell den dritten Bundesliga-Platz und die damit verbundene Europa-League-Qualifikationsphase.

Jovic (li.) und Rebic (re.) verstehen sich bestens
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Dass Frankfurt mit den Offensivmännern Ante Rebic, Luka Jovic und Sebastien Haller seit der laufenden Saison in Besitz eines „trio infernals“ ist, ist Hütter zu verdanken: „Die Idee, mit allen drei offensiven Spielern zu spielen, ist uns schon länger durch den Kopf gegangen. Aber man muss auch immer an den Gegner denken, und gegen Stuttgart hatte ich das Gefühl, dass der Zeitpunkt richtig ist, dies mal auszuprobieren und es hat wunderbar funktioniert. Alle drei haben große Qualität, auch wenn sie total unterschiedliche Spielertypen sind“, erklärt Hütter. Die beeindruckende Statistik: In der laufenden Saison kommen Rebic, Jovic und Haller zusammen bereits auf 33 Treffer.

Gleichzeitig will der Österreicher jedoch niemanden speziell herausheben. „Nicht nur diese drei haben Qualität, das geht oft in den Medien ein bisschen unter, da gibt es viele andere die Spiel für Spiel Top-Leistungen abliefern, sonst wären wir ganz sicher nicht dort wo wir jetzt sind.“

Hütter: "Wollen nicht ausrechenbar sein"

Hütter legt viel Wert auf taktische Variabilität
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In Bezug auf die taktische Flexibilität seiner aktuellen Mannschaft erklärt der 48-Jährige: "Es geht nicht immer nur um das Spielsystem, sondern auch um die Umsetzung. Mir ist auf der einen Seite schon sehr wichtig, dass wir eine klare Philosophie und Vorstellung haben, wie wir spielen möchten, auf der anderen Seite ist es aber auch extrem wichtig, nicht so leicht ausrechenbar zu sein." Es ist also zu erwarten, dass Hütter sein System noch öfters in dieser Saison adaptieren wird.

Die Umsetzung dieser Philosophie bestätigt auch Thorsten Schick: "Ich denke, seine taktische Flexibilität war auch der Schlüssel zum Erfolg, wieso wir mit den Young Boys Meister geworden sind. Die Grundausrichtung war meistens die gleiche, also das 4-4-2, aber wir haben öfters das System gewechselt. Er hat sich an Situationen angepasst. Es ist die gleiche Spielphilosophie in einer anderen Systematik. Seine Spielphilosophie, seine Muster und Abläufe sind dennoch klar zu erkennen, es ist eben nur das System ein anderes."

Gute Vorzeichen für erfolgreiche Saison

In welche Richtung sich die restliche Saison entwickeln wird, ist derzeit noch nicht ganz abzusehen. Eindeutig ist zumindest: Zum ersten Mal seit langer Zeit geht Eintracht Frankfurt nicht mehr als krasser Außenseiter in ein Duell gegen den Serienmeister Bayern München. In der Europa League wünscht sich jedenfalls niemand den Verein vom Main als Gegner. In Frankfurt ist eine große "Europhorie" ausgebrochen – für das letzte Gruppenspiel gegen Lazio Rom am 13. Dezember reisten 17.000 frenetische Fans in die italienische Hauptstadt. Um es noch deutlicher aufzuzeigen: Obwohl die Eintracht erst im Sechzehntelfinale der laufenden Europa-League-Saison steht, ist das Frankfurt-Stadion, die Commerzbank Arena, bereits jetzt bis zum Europa-League-Halbfinale ausreserviert.

Auf die Frage, ob Hütter seinen attraktiven und effektiven Powerfußball bis zum Ende der Saison durchziehen kann, antwortet YB-Profi Schick deutlich: "Wir haben letztes Jahr mit der Dreifachbelastung bewiesen, dass Trainingssteuerung in dieser Hinsicht ein ganz wichtiges Element ist. Das hat Adi in Bern schon sehr gut gemacht und ich bin davon überzeugt, dass sie das in Frankfurt auch sehr gut machen werden."

Zurzeit deutet also vieles darauf hin, dass die Saison 2018/19 eine für Frankfurter Verhältnisse sehr erfolgreiche werden kann. Vielleicht wird sich also, bei aller Bodenständigkeit, zum 19.05.2018 bereits im neuen Jahr ein weiteres Datum dazugesellen – etwa bei einem erfolgreichen Abschneiden in der Liga oder einer Finalteilnahme in der Europa League. Auszuschließen sind zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls beide Ereignisse keineswegs.


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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